Thees Uhlmann – Junkies Und Scientologen

Albumcover "Junkies und Scientologen" von Thees Uhlmann

Mit Scientology haben es die Kollegen von Grand Hotel Van Cleef aber! Erst spielte die „Boyband mit Tattoos“ – gemeint sind Adam Angst um Schreifuß, äh -hals Felix Schönfuß – mit dem Titel ihres zweiten Albums „Neintology“ auf die gleichermaßen berühmte wie kontroverse Sekte an. Nun taucht diese auch im namensgebenden Song von Thees Uhlmanns drittem Solo-Album auf. Beide Platten bringt die Hamburger Indie-Institution, die Uhlmann vor 17 Jahren mitbegründete und heute noch als einer der Geschäftsführer leitet, heraus. „Junkies und Scientologen“, wie der volle Titel des Werkes lautet, bietet jedoch mehr Platz für Geschichten aus dem echten Leben als ein erster Blick auf den Titel zunächst vermuten würde.

Schon der Auftaktsong „5 Jahre nicht gesungen“ ist trotz seiner eigentlich recht banalen Thematik – ja, Songs schreiben sich nicht von allein – eine wahrhaftige Ode an das Lebendig-Sein: es geht um die Liebe, um Einsamkeit, um Familie und um Verantwortung. Fürchtet man nach den ersten Klavier-Akkorden Sammy Deluxe würde nun zu rappen beginnen und man habe versehentlich doch ein Album der Beginner angeschmissen, kriegt Uhlmann fix die Kurve und reitet mit Band fest im Sattel sitzend gen Indie-Rock-Olymp. Kamen das selbstbetitelte Debüt und „#2“ musikalisch noch recht schlicht daher, so gibt sich Thees Uhlmann diesmal so vielschichtig und rockig wie lange nicht mehr – und macht damit alles richtig.

Große Hymnen, Pogo, tausend Lichter, Schunkeln

Avicii“, „Die Welt ist unser Feld“ und „Katry Grayson Perry“ rufen mit ihren Fäuste-Reck-Refrains nach gesittetem Pogo, „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“ mit seinen melancholischen Klavier-Spielereien nach unzähligen Feuerzeugen, die riesige Hallendecken anleuchten und der Titeltrack nach freundschaftlichem Geschunkel. Etwas pathetisch wird es in „Ein Satellit sendet leise“, einer Freundschafts-Hymne der anderen Art, die mit ihrer Trompete ganz leicht in Richtung Bombast schielt. 

Hymnen scheint Thees Uhlmann auch diesmal wieder besonders gerne zu schreiben: „100.000 Songs“, ein Liebeslied an die Rock-Musik, wird ironischerweise mit Xylophon versehen und darf kurzzeitig gar Kritik an der Gentrifizierungstendenz vieler Großstädte üben. „Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt“ bemängelt in verdrehter Perspektive den abwegigen Sexismus, Besitzstreben und Konkurrenzdenken einer Szene, die es immer mehr in den Mainstream rückt und damit auch an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt. Was mit Akustik-Gitarren-Geplänkel als Antithese zum oft stumpfen New-School-HipHop beginnt, bauscht sich nach und nach immer weiter zu einem gelassenen Mid-Tempo-Indie-Rock-Track auf.

Die Popkultur und das Leben

Auch seinen Hang zu popkulturellen Referenzen hat Thees Uhlmann in der 5-jährigen Songwriting-Abstinenz nicht abgelegt. Ermöglichen die Texte häufig auf der Metaebene einen kleinen Einblick in das Leben des 45-Jährigen, so springen einen auf den ersten Blick unter anderem die Scorpions, Bob MarleyKaty Perry, Stranger Things und Stand By Me an. Die Geschichten, die die Songs erzählen, stammen so sehr aus dem Leben, dass sich trotz der vielen Verweise und Querverweise immer auch ein eigener Bezug herstellen lässt. Wenn Uhlmann in „Immer wenn Ich an Dich denke, stirbt etwas in Mir“ davon säuselt, dass er in unserer Hochglanzpostkartenwelt viel lieber Bier als Champagner trinkt und im gleichen Zug Verstorbenen gedenkt, dann kann man da vor allem zweierlei: Mit ihm fühlen und sich selber in der Beschreibung wiederfinden. Als ihm zum Schluss dann noch kurz die Stimme entgleitet, ist der emotionalen Hochpunkt – inklusive einiger verdrückter Tränchen – perfekt.

Uhlmanns absurde Art zu texten und dessen Gespür für schlichte Epos-Momente machen „Junkies und Scientologen“ – was auch immer diese verrückte Sekte damit zu tun hat – zu einem durchweg herzergreifenden und -erwärmenden Gesamtwerk. Die zwölf Stücke zeigen einem, dass man lebt, dass man liebt, dass man trauert. Sie lassen einen die Faust heben, schmunzeln, schlucken, weinen. In solch gesellschaftlich düsteren Zeiten hat das doch sehr viel wert. Lang lebe das Leben! Lang lebe Thees Uhlmann!

Das Album „Junkies und Scientologen“ kannst du dir hier kaufen.*

Tickets für die kommende Tour gibt es hier.*

Und so hört sich das an:

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Thees Uhlmann live 2019:

25.09. Rostock, Mau Club
26.09. Cottbus, Glad-House
27.09. Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
28.09. Berlin, Lido (ausverkauft)
29.09. München, Ampere (ausverkauft)
30.09. Köln, Stadtgarten (ausverkauft)
04.12. Dresden, Alter Schlachthof
05.12. Leipzig, Werk 2
06.12. Wien, Gasometer (AU)
07.12. München, Tonhalle
08.12. Saarbrücken, Garage
10.12. Erlangen, Heinrich Lades Halle
11.12. Dortmund, FZW
12.12. Wiesbaden, Schlachthof
13.12. Stuttgart, LKA Longhorn
14.12. Berlin, Columbiahalle
16.12. Hannover, Capitol
17.12. Hamburg, Große Freiheit 36
18.12. Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
19.12. Bielefeld, Lokschuppen
20.12. Bremen, Pier 2
21.12. Köln, Palladium

Die Rechte für das Albumcover liegen bei Grand Hotel Van Cleef.

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