So war das Popaganda Festival 2017!

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Und dann ging es zum ersten Festival in Stockholm. Die Wahl ist aufgrund von Datum, Line-Up und Lage letztlich auf das Popaganda Festival gefallen, welches seit 2002 jährlich auf dem Gelände des (Olympia-)Schwimmbades Eriksdalsbad stattfindet. Die Veranstalter hatten sich einige Finessen einfallen lassen, die schon die Anreise (auf den letzten paar Metern von der Ubahn Skanstull aus) angenehmer gestalteten. Auf einige Entfernung konnte man jedenfalls schon Musik der jeweils aktiven Bühne hören und Blicke durch das Geäst einiger Bäume werfen. 100 Meter weiter lud ein Schild zum „Stehlgucken“ ein. „Tjuvkika“ heißt das auf Schwedisch und meint im Grunde, dass man ganz legal kostenlos einen Blick auf das Gelände und eine der Bühnen erhaschen darf. Netter Gag!

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Tjuvkika

Als wir mit lachen fertig waren, sammelten wir dann unsere Akkreditierung ein und gingen auf’s Gelände und es gab die erste Überraschung: Die leere PET-Flasche durfte zwar mit reingenommen werden, der zugehörige Schraubverschluss musste aber draußen bleiben (also im Müll). Die Voluntärin am Eingang konnte mir das leider auch nicht genauer erklären. Zusammengereimt habe ich mir Folgendes: Eine volle 0,5l-Flasche könnte als Wurfgeschoss missbraucht werden und ist somit als unnötiges Gefahrengut vom Festival ausgeschlossen.

Popaganda Festivalgelände
Popaganda Festivalgelände

avon lässt man sich aber auch nicht lange aufhalten sondern betritt das wunderbare Areal des Schwimmbades, welches zwei Bühnen, zahllose Imbissstände (was das Herz begehrt, zu Preise von meist um die 90 SEK (~ 10 Euro), Schwimmbecken und eine große Tribüne für den geneigten Zuschauer bereithält. Dazu kommen mehrere Biergärten, welche noch einmal durch Metallzäune vom Festivalgelände abgetrennt sind, gleichzeitig aber noch in Hör- und Sichtweite der Bühnen. Schweden hat ein deutlich schärferes Alkoholgesetz im Vergleich zu Deutschland. Ein Festival, welches auch für unter 18-Jährige zugänglich ist, muss deshalb die Alkohol- und Tabakausgabe räumlich von Minderjährigen trennen. Deshalb also diese Vorsichtsmaßnahmen mit Extra-Securities, die auch das Alter am Eingang zu den Biergärten kontrollieren.
Den kühlen Gerstensaft mit zum Konzert nehmen ist übrigens eigentlich auch nicht gestattet, wurde aber dennoch von manchen Festivalgästen getan. Wer könnte das Ihnen verübeln?
Auf dem Popaganda wurden zudem ähnlich wie wir es von der Deutschen Bahn kennen, Raucherareale eingerichtet. Direkt vor den Bühnen sollte dementsprechend nicht geraucht werden. Ähnlich wie wir es von deutschen Bahnhöfen kennen, hat diese Regelung aber nicht sonderlich gut funktioniert. Manchen freut’s und manchen ärgert’s.

Nun noch ein paar Worte zu Extra-Aktivitäten bevor ich mich dem Hauptteil dieses Berichts nähere. Unter Anderem gab es ein Kunst-Schwimmen und ein Schwimm-Rennen. Zumindest bei Zweiterem wurde ein Wettkampf erster Güte zwischen verschiedenen Teams abgehalten. Die Teamzusammensetzungen zeugten von Kreativität, so gab es ein Besucher-, ein Künstler-, ein Presse-, ein Podcast-, ein Kunstschwimmer- und ein Veranstalterteam. Nach schwedischem Recht wahrscheinlich eher bedenklich wäre ein Flunkyballturnier nach Kraftklubscher Manier gewesen. Toll waren diese beiden ganz legalen Showeinlagen aber natürlich trotzdem, besonders, weil eben so schön zum Festivalgelände passend. Außerdem gab es verschiedene Infostände für mehr (Tierschutzverein) oder minder (Getränkeindustrie) gute Zwecke, die aber die Zuschauer abseits von Musik zu unterhalten wussten. Und jetzt, wo wir von Musik sprechen, zur Musik:

Die Musikauswahl des Popaganda Festivals 2017 war in meinen Augen sehr von schwedischer Musik geprägt und nur die „Headliner“, wenn man sie denn so nennen kann, tendierten zu englischer Sprache. So warf zum Beispiel Sängerin Joy Freitags mit Beats und von Autotune stark verfremdetem schwedischem Gesang um sich. Ein Konzert auf der kleinen Stage, welches die Zuschauer nach einer überzeugenden Two Door Cinema Club Performance zu unterhalten wusste. Besonders gut gefiel mir Joy’s Ansprache zum Thema Suizid. „Ihr alle, jeder Einzelne von euch ist liebenswert und geliebt. Vergesst das nie, auch, wenn es euch ‚mal nicht so gut geht!“

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Joy

Eine größere Erleuchtung gab es dann aber nach Joy, mit Säkert! auf der Hauptbühne. Mit ebenfalls rein schwedischem Gesang verzauberte die vielköpfige Band um Annika Norlin das Publikum. Musikalisch spielt sich ihre Musik irgendwo zwischen Singer/Songwriter und Indie-Pop ab und wer des Schwedischen nicht mächtig ist, sollte sich mal ihr englischsprachiges Projekt Hello Saferide zu Gemüte führen. Kennt ihr das, wenn ihr ein Konzert einer euch unbekannten Band anschaut und total Feuer und Flamme seid? So war das mit Säkert! für mich und deshalb war dieses Konzert auch das beste Konzert des Freitages für mich.

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Säkert!

er großartig umgesetztes Gimmick, wie ich finde. Phoenix hatten zwar eine geniale Light-Show und auch klasse Songs im Gepäck. Aber gedanklich hing ich den Großteil dieser Show noch bei Ansagen und Songtexten von Säkert! und nicht etwa bei Long Distance Call von Phoenix. Tolles Konzert dennoch, ihr Phoenixe!

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Phoenix

Samstag hieß es dann erneut berieseln lassen. Wortwörtlich. Das Wetter war schlechter und meine Erkältung ließ mich leider deutlich später aufs Gelände, als gedacht. Also machte ich Abstriche und legte den Fokus auf meinen persönlichen Act des Abends – Alt-J. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ich war insbesondere gespannt, wie sich eine so experimentelle Band auf der Bühne vor Publikum schlagen würde. Die Antwort lautet: „Sehr gut!“ Sowohl sehr bekannte alte, sowie eingängige, neuere Tracks funktionierten Live erstaunlich gut und die Zuschauer wurden auch toll zum als Background-Sänger involviert. Die Light-Show wartete mit etlichen LED-Säulen auf, welche alle drei in erster Reihe angesiedelten Künstler umrahmten. Leider war dieses Konzept nicht zu Ende gedacht. Die Sicht auf alle drei Bandmitglieder wurde so trotz cooler Lichteffekte eher erschwert, besonders für die zur Seite verschoben stehenden Fans. Schade! Musikalisch aber waren die drei erste Sahne, ein sehr empfehlenswertes Konzert.

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Alt-J

Nach Alt-J schaute ich mir noch ein paar Takte von The Radio Dept. an, entschied dann aber, ein Festival Festival sein zu lassen und begab mich zurück ins Krankenbett. Zu Tove Lo’s Performance kann ich deshalb leider nichts sagen.

Summa Sumarum haben die Stockholmer mit dem Popaganda Festival ein tolles wiederkehrendes Musikereignis im beliebtesten Stadtteil Södermalm am Start. Auch in Kombination mit einer Stockholm-Reise kann sich dieses Konzertereignis anbieten, liegt der Septemberanfang doch noch im schwedischen Spätsommer. Das Festival war insgesamt gut durchorganisiert und bot pro Tag mehr als 10.000 Besuchern ein sattes Musikprogramm aus verschiedenen Genres. Insbesondere an schwedischer Kultur und Musik interessierte Menschen sollten sich den Namen Popaganda schon einmal für nächstes Jahr mit Rotstift notieren.

Alle Bildrechte liegen bei Anne Sy.

Popaganda | Phoenix | Alt-J | Two Door Cinema Club | Tove Lo | The Radio Dept. |

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