Wavves – Hideaway

Review: Wavves - Hideaway

Wenn sich in der abwechslungsreichen Diskographie von Wavves-Mastermind Nathan Williams eines durchzog, war es doch die omnipräsente Teenage Angst in seinen Texten mit der die Band aus San Diego groß wurde. Die ist für Williams auch noch mit Mitte 30 da, aber er hat auf „Hideaway“ kein Problem mehr damit, Depressionen und Hilflosigkeit in seinen einfach gestrickten Texten zu akzeptieren. Mittlerweile guckt er für seine Verhältnisse überraschend positiv über den düsteren Ozean – und die selbstgesteckten Genregrenzen – hinweg: „I feel like I‘m dying/ it’s cool, it’s great/ just pretend I’m ok/ nothing‘s wrong, nothing‘s changed/ it is just a new day“

King Of The Beach Surf

Musikalisch sind Wavves von je her zu erkennen an ihrem prägnanten Schrammel-Indie-Pop-Punk, bei dem die Beach Boys, Weezer, Sonic Youth und Nirvana gleichermaßen in jugendliche Orientierungslosigkeit und viel Whisky getaucht werden. Damit sich das alles nicht wiederholt, wie auf den ersten beiden Lo-Fi-Noise-Alben, holt sich Williams immer wieder neue Mitglieder dazu und passt sich als musikalisches Chamäleon immer dem Sound an, der ihm gerade in den Sinn kommt. Beim Durchstarter King Of The Beach kamen so etwa ein Tsunami an Pop und stellenweise Psych hinzu. Später bei Afraid Of Heights dann immer wieder düsterer Alternative. Mit dem aktuellen Album Hideaway leihen sich Wavves kurz die Krone von Instrumental-Surf-König Dick Dale, um ein Fundament mit sengenden Gitarren-Effekten für ihren Opener „Thru Hell“ zu legen, bevor die Kalifornier im Refrain ganz unschuldig an Green Day zu ihrer guten Zeit – also American Idiot und alles davor – erinnern.

Howdy

Für langes Rumgammeln am Strand ist bei diesem kurzen Album aber dann doch keine Zeit und es geht ungewöhnlich weit weg von San Diego – nämlich nach Osten in die Prärie Nevadas. Dort sind die Melodien nicht mehr so Feelgood-poppig wie sonst, sondern verzerrt und twangy. Williams Stimme klingt kratzig – sogar bei den typischen Ohs und Ahs – wenn er uns schonungslos im Titeltrack entgegenbrüllt: “I’ll do my best to hideaway, from all of the bullshit chasing me/ I don’t care if time’s erasing me, it’s been torture existing this long”. Das kommt dann wohl vom Wüstensand und der Verzweiflung. Da knüpfen thematisch Songs wie das fröhlich im Mid-Tempo groovende „Sinking Feeling“ an, bei dem er mit hochgepitchter Stimme das Gefühl beschreibt wieder in eine Depression reinzurutschen. „Honeycomb“ stellt aber klar, dass das für Williams „ok“ ist, er hat sich nämlich damit abgefunden, dass es keine Erlösung mehr für ihn gibt.

Ob es diese neue Gelassenheit ist oder was auch immer, auf Hideaway klingen Wavves so organisch und vielschichtig wie schon lange nicht mehr. Klar, in dem er simpel beschreibt was er fühlt, schwimmt Williams nach wie vor mit seinen Texten nur so weit raus, wie er eben muss. Aber mutige Kurswechsel, die durch etwa Western-Gitarren eingeschlagen werden, peitschen eine verdammt frische Brise auf. Damit betreiben sie dann im eingängigen Country-Galopp „The Blame“ auch noch unverblümt Schaulaufen. Selbst der obligatorisch überdrehte Track, der auf jedem zweiten Album für Stirnrunzeln sorgt, ist durchaus gelungen: „Caviar“ ist zuckersüßer Jangle-Pop, der so angenehm daherkommt, dass es vollkommen egal ist, ob das gestylte Haar beim Mitwippen vollkommen mit Zuckerwatte verklebt wird ­– ganz im Gegensatz zu dem Rummelplatz-Albtraum „Come To The Valley“ von Vorgänger You’re Welcome.

Zwar ist das alles sehr kurzweilig und zwischen viel Mid-Tempo sowie schöner Weezer-Nostalgie fehlt noch dieser eine herrlich sinnbefreite Track mit Punk-Zerstörungswut wie zuletzt „No Shade“, aber trotzdem bietet Hideaway die einfallsreichsten und auch schreiberisch stärksten Wavves-Songs seit Langem.

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