Rocky Horror Show, Theater am Marientor Duisburg, 28.04.2022

Manche Erfolge lassen sich nicht wiederholen. Einerseits, weil man eben nie weiß, was genau den Nerv der Zeit trifft – andererseits, weil man ihnen gar nicht erst die Chance lässt. Die Rocky Horror Show hätte nämlich ohne die Option damals, immer wieder irgendwo laufen zu dürfen, heutzutage keine ganze Spielzeit überlebt. Doch wie durch ein Wunder ging das bahnbrechende, progressive, einzigartige Musical vor knapp 50 Jahren das erste Mal über die Bühne – und ist heute ein nie wieder weg zu denkender Klassiker.

Für kaum etwas anderes in der gesamten Geschichte der Unterhaltungsbranche ist der Begriff „Kult“ angebrachter, als für die 1973 das erste Mal gelaufene Story von Richard O’Brien. Er wagte es, in den 70ern sowohl das Buch als auch die Musik und die dazugehörigen Texte zu einem Thema zu schreiben, das selbst heute, fünf Dekaden später, noch einige konservative Hinter-dem-Mond-Lebende schockt: Travestie, Queerness, Sex. Ohne Kompromisse. Jeder mit jedem, jede mit jeder und everything in between. Dass das überhaupt jemand durchwinkte, ist schier unfassbar. Und verdient allen Respekt der Welt.

Denn das, was bei der Rocky Horror Show rauskam, war nicht nur auf der Bühne sondern auch auf der großen Leinwand ein rohgeschliffener Diamant mit Hits für die Ewigkeit, einer blendend spielenden Cast und so viel Unperfektheit, dass man es als Trash-, als Filmhistorien-, als Kult- und als Rock’n’Roll-Liebhaber*in gleichermaßen lieben muss. Es ist einfach so, wie es ist, unantastbar und zeitlos.

Umso schwieriger ist es jedoch, diesem Paket gerecht zu werden. Die Rocky Horror Show ist Material, das jede Schul-AG schon verwurstet hat, tausende Male in jedem Stadttheater lief und im Vergleich zu Monsterstücken, wie sie in jüngster Vergangenheit mehrfach geschrieben wurden, einfach auch ein wenig ausgelutscht daherkommt. Es verliert zu oft – manchmal natürlich auch zu unrecht – gegen die viel zu stark gewordene Konkurrenz der Musicalwelt. Doch trotzdem behält Kult eben seine Fans, die auch 2022 noch in Scharen kommen. So auch in Duisburg.

Ein halbes Jahr lang zieht die Rocky Horror Show durch 17 deutschsprachige Städte. Stopp Nr. 11 ist für vier Tage lang das wunderschöne Theater am Marientor, das nach einer elendig langen Zwangspause endlich wieder scheinen darf. Und es klotzt statt zu kleckern. Beim Empfang bekommen die Zuschauer*innen neben gut ballernder lauter Popmusik, die von einem Saxophonisten gespielt wird, auch bunte Deko, einige appetitliche Häppchen und einfach direkt gute Laune wortwörtlich auf dem Tablett serviert. Geht doch direkt nett los.

Im Saal wird das Konzept weiterdurchgezogen. Das Theater hat ähnliche Farben wie der Look der Show und könnte kaum besser ausgewählt worden sein. Am Ende sind geschätzt Zweidrittel der Plätze voll. Hier treffen sich mehrere Generationen mit einer Gemeinsamkeit: Endlich wieder Time-Warpen! Denn eins ist klar: Unvorbereitet ist hier niemand. Wer hier nicht mehrfach den Film oder das Stück vorabgesehen hat, ist Außenseiter*in.

Um in Retrostimmung zu kommen, laufen uralte Kinotrailer in schlechter Bild- und Tonqualität. Super. Mit einer minimalen Verspätung von fünf Minuten ist es dann aber Zeit, das Hauptprogramm zu zeigen. Wie gesagt: Die Messlatte liegt besonders für Fans des Films oft sehr, sehr hoch. Zu hoch. Doch schon mit dem Opening „Science Fiction/Double Feature“ – unglaublich gut vorgetragen von Sydnie Hocknell – ist eigentlich klar, dass es nur eine Möglichkeit gibt, das Problem zu lösen, nämlich indem man liefert.

Das Stärkste an jenem Abend: Die Cast. Ja, hier hat man nahezu alles richtig gemacht. Besonders in den Hauptrollen hat man anscheinend die stimmigsten Personen aus Großbritannien zusammengefischt, um der Rocky Horror Show endlich wieder frisches Leben einzuhauchen und auch ein paar neue Anstriche zu verpassen. Ein Riff-Raff ist nicht mehr gruselig-psychotisch, sondern eher schüchtern-verwirrt-skurril. Dazu liefert Darsteller Christian Lunn eine sensationelle Performance und gibt in jedem Solo das Maximum. Denn wir wissen alle: Wenn man etwas allseits Bekanntes nachmacht, muss man es anders machen oder besser. Lunn macht beides davon.

Gleiches gilt für den lasziven, durchtrainierten Oliver Savile als Frank’n’Furter, bei dem auch Strapse und Corsage so normal wie nur möglich wirken und keinesfalls nur für den nächsten CSD funktionieren. Ein weiteres Highlight: Die unglaublich quietschende Stimme und Overacting-Performance von Eleanor Walsh als Columbia, die den perfekten Nerv zwischen ultranervig und wahnsinnig liebenswert trifft. Doch auch Brad (Sev Keoshgerian) und Janet (Charlotte Ann Steen) haben mehrfach ihre Momente. Lediglich Aaron Kavanagh als Rocky und Jordan Castle als Eddie bzw. Dr. Scott sind schlechter als der Rest, aber immer noch überdurchschnittlich.

Das Bühnenbild ist an Effekten nicht das Atemberaubendste, was es auf dieser Welt gibt, aber trotzdem detailverliebt und regelmäßig wechselnd. Besonders schön sind Schattenspiele bei schlüpfrigen Szenen, der Einsatz von Nebel und das verruchte Kostüm, das heute zum Glück kein Pikiertsein hervorruft sondern Beifallstürme. Egal, wer es trägt.

Ein weiterer, sehr großer Pluspunkt: Der Sound. Zwar ist es für gemütliche Theatergänger*innen mit Sicherheit drei Spuren zu laut, aber für Rockfans wohl genau richtig. Von Sekunde 1 an sind sämtliche Mikrofone und die Instrumente der fünfköpfigen Band super abgemischt, sodass es richtig schön brettert und mitreißt. Das Publikum ist sichtlich angetan, gibt es mehrfach Zwischenapplaus und keinen Hauch von ruhigem Rumsitzen bis zum Schlussapplaus.

Darauf muss man sich gefasst machen: Es wird ein wenig chaotisch. In keiner anderen Show gibt es mehr Interaktion. Wer mag, kann sich am Merch eine Tüte mit Mitmachgegenständen kaufen und so zu passenden Augenblicken mit Wasserpistolen schießen, Konfetti werfen, dazwischen rufen und tanzen. Einfach drauf einlassen, das Ganze mehr als Happening und Event zu betrachten als als starre Show und schon ist man Teil des Geschehens.

Jedoch ist ein wichtiger Teil des Geschehens dann doch ziemlich großer Mist und drückt das fast perfekte Gesamterlebnis um gut zwei Bewertungspunkte nach unten. Das gesamte Stück ist in seiner klassischen Version auf Englisch – bis auf einige Parts, die von einem Erzähler auf Deutsch vorgetragen werden, der regelmäßig satirisch unterbricht und die Dramatik der Geschichte herauszukitzeln versucht. Für diese Figur ist in Duisburg Martin Semmelrogge zuständig. Sorry, aber das ist eine Bauchlandung der Extraklasse. Der Typ mag irgendwo kultig sein und eine gewisse Art an den Tag legen, die in Maßen auch witzig, Ruhrpott-like, ungeniert und lässig sein mag – wer aber mehrfach Einsätze nicht richtig kriegt, nicht mal richtig ablesen, geschweige denn die paar Zeilen auswendig kann und oftmals auf der Bühne einfach wie deplatziert herumsteht, sollte es lassen. Denn das ist eine Verschlechterung, die unnötig ist. Semmelrogge bricht einige Male aus seiner Rolle aus, um mit dem Publikum zu scherzen, was aber durch die eine oder andere Beleidigung unter der Gürtellinie fast schon frech und arrogant wirkt. Er scheint sein Engagement schlichtweg kaum ernst zu nehmen. Die einzige Zeile, die er beim großen Finale singen darf, ist ebenso nicht richtig im Rhythmus vorgetragen. Große Enttäuschung.

Ansonsten ist aber aus der bahnbrechenden und immer noch beliebten Rocky Horror Show das absolute Maximum herausgeholt worden. Mit 45 Minuten im ersten Akt und guten 60 im zweiten ist das Erlebnis quantitativ zwar etwas mau, dafür aber seitens der Band, Requisite, Kostümierung und Besetzung qualitativ auf fast allen Ebenen echt bemerkenswert.

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