Eurovision Song Contest 2021, 1. Semifinale: Die Ergebnisse

Wir stellen alle 39 Songs des diesjährigen Eurovision Song Contest in Rotterdam vor, u.a. auch Jendrik, der für Deutschland antritt.

Er ist wieder da – nach einem Jahr Pause, das sich für viele Fans fast schon wie ein Dornröschenschlaf anfühlte, kehrt der weltweit größte Musikwettbewerb zurück. Das erste Semifinale des Eurovision Song Contests unter dem treffenden Motto Open Up flimmerte am 18.05.2021 um Punkt 21 Uhr deutscher Zeit über den ARD-Partnersender ONE und parallel auf eurovision.tv und zeigt, dass einem wirklich etwas gefehlt hat. Doch leider durften sechs der 16 Teilnehmer*innen nur kurzzeitig Bühnenluft schnuppern, denn bereits jetzt ist für sie der Traum von dem kultigen Pokal in Mikrofonform zerplatzt. Die Multifunktionsarena Rotterdam Ahoy in den Niederlanden war der Ort, der die Chance bot – doch die Jurys und weltweiten Zuschauer*innen haben die Tickets für die große Samstagabendshow verteilt. Neun aus Zehn haben wir für euch schon auf unseren Socials genau so vorhergesagt. Am 20.05. gibt es in derselben Halle in unserem Nachbarland die letzte Verteilung zehn begehrter Eintrittskarten für den bunten Ländermix.

Im Finale dabei sind:
Litauen – „Discoteque“, The Roop
Russland – „Russian Woman“, Manizha
Schweden – „Voices“, Tusse
Zypern – „El Diablo“, Elena Tsagrinou
Norwegen – „Fallen Angel“, TIX
Belgien – „The Wrong Place“, Hooverphonic
Israel – „Set Me Free“, Eden Alene
Aserbaidschan – „Mata Hari“, Efendi
Ukraine – „SCHUM“, Go_A
Malta – „Je me casse“, Destiny

Damit ausgeschieden sind:
Slowenien – „Amen“, Ana Soklič
Australien – „Technicolour“, Montaigne
Nordmazedonien – „Here I Stand“, Vasil
Irland – „Maps“, Lesley Roy
Kroatien – „Tick-Tock“, Albina
Rumänien – „Amnesia“, Roxen

NACHLESE ZUR SHOW:

Es wirkt wie aus einer anderen Zeit oder einem Paralleluniversum – um 21 Uhr startet auf ONE und auf eurovision.tv eine Liveshow mit 3500 Personen im Publikum. Was bis März 2020 nicht mal erwähnenswert gewesen wäre, ist im Mai 2021 ein wissenschaftliches Experiment. Als eins der ersten Großevents weltweit lädt die Niederlande eine dermaßen große Gruppe an Menschen in eine Halle, um Musik zu zelebrieren. Doch nicht irgendeine internationale Popkünstler*in wird angebetet, auch wenn die Eintrittspreise nicht groß davon abweichen – stattdessen handelt es sich um den traditionellen und unglaublich beliebten Eurovision Song Contest, der nach der Corona-Pause in leicht abgewandelter Form sein Comeback feiert.

Und ja, man kann hier wirklich davon sprechen, dass es nur eine leichte Abwandlung ist. Die tanzende, fahnenschwingende Crowd in der Mitte fehlt, die häufig das Hauptaugenmerk der Szenerie ausmacht – stattdessen sitzen die Leute laut klatschend, aber gediegen auf ihren Sitzen. Beim Verlassen des Platzes muss eine Maske getragen werden, beim gebannten Zuschauen aber nicht. Somit ist für die Fans also ein wenig „back to basics“ – mehr Mitfiebern statt Partymachen, mehr Beobachten statt Anfeuern. Der Innenraum ist hingegen mit Couches gefüllt, auf denen die Künstler*innen der einzelnen Länder Platz nehmen und sowohl sich als auch die Konkurrenz lauthals abfeiern dürfen. Das ist zwar ein ungewohntes, aber keinesfalls ein schlechtes Bild.

Auf der Bühne ist alles so, wie man es vom ESC erwartet – laut, groß, bunt, technisch avanciert, beeindruckend, pyromanisch. Gleich das Opening durch den letzten Gewinner Duncan Laurence, der 2019 mit seiner emotionsgeladenen Ballade „Arcade“ den Wettbewerb nach vier Dekaden zurück in die Niederlande holte, fährt an Lasern dermaßen auf, dass die Halle so groß wie eine ganz Stadt wirkt. Seine Kollaboration mit dem Erfolgs-DJ Armin van Buuren „Feel Something“ zeigt, wo der Hammer hängt, und brettert durch die Boxen. Dennoch geht Duncan aufgrund der Effekte-Flut ein wenig unter. Zusätzlich wird wegen der Auflagen auf möglichst viele Personen verzichtet, sodass erstmalig Backgroundchöre bei den Auftritten vom Band kommen dürfen. Doch who cares – jetzt ist wieder Eurovision, also ab geht’s.

Erneut ist ein Moderationsquartett als Host gebucht. Edsilia Rombley ist selbst ein alter ESC-Hase und schaffte für ihr Land Ende der 90er einen vierten Platz. Sie ist dermaßen lange im Game, dass ihr die kurzen Zwischengespräche äußerst leichtfallen. Nikkie de Jager, besser bekannt als NikkieTutorials, hat unverkennbar eher das Potenzial, vorgeschnittene YouTube– und Instagram-Videos zu hosten und wirkt beim Eurovision eher etwas fremdschämig und trashig. Chantal Janzen und Jan Smit – den viele Deutsche womöglich neben dem (leider) unverkennbaren Florian Silbereisen als Klubbb3-Member kennen könnten – flutschen farblos an einem vorbei und sind eigentlich nur dafür zuständig zu sagen, welcher der Acts den Einzug ins Finale geschafft hat.

Doch wen juckt die Moderation? Eben. Stattdessen dauert es nur wenige Minuten, bis die Augen befeuchtet sind – denn das gnadenlos gute und mitreißende Opening durch die litauische Band The Roop könnte kaum besser ausfallen und sorgt somit für Freudentränen und Traurigkeit, wie schwierig doch vieles aktuell ist, im selben Moment. „Discoteque“ bringt die wichtigste Message auf den Punkt: Disco ist, was du draus machst. Du bist allein im Wohnzimmer? Dann steh auf und tanz! Ok, machen wir.

Nach diesem nach vorne preschenden Start kann nicht mehr viel passieren. Selbstverständlich hat Litauen bei der finalen Verkündung den Aufruf fürs Finale erhalten – ebenso wie alle anderen Feel-Good-Nummern, denn schmerzhafte Balladen mit Trennungsaufarbeitung scheinen nicht nur out, sondern gar unerwünscht. Alles schwermütige wurde eiskalt aussortiert. Ob eine schleppende Trip-Hop-Nummer aus Rumänien, Musical-esque Operetten aus Nordmazedonien oder gar die gesanglich äußerst gelungene, aber zu epische Einlage aus Slowenien – nein, Europa braucht gerade etwas anderes.

Zum Beispiel Female Empowerment. Dass gerade die an dem Abend aus Russland kommt, gleicht mehr einer Sensation als einer Überraschung. Manizha ballert mit „Russian Woman“ dermaßen selbstbewusst und cool, dass der Funke nach wenigen Sekunden auf die Zuschauer*innen überspringt. Einer der Songs, die durch die Bildebene enorm wachsen, und einfach so bocken. Das hat Potenzial, um auch im Finale richtig steil zu gehen – hätten wir in unserer ersten Prognose so gar nicht mitgerechnet.

Zypern, Israel und Aserbaidschan konnten ebenfalls überzeugen. Ob der MileyCyrus-meets-LadyGaga-Klon „El Diablo“, die Wundertüte „Set Me Free“, die permanent Breaks bietet und durch die höchsten Töne, die jemals eine Frau im Wettbewerb sang, Props bekommt, oder das orientalische „Mata Hari“ – das kommt an. Sobald das Ganze aber etwas zu billig-nudelig wirkt, zieht es nicht mehr. Deswegen gab es für „Tick-Tock“ aus Kroatien auch nur die tickende Uhr, die dann den ESC-Feierabend einläutete.

Skandinavien ist seit eh und je Marktführer. Schweden hat sein Finalticket quasi abonniert und kann dieses Jahr mit dem mittelprächtigen und irgendwie langweiligen Track „Voices“ trotzdem eine Runde weiter, einfach weil es Schweden ist. Norwegen liefert mit dem am Tourettesyndrom erkrankten TIX eine Performance, die wie eine Parodie wirkt. Der lullige Midtempo-Popper im 90s-Bravo-Hits-Style weiß trotzdem genügend Leute zu überzeugen. Warum auch immer.

Umso erfreulicher, dass mit Belgien und der Ukraine zwei Titel es geschafft haben, die unterschiedlicher kaum sein können. Die Opis von Hooverphonic präsentieren mit einem mystischen Alternative-Indie-Pop Musik in Reinform und konzentrieren sich auch in der Bühnenshow nur auf den Song – das ist eine beruhigende Abwechslung im Farbenchaos und wirkt auch ohne Tamtam. Nicht weniger fesselnd, aber eher verstörend-edgy haut Go_A aus der Ukraine den für Osteuropa bekannten weißen Gesang gepaart mit Techno-Beats raus. Abgerundet durch eine surreal-gruselig-drogige Show. Ja, Mann! Das braucht man zwar nicht in jeder Playlist, aber dringend in so einem diversen Wettbewerb.

Australien hat es erstmalig nicht ins Finale geschafft – richtig so, denn mit einem so undurchsichtigen wirren Sound-Kuddelmuddel gewinnt man hier keine niederländische Tulpe. Australien ist zusätzlich das einzige Land, das aus Corona-Gründen nicht vor Ort ist und lediglich per Video gezeigt wird. Irland hat mit seiner Scherenschnitt-Choreo zwar gut Zeit investiert, die man aber besser für gute, moderne Songkompositionen genutzt hätte. See you somewhere, someday.

Ach ja, und dann wäre da noch Malta. Destiny und ihr „Je me casse“ gelten seit geraumer Zeit als Topfavoriten. Konzentriert man sich nur auf den Song und den Gesang, mag das auch noch ein Stück weit berechtigt sein, ist Malta immerhin bisher stets trotz einiger guter Titel sieglos geblieben. Doch wie der bangende Track mit Charleston-Beat und Bläser-Einsatz optisch derartig trashy umgesetzt wurden kann, bleibt ein Rätsel. Ob das wohl Samstag den Sieg kosten wird?

Abwarten. Ebenso, wie unser deutscher Vertreter Jendrik sich wohl schlagen wird. Der wurde im kurzen Interview vorgestellt und mit einem Snippet ein Eindruck von seiner Performance erweckt, die… nun ja… sagen wir mal „speziell“ ausfiel. Zwar haben wir den Song in unserem Vorchecking ziemlich gehypt, aber der Auftritt… egal, abwarten. Italien und die Gastgeber aus der Niederlande durften ebenfalls kurz „Hi“ sagen. Dann gab es noch einen Intervallact namens „The Power of Water“, der hat uns aber nicht interessiert.

Der ESC ist wieder das Thema der Woche und erweckt in 2021 nicht nur Laune für Musik, gutes Wetter und bunte Vielfalt, sondern auch ganz viel Hoffnung auf Konzerte, bei denen auch du und ich wieder ein Plätzchen finden. Stay tuned!

Hier nochmal unser Favorit des Abends – The Roop aus Litauen:

Hier kannst du den Sampler zur Show kaufen.*

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