Interview mit Tim Vantol

Der niederländische Singer-Songwriter Tim Vantol veröffentlicht morgen sein drittes Album „Burning Desires“. Wir durften mit ihm im Vorfeld über das neue Werk, die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und die guten und schlechten Seiten des Musiker-Lebens quatschen.

minutenmusik: Hi Tim! Danke, dass du dir heute die Zeit für das Interview nimmst.

Tim: Ja, kein Ding! Ich danke dir für das Interview! Das ist für mich auch schön.

minutenmusik: Wo bist du im Moment? Bist du in Deutschland oder in Holland?

Tim: Ne, ich bin im Moment in Holland bei meinen Eltern zu Besuch.

minutenmusik: Ohje, und da störe ich dich?!

Tim: Neee, das ist kein Ding! Ich mein, mein Album kommt in zwei Tagen raus. Ich muss auch ein bisschen trotzdem noch weiterarbeiten. Aber das geht auch. Wenn ich wieder auf Tour bin, dann mache ich einfach andere Sachen unterwegs.

minutenmusik: Bist du denn aufgeregt vor dem Albumrelease?

Tim: Ich weiß es nicht! Ich glaube nicht. Es ist so krass. Man arbeitet lange an der Platte. Ich kenne die Platte schon und hab sie fast schon zu viel gehört. Man ist natürlich aufgeregt, wie die Leute darauf reagieren. Es hört sich vielleicht ein ganz kleines bisschen anders an. Ich erwarte auch Kritik. Andererseits, meine Platte kommt in zwei Tagen raus. Man kann da nichts mehr machen. Und danach fängt es auch eher mit den Festivals an. Darauf freue ich mich! Ich bin einfach kein Studio-Musiker. Ich muss live spielen, das macht mir am meisten Spaß. Deswegen mache ich das alles. Natürlich ist es schön, neue Songs zu spielen, aber Hauptsache wir haben alle Spaß und eine schöne Zeit.

minutenmusik: Ich hab dich das erste Mal live bei den Donots gesehen, das hat wirklich Spaß gemacht!

Tim: Wo war das?

minutenmusik: Beim Grand Münster Slam, das müsste 2014 gewesen sein.

Tim: Oh ja, das war krass! Ich bin nicht oft aufgeregt vor den Shows und das finde ich auch immer schade, aber bei der Show hab ich schon gedacht: „Scheiße!“. Da hatte ich richtig Schiss, kurz bevor ich auf die Bühne gegangen bin. Aber das war ein richtig schöner Abend! Ich liebe die Donots! Ich bin ihnen so dankbar, für alles, was sie für mich gemacht haben. Sie helfen mir auch viel. Wenn ich irgendwo mal Fragen hab, brauche ich nur einmal anzurufen. Das sind wirklich die nettesten Typen in der ganzen Musikbranche. Wenn nur die Hälfte von den Leuten, die Musik machen, so wie sie wären, dann wäre die Welt so ein schöner Platz. Aber leider sind nicht alle so… (lacht)

minutenmusik: Das Leben als Musiker hat ja generell sehr viele Facetten. Gibt es da irgendwas, was du so gar nicht magst, z.B. eben die Zusammenarbeit in der Musikbranche oder alles, was man machen muss, um überhaupt auf der Bühne stehen zu können?

Tim: Ja klar, aber das alles gehört halt dazu. Am Anfang macht man Musik so hobbymäßig und denkt sich: „Scheiß drauf, ich geh einfach auf Tour und schmeiß alles hin.“ Gerade am Anfang war es Chaos pur. Dass ich überhaupt überlebt hab! Ich mein, das war richtig schön und lustig, aber auch richtig schwer. Man hat damals einfach keinen Luxus gehabt. Es war scheißegal, ob man nur eine Kiste Bier kriegt oder in einem Loch schlafen muss. Natürlich ist es der große Traum, dein Hobby zum Beruf zu machen. Aber sobald da irgendwie Geld zur Sprache kommt, macht das auch viel kaputt.

Ich versuche noch immer, eine gute Balance hinzukriegen. Deswegen spiele ich zum Beispiel auch keine Hochzeiten. Dann sagen sie: „Aber du kannst damit gut Geld verdienen!“. Aber ich denke mir dann: „Ey Leute, das ist nicht, warum ich Musik mache.“ Ich habe das zweimal bei Bekannten von mir gemacht. Aber man geht da irgendwie hin, du spielst Songs, da laufen kleine Kinder rum und Opa und Oma gucken dich nur an und denken: „Was macht der Typ denn da?“ Da habe ich für mich selbst gesagt: „Das mache ich nicht.“ Wenn die Leute Bock darauf haben, kommen sie zu deiner Show. Oder auf Festivals zum Beispiel, da ist das natürlich auch ein bisschen anders, aber da können sie immer noch weggehen. Das finde ich eigentlich schon wichtig.

Aber wie gesagt, sobald da irgendwie Geld im Spiel ist, versaut das viel. Ich meine, ich muss auch überleben, ich habe auch ohne Ende Kosten. Man denkt, er ist Solokünstler, aber heutzutage spiele ich auch meistens mit der Band. Das ist so schwierig. Und natürlich der ganze Scheiß drum herum. Je größer es wird, desto mehr Leute gibt es, die was von dir wollen und versuchen und tun und dich auch verarschen. Dann geht dein Spaß verloren, einfach ins Auto zu steigen und irgendwohin zu fahren und zu spielen. Natürlich ist auch alles viel organisierter. Man hat ein ganzes Team hinter sich. Aber die musst du auch alle mitziehen. Es ist schon interessant und ich finde es schön, das ganze Unternehmen und alles, aber manchmal wünsche ich mir, dass man mehr Musik machen kann.

minutenmusik: Aber wenn ich mir deinen Sommer anschaue, hast du ja schon einige Festivals und die Tour im Herbst. Über zu wenig Musik kannst du dich doch eigentlich nicht beschweren.

Tim: Najaaa, doch, eigentlich schon! Ich hatte mal Jahre, wo ich über 150 Shows gespielt hab. Das war auch richtig krass, das muss ich so sagen. Aber es dürften schon mehr Shows sein. Aber andererseits darf ich mich nicht beschweren.

minutenmusik: Kannst du dir denn überhaupt vorstellen, wie dein Leben aussehen würde, wenn du nicht Musiker wärst?

Tim: Ich habe das öfter mal überlegt. Was ist, wenn ich einfach kein Bock mehr hab? Was will ich dann machen? Und ich weiß es noch nicht. Es gibt natürlich immer 1.000 Lösungen. Andererseits muss man auch einfach genießen und mal schöne Sachen machen. Ich war die letzten Jahre nur auf die Arbeit und das Musikmachen fokussiert. Trotzdem überlege ich mir manchmal, was ich machen werde, aber ich hab keine Ahnung. Ich glaub, ich würde mir wieder was Neues aufbauen. Ich liebe die Freiheit, die ich jetzt auch habe. Aber ich habe Angst, wenn es irgendwann mal aufhört. Ich bin jemand, der nicht still sitzen kann. Ich glaube, dann käme erstmal ein tiefes Loch und da muss man wieder rauskommen. Aber du weißt niemals, was kommt.

minutenmusik: Du sagtest ja gerade schon, dass dir Freiheit sehr wichtig ist. Ich finde, das hört man auch oft bei deinen Texten heraus und das Ermutigende, dass man einfach mal Dinge ausprobieren sollte, ohne sich viele Gedanken zu machen. Gibt es vielleicht trotzdem auch etwas, was dir in deinem jetzigen Leben fehlt?

Tim: (lacht) Ich weiß ja nicht, wie lange du noch Zeit hast, aber ich könnte dich so damit vollquatschen. Dieses Motivierende habe ich irgendwie seit ich Musik mache. Aber ich muss auch manchmal vorsichtig sein, weil ich einfach zu viel labere und zu viel versuche, Leute zu motivieren. Ich sag zu jedem: „Wenn ich das schaffe, dann schafft das jeder!“ Und ich glaube auch, wenn du wirklich etwas machen möchtest, dann schaffst du das auch. Das ist niemals einfach, aber du kriegst das schon hin. Was hast du schon zu verlieren? Wenn du kein Haus abbezahlen musst, keine Kinder hast, dann mach noch so viel wie möglich. Und auch wenn, dann gibt es immer noch Möglichkeiten. Aber wenn Leute zu mir kommen und sagen: „Ich möchte genau das gleiche wie du machen“, dann sage ich auch: „Auf keinen Fall, mach das nicht!“ Nimm dir einfach einen Part-time-Job oder einen flexiblen Job, mit dem man das machen kann, aber schmeiß niemals alles hin und geh einfach. So hab ich es gemacht und ich würde es niemals ein zweites Mal genauso machen.

Denn natürlich fehlt mir auch etwas. Letztens hat ein Profisportler im Fernsehen gesagt: „Wenn du etwas erreichen willst, musst du einfach alles hinter dir lassen.“ Genauso ist es mit der Musik. Natürlich könnte ich jedes Wochenende spielen, wenn ich möchte. Ich könnte einfach einen Job haben und mein Leben weitermachen. Das wäre vielleicht auch manchmal, gerade am Anfang, die beste Entscheidung, die man treffen kann. Aber ich glaube, damit verliert man die Chance, dass man das macht, was man full-time machen und leben möchte. Man muss einfach alles in die Scheiße schmeißen und dann kann man das glaub ich erst machen. Man muss deswegen immer eine Balance finden. Man verliert sein normales Leben, sein soziales Leben. Man kriegt natürlich viel zurück, aber man muss auch viel dafür verlassen. Das war für mich immer das schwierigste und das ist es manchmal noch immer. Aber die Freunde, die noch übrig sind, sind daran gewöhnt. Wenn man älter wird, lernt man auch, dass man nicht mehr jeden braucht. Wenn manche Leute mit dir und mit dem, was du machst, nicht mehr klarkommen, ja, schade…Die Leute gibt es immer. Aber es gibt auch immer die Guten, die bleiben und die genau wissen, was da los ist. Ich habe auch Freunde, die ich ein Jahr nicht sehe und dann ist es trotzdem noch immer schön. Aber das ist halt alles nicht so einfach, auch mit Beziehungen, mit der Familie, mit allem. Es ist schwierig, diese Balance zu finden. Ich muss ehrlich sagen, dass ich sie leider noch nicht so ganz gut gefunden habe. Aber vielleicht wird es irgendwann mal einfacher oder man kann sich mehr Zeit dafür gönnen, um daran zu arbeiten.

minutenmusik: Du hast vorhin schon die Donots erwähnt. Du durftest schon einige Künstler auf Tour begleiten. Von wem konntest du dabei am meisten lernen?

Tim: Ich glaube, ich lerne fast von jedem. Wenn es nichts Wichtiges ist, dann lerne ich von manchen auch, wie ich Sachen nicht machen sollte oder wie ich es anders machen werde. Aber ich habe das alles angefangen, weil ich damals Chuck Ragan gesehen habe. Als ich ihn gesehen habe, hab ich gedacht: „Ey, der hat voll Recht!“ Wirklich nur eine Akustikgitarre, keine anderen Bandmitglieder. Es war toll, dass ich ein paar Touren mit ihm gemacht habe! Ich habe viel von ihm gelernt, aber genauso auch von den Donots. Und ich lerne einfach immer. Ich bin immer neugierig. Ich gucke mir immer die Soundchecks oder andere Sachen an, weil jede Band das anders macht. Ich finde es interessant, zu sehen, wie jede Band funktioniert.

Aber von den Donots und Chuck Ragan habe ich auch verstanden, dass man von allen Leuten abhängig ist, mit denen man arbeitet. Diejenige hinter der Theke, die Security, das Eintrittspersonal oder derjenige, der dir Handtücher bringt. Das ist alles wichtig! Man denkt immer, das spricht alles für sich und das weiß man doch, aber ich kann dir erzählen, dass ganz viele Leute das vergessen. Und je größer und schöner und besser alles ist, desto einfacher ist es, das zu vergessen. Wenn du 2.000 Leute bei deinen Shows hast und alles für dich gemacht wird, findet man das natürlich schön. Und wir selbst vergessen das manchmal auch. Wir haben uns früher immer so gefreut, wenn wir eine CD verkauft haben. Und nach ein paar Jahren verkauft man mehr und mehr und mehr und man hat richtig gute Zahlen mit dem Merchandise. Und dann kommt auf einmal wieder eine Show, wo man nur zwei CDs verkauft. Und man denkt: „Ey Leute, ich brauche das, um zu überleben.“ Aber in dem Moment musst du denken: „Ach, scheißegal. Zwei Leute haben eine neue CD, ist doch geil.“

Das sind die kleinen Sachen, die man nie vergessen darf und das ist auch wichtig, weil es alles nur einfacher macht. Wenn du das nicht machst, dann wird es schwierig. Chuck Ragan hat sich bei den Shows bei jedem bedankt und jedem beim Gehen die Hand gegeben. Es sind kleine Momente, aber sie sind so wichtig. Ich mache das auch gerne und ich realisiere mir das auch. Natürlich hat man manchmal einen Scheißtag, aber ich versuche das immer. Ohne den Promoter, ohne denjenigen hinter der Theke – wenn ein Element davon fehlt, dann hat man auch keine Show. Es ist wichtig, das mal zu sehen, wie andere Musiker das machen.

minutenmusik: Für das aktuelle Album hast du mit Adam Grahn von Royal Republic zusammengearbeitet. Inwieweit hat er das Album beeinflusst?

Tim: Die Zusammenarbeit hat das Album auf jeden Fall beeinflusst! Es ist das erste Album, das ich überhaupt mit einem Producer gemacht habe. Vorher bin ich einfach ins Studio gegangen und habe gesagt: „Das ist der Song. So machen wir das.“ Und jetzt bin ich zu Adam hingegangen und habe gesagt: „Guck mal, das ist mein Song. Und jetzt?“ Adam ist einfach ein krasser Musiker. Er hat auch seine Erfahrungen mit seinen Platten gemacht und es ist schön, dass er sie mit mir teilen konnte.

Es ist halt anders. Er hat mich manchmal anders singen lassen. Es war manchmal auch schwierig. Wir sind von der Persönlichkeit und vom Typen auf der Bühne fast das Gegenteil. Als Royal Republic mich gefragt haben, ob ich mit auf Tour gehe, habe ich gesagt: „Ja, geil, mache ich! Schön!“. Und auf einmal habe ich gedacht: „Ey, wirklich?“. Ich habe jeden Abend zum Publikum gesagt: „Ihr kommt hierher wegen einer geilen Rockshow und jetzt steht da irgendein Holländer mit ner Gitarre und singt seine Sachen.“ Ich hatte immer Angst, aber es hat so gut geklappt! So war es auch im Studio. Adam spielt halt in einer Rock´n´Roll-Band, die einfach eine richtig geile Show abliefert. Und ich bin eine Person, die absolut keine Show macht. Das war schon interessant. Man muss einfach einen guten Mittelweg finden und ich glaube, das haben wir auch erreicht. Es war nicht immer leicht, aber wir haben es geschafft. Er ist einfach ein multitalentierter Musiker und weiß genau, was er machen kann. Vom Produzieren her ist es, wenn du mich fragst, anders als die ersten zwei Platten. Die waren ein bisschen rau und diese ist manchmal ein bisschen mehr „polished“.

minutenmusik: Gibt es denn auf dem Album einen Song, der dir persönlich besonders wichtig ist?

Tim: Das ist eine schwierige Frage. Von der Message her kann ich nicht sagen, dass das eine wichtiger ist als das andere. Meine ganzen Platten sind immer meine persönlichen Meinungen oder meine eigenen Erlebnisse. Jeder Song hat seine eigene Bedeutung. Ich versuche das ein bisschen offen zu lassen, sodass jeder seine eigene Geschichte daran anhängen kann. Aber da ist keiner, der mir mehr bedeutet als ein anderer. Manche sind einfach persönlich und die anderen sind dann wieder allgemeiner, z.B. über die Flüchtlinge („Why shouldn´t you?„). Natürlich finde ich das voll wichtig, aber da gibt es auch Songs wie „Let it rain“, der für mich persönlich auch wieder wichtig ist.

Ich glaube, mein Favoritensong ist „Restless“, weil es schon ein ganz anderer Song ist als das, was man vielleicht von mir gewöhnt ist. Das war so ein Song, den ich einfach innerhalb von einer Stunde geschrieben hab oder vielleicht noch kürzer. Ich freue mich immer, den Song zu spielen. Aber von der Bedeutung her kann ich nicht sagen, dass einer wichtiger ist. Alles hat seine eigene Bedeutung. Man kann auch ein Auto und ein Fahrrad haben. Dann kann man sagen: Was gefällt dir besser? Wenn schönes Wetter ist, nehme ich lieber das Fahrrad. Wenn es regnet oder ich eine lange Strecke fahren muss, dann nehme ich das Auto. (lacht) Das sind scheiß Beispiele, aber ja…

minutenmusik: Nö, das passt schon. Dann hast du damit alle meine Fragen beantwortet. Vielen Dank dafür! Ich wünsche dir alles Gute für dein Albumrelease und freue mich darauf, dich bald mal wieder live zu sehen – spätestens beim Big Day Out in Anröchte!

Tim: Ah, schön! Wenn du mich da herumlaufen siehst, sag mal eben Hallo! Da freue ich mich und dann trinken wir ein Bier…oder was anderes.

Unsere Rezension zum Album findet ihr hier. So hört sich das übrigens an:

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Titelbild: popup-records

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