Als Falco im Februar 1998 kurz vor seinem 41. Geburtstag stirbt, wirkt es schon fast wie eine selbsterfüllte Prophezeiung. Falco hat immer schon einen Hang zum Größenwahn, liebäugelt mit dem Leben nach dem Tod, setzt seine Gesundheit mit dem Konsum von Alkohol und Drogen aufs Spiel und steht gefühlt über allem Weltlichen. Genau dieser Charakterzug steht im Fokus von Falco Meets Amadeus, das seit Januar durch die DACH-Region tourt.
Einige Künstler*innen sind einfach dafür prädestiniert, imitiert zu werden. Ein paar der allergrößten stellt das Veranstaltungsteam von Cofo Entertainment in den Mittelpunkt ihrer Shows. Einerseits ist das Elvis Presley bei „Elvis – Das Musical“ , Tina Turner bei „Simply The Best – Die Tina Turner Story“ und nicht zuletzt Michael Jackson bei „Beat It!“ . Solche Bühnenstücke haben es auf gar keinen Fall einfach, sind Erwartungen an die Darsteller*innen immer wahnsinnig groß – aber auch die Möglichkeiten, das Ganze zu inszenieren, wahnsinnig vielfältig.
Und damit wären wir auch schon bei der Show angekommen, um die es diesmal gehen soll. Falco Meets Amadeus ist eine Neuinterpretation von „Falco – Das Musical“, das vor rund einer Dekade seine Premiere feierte. Daneben gibt es aber noch einige andere Inszenierungen rund um den Wiener Kultstar wie „Ludwig Meets Falco“ oder das zuletzt in der österreichischen Hauptstadt ziemlich erfolgreich gelaufene „Rock Me Amadeus – Das Falco Musical“. Wie immer gilt am Ende: Was möchte man mit der Show erreichen? Wo liegt der Schwerpunkt? Wie schlägt sich der oder wie schlagen sich womöglich sogar die Darsteller*innen, die die Hauptfigur interpretieren?
Bei Falco Meets Amadeus fällt das gesamte Fazit in fast allen Punkten ganz schön ambivalent aus. Irgendwie ist es gut, irgendwie dann wieder nicht so. Auf der einen Seite ist es super musikalisch, auf der anderen dann wieder weniger. Es ist ein bisschen Musical, ein bisschen Tribute, ein bisschen alternatives Theater. Das ist spannend, irritierend, unterhaltend und enttäuschend. Alles zusammen. Aber das heißt ja per se erstmal nicht schlechtes – oder etwa doch?
Die ausgiebige Tournee hält gen Ende einer rund 60 (!) Auftritte umfassenden Reise im letzten Viertel auch in der Dortmunder Westfalenhalle 2. Zwar nicht ausverkauft, aber ordentlich gefüllt. Klassisches Musicalpublikum sitzt hier eher nicht, was gut ist – das schon mal direkt vorweg. Viel mehr tummeln sich wahrscheinlich NDW-Liebhaber*innen und selbstredend auch Falco-Fans. Alexander Kerbst, der das Buch zum Stück schrieb, übernimmt zusätzlich die Hauptrolle. Den Falco spielt der in Jena geborene Musicaldarsteller und Theaterschauspieler schon seit über zwei Dekaden, daneben aber auch eine ganze Riege anderer großer Figuren in „Im weißen Rössl“, „Ludwig²“, „Saturday Night Fever“ und vielem mehr. Somit beruht seine eigene Adaption des Stoffes auf seinen eigenen Bühnenerfahrungen, aber eben auch auf anderen Ansätzen.
Das Ergebnis ist ziemlich wild. Wie bereits erwähnt, versucht Falco Meets Amadeus recht viel, schlägt keine ganz eindeutige Richtung ein und traut seinem Publikum einiges zu. Aber das ist auch in Ordnung so, es ist nur nicht berechenbar. Hauptsächlich geht es um die gemeinsame Arbeit zwischen Falco und seinem Manager Horst Bork. Die Figur des Managers durchbricht im Stück regelmäßig die vierte Wand und spricht direkt zu den Zuschauer*innen. Er moderiert durch die Geschichte, gibt Hintergrundinfos. Dazwischen entstehen Spielszenen, die größtenteils zwischen den beiden Charakteren passieren, und meist zu einem Meilenstein in Falcos Karriere führen. Erste Erfolge, die größten Hits, Gigs im Ausland, aber auch der Absturz durch Substanzkonsum und Aufhalten in fragwürdigen Kreisen. Außerdem erscheinen immer mal wieder die Figuren Amadeus, Jeanny und Ana Conda. Amadeus stellt sein geniehaftes Denken dar, seine Inspirationsquelle. Nicht selten wurde Falco die Pop-Reinkarnation Mozarts genannt, und mit ebenjenem geht er in den Austausch. Jeanny ist seine emotional-weiche, liebevolle, verträumte Seite. Die Frau, die er liebt, das Leben, das für ihn lebenswert erscheint. Demgegenüber steht Ana Conda als eine Art Begehren nach dem Tod, Faszinosum fürs Verbotene, Drang nach Rausch.
Man merkt, das hat recht viele Ebenen, und die sind nicht immer einfach zu durchdringen. Falco Meets Amadeus ist im Bühnenbild sehr spärlich. Hinten in der Mitte ist die fünfköpfige Band positioniert, links und rechts daneben gibt es große Leinwände, auf denen hin und wieder Einspieler von dem echten Falco laufen, ansonsten aber meist vorab aufgenommene Messages der Figuren oder sphärische Visuals. Dann sieht man noch zwei Showtreppen und ein bisschen Requisite wie einen Schminktisch mit Spiegel, viele Alkoholflaschen und andere Kleinigkeiten. Das Kostüm ist ganz hübsch und wechselt vor allen Dingen mehrfach zwischen Partyoutfit und barocken Kleidern. Besonders die neun Tänzer*innen dürfen hier also ständig etwas anderes tragen und kommen hinter wie auf der Bühne gut ins Schwitzen. Doch das ist dann schon alles an optischen Elementen. Alles weitere passiert über Songs und Dialog.
Es ist dann eben doch eindeutig mehr Musiktheater als Musical. Für ein Musical ist es womöglich nicht opulent genug und die Songs sind eher konzertartig inszeniert als Träger von Storylines. Klar, sie spiegeln ganz eindeutig das Gefühl der jeweiligen Momente wider, aber bleiben im Kern ihrem Charakter treu. Nur wenige Titel werden nicht von Alexander Kerbst als Falco vorgetragen. Er ist unverkennbar der Star des Abends. Für ein typisches Tribute ist dann aber sein Spiel doch wieder zu viel eigene Interpretation. Wiener Schmäh hat er drauf. Mit einer Mische aus Arroganz, Zynismus und Fragilität hat er das Publikum stets auf seiner Seite. Gesanglich wie schauspielerisch ist seine Performance gut, um aber wie ein Double zu wirken, bräuchte es noch mehr Präzision. An einigen Stellen in den Titeln macht er eher sein eigenes Ding.
Die Spielsequenzen zwischen ihm und Sebastian Achilles als Manager sind die treibende Kraft, um durch die turbulente Biografie zu führen. Wenn Falco jedoch mit den beiden weiblichen Figuren Jeanny und Ana Conda interagiert oder auch mit Amadeus ins Schwadronieren gerät, ist das immer ein wenig skurril. Fans von absurdem Theater dürfte das besonders gut gefallen, löst es zweifelsohne eine gewisse Faszination aus. Vieles ist überspitzt, dramatisch und kippt auch mal gern ins Kitschige. Manches bleibt auch mal ohne klare Auflösung im Raum stehen, dafür ist aber die Ambivalenz von dem Charakter der Titelfigur immer erkennbar.
Der beste Aspekt am Abend: die Band! Mit einem hervorragend gemischten, richtig fetten, rockigen Sound kann die fünfköpfige Truppe durchgehend brillieren. Saxofonist Florian Fuss spielt einige hervorragende Soli, Drummer Steve Matyus spielt auch in Mini-Sekunden zwischen seinen energiegeladenen Trommeleinlagen mit den Sticks und wirbelt sie durch die Gegend. Im Arrangement bleibt man meist nah an den Originalversionen, sodass authentisches Falco-Feeling aufkommt. Gesanglich ist Alexander Kerbst den klanglich sehr diversen Nummern durchaus gewachsen. So funktionieren Raps in „Der Kommissar“ flüssig, Breitband-Balladen wie das wundervolle „Coming Home“ plus „Out Of The Dark“ und Ohrwurm-Melodien wie „Vienna Calling“ ähnlich gut. Leider bleibt „Jeanny“, einer der markantesten Titel im gesamten Stück, inszenatorisch ein bisschen hinter den Erwartungen zurück. Hier hätte man im Bühnenbild aber auch gesanglich noch etwas mehr Spannung erzeugen können.
Dass die bekanntesten Tracks aus Falcos Diskografie berücksichtigt wurden, ist wie so oft faktisch nicht ganz stimmig, fehlen mit „Maschine brennt“, „Wiener Blut“, „Männer des Westens“ und „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ schon ein paar Chartstürmer im Stück. Dafür überraschen „Cadillac Hotel“, „Nachtflug“ oder das besondere Opening „The Spirit Never Dies“ wohl auch die loyalsten Anhänger*innen des Österreichers, sind sie eben nie auf der gängigen Falco-Playlist. Die zwei besten Momente sind hingegen der Augenblick, in dem vieles zu kippen droht – „No Time for Revolution“ – bei dem auch optisch vieles gleichzeitig geschieht, noch mehr aber das richtig krachende, mit Regenschauer unterlegte „Helden von Heute“ während des Donauinselfestes 1993. Ramona Helder als Ana Conda ist dreckig, rotzig und laut, was passt. Bei Madeleine Haipt als Jeanny muss man jedoch einige Male um richtige Noten bangen, ist besonders in ihrem großen Solo so manches ganz schön unsauber gesungen.
Mit 65 Minuten im ersten und 80 Minuten im zweiten Akt gibt es ordentlich Programm. Der zweite Akt ist einige Level besser als der erste, da wird’s manchmal richtig schön dark. In den zwei Zugaben wird aber die Westfalenhalle 2 wieder aufgefangen und mit good Vibes entlassen. Bei „Tribute to Falco“ dürfen alle aufstehen, mitklatschen und mitsingen. Zum Abschluss „Europa“ hält Alexander Kerbst noch eine kurze Rede mit Message, wünscht sich das Team von dem Stück Frieden auf dem ganzen Kontinent, wovon man sich leider aktuell bekanntlich ganz schön weit entfernt bewegt. Hierzu wird die Menge aufgefordert, ihre Handylichter anzumachen. Falco Meets Amadeus ist definitiv nicht die massenkompatibelste Show, die man im Musikbereich sehen kann, aber sie unterhält ganz gut. Die Songs sind auch vier Dekaden nach ihrer Veröffentlichung noch kultig, der Typ, der sie gesungen hat ja sowieso.
Weitere Termine:
31.03. Beethovenhalle, Bonn
01.04. Halle Münsterland, Münster
02.04. Rhein-Mosel-Halle, Koblenz
04.04. Stadthalle, Kassel
05. & 06.04. Theater am Aegi, Hannover
07.04. Admiralspalast, Berlin
08.04. CCS, Suhl
10.04. GETEC-Arena, Magdeburg
11.04. MuK, Lübeck
12.04. StadtHalle, Rostock
14.04. Quarterback Immobilien Arena, Leipzig
29.12.-03.01.27 Deutsches Theater, München
Und so sieht das aus:
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Foto von Christopher Filipecki
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