Plattenkrach: Britney Spears – Britney

Britney

Mit Songs wie “… Baby One More Time” und “Oops! … I Did It Again wurde sie vor 20 Jahren binnen kürzester Zeit zu einer der erfolgreichsten Sängerinnen der Geschichte: Britney Spears. Obwohl die Popsängerin in den vergangenen Jahren immer wieder mit diversen Negativschlagzeilen von sich hören machte, unternehmen Redakteurin Anna und Redakteurin Julia in der heutigen Plattenkrach-Ausgabe eine Zeitreise zurück in das Jahr 2001, als die damals noch unschuldige 19-Jährige ihr drittes Studioalbum “Britney” veröffentlichte. Während Anna mit zwei gebundenen Zöpfen und in frommem Schulmädchen-Dress begeistert die poppigen Hitsingles ihres Teenie-Idols mitsingt, kommt Julia beim Hören des damaligen Nr. 1-Albums aus dem Kopfschütteln über die gewaltige Kommerz-Maschinerie der Pop-Industrie nicht heraus. Ob das gut gehen kann?

Anna sagt dazu:

Trotz etlicher Psychiatrie-Besuche, einer selbstgeschnittenen Radikalfrisur während eines mentalen Zusammenbruchs, einer Entmündigung durch den eigenen Vater, einer zumindest gutlaufenden Las Vegas Show „Britney: A Piece of Me“ und dem herzbrechenden Spielfilm von 2002 „Not a Girl“, der sogar die Goldene Himbeere kassierte, ist und bleibt sie für mich doch immer eine Ikone: Britney Spears. Schon im Jahr 1992 begann die junge Sängerin aus Mississippi an der Seite von – mittlerweile ebenfalls als namenhafte Persönlichkeiten zu bezeichnen – Justin Timberlake, Christina Aguilera und Ryan Gosling im berühmt-berüchtigten Mickey Mouse Club ihre Bühnenkarriere, ehe sie schließlich im Jahr 1999 mit „… Baby One More Time“, dem erfolgreichen Nachfolger „Oops I Did It Again“ (2000) und schließlich dem heute im Zentrum des Artikels stehendem Album „Britney“ (2001) den Beginn ihrer fulminanten Karriere einläutete. Doch zugegeben: Bereits nach den ersten nahezu gehauchten „Oh Babe, Babe“-Takten ihrer ersten Hitsingle war es um mich – einem damals etwa siebenjährigen Mädchen in der Blütezeit der Grundschule – geschehen.

Bis zum Jahr 2005 hatten sich an den Wänden meines Jugendzimmers rund 20 Poster von meinem Lieblingsidol gesammelt. Da ich schon seit ihren Anfangstagen eine große Verfechterin der knödel-stimmigen, Bauchfrei-rockenden Britney gewesen war, fíeberte ich – nachdem ich die beiden Vorgängerwerke bereits über zwei Jahre lang (natürlich in Abwechslung mit meinen zahlreichen Bibi Blocksberg-Kassetten) rauf und runtergehört hatte – der Veröffentlichung ihrer dritten Platte entgegen. Denn diese sollte sich sogar von ihren Vorgängerwerken unterscheiden, neue Musikstile aufgreifen und sich schlussendlich als ein Konzeptalbum entpuppen.

Während Britney zu Beginn ihrer Karriere noch eine schüchterne, von Produzenten und der Popblüte der Zeit konstruierte (wenn nicht sogar explizit geformte) Medienfigur, mit der sich ihre Fans auf allen Ebenen identifizieren sollten, war, versuchte die damals 19-Jährige auf dem nach ihr benannten Album „Britney“ aus diesem von außen gebildeten Konstrukt auszubrechen. So übernahm sie diesmal nicht nur partout einige Co-Songwriting Parts selbst, sondern präsentierte sich in Form ihres Konzeptalbums vor allem auch auf inhaltlicher-lyrischer Seite so selbstreflektiv und persönlich wie nie zuvor.

Im zweiten Song des Albums „Overprotected“ beleuchtet Britney dabei beispielsweise zu einem poppigen, beatlastigen Arragement mit einer gewaltigen Priese Groove aus der Feder von Pop-Meisterproduzent Max Martin das übermäßig-beschützte, kontrollierte Leben, das sie als weltberühmte Teenagerin führen muss(te). So heißt es hier treffend: What am I to do with my life? / (You will find it out don’t worry) / How am I supposed to know what’s right? / (You just got to do it your way) / I can’t help the way I feel / But my life has been so overprotected.“ Aber auch Songs wie „Lonely“ oder „Let Me Be“ spiegeln die Zerrissenheit und die emotionale Gefühlswelt der Sängerin feinfühlig, aber längst nicht langweilig und ausgelutscht wider. Bereits als junges Mädchen konnte zumindest auch ich mich hier als Kind besorgter Eltern und gefangen in vielen vergleichbaren Gefühlen wiederfinden.

Insbesondere die bewegende, Ballade „I’m Not a Girl, Not Yet a Woman“, bei welchem sogar Sängerin Dido als Songwriterin ihre begabten Finger mit im Spiel hatte, nimmt auf dem Album einen großen Stellenwert ein. Der Song, der ein Jahr später den Titel von Britneys erstem und einzigem Kinoerfolg darstellen sollte, spiegelt – begleitet von raffinierten Akkorden und einer Gänsehaut erzeugenden Modulation zum Ende hin – die Zerrissenheit der Sängerin wider, die ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden zu haben scheint.

Doch neben den Werken, die die Sängerin ins Zentrum ihrer eigenen emotionalen Gefühlswelt rücken, glänzt das Album – im Vergleich zu seinen Vorgängerwerken – vor allem durch seinen neuen, innovativen Sound: Denn Britney arbeitete bei der Produktion ihres dritten Studioalbums erstmalig mit gleich mehreren Produzenten zusammen. So erhielt das Werk durch die neuen Einflüsse auch erstmalig Elemente aus Rock, R’n’B und Hip-Hop. Bei den beiden Songs „I’m a Slave 4 U“ und „Boys“, die in Deutschland auch als Single-Auskopplungen erschienen, wirkte sogar das Produzenten-Hip-Hop-Duo „The Neptunes“, zu welchem auch Pharrell Williams gehört, mit. Beide Werke mutierten zu begnadeten R’n’B-Hits, die auch – gemessen am Charterfolg – die Zuhörer zu begeistern schienen.

Neben Einflüssen von Hip-Hop und R’n’B versuchte sich Britney aber auch erstmals an einem rockigeren Song: Mit ihrer Coverversion von „I Love Rock ‘n‘ Roll“ des ursprünglich 1975 von den Arrows veröffentlichten Originalwerks, brachte Britney mit ihrer frechen-knödligen Stimme (mit signifikantem Wiedererkennungswert!) eine erstaunlich gute und erfrischende Version („Hey, is this thing on?“) des Rockigen Klassikers, die meiner Meinung nach sogar auch die allseits gelobte Joan Jett & the Blackhearts-Version von 1981 in die Tasche steckt. (Ich höre schon die ersten Leser laut “Blasphemie!” rufen …)

Insgesamt sind es auf dem Album allerdings die peppigen, gut-arrangierten Songs wie „Overprotected“, „Cinderella“ und „Bombastic Love“ mit Ohrwurmcharakter, die mich auf „Britney“ überzeugen. Obwohl auch die sämtlichen Singleauskopplungen wie „Boys“, „I’m a Slave 4 U“, die romantische Ballade über das Erwachsenwerden „I’m Not a Girl, Not Yet a Woman“ oder „I Love Rock ‘n‘ Roll“ bei mir gänzlich ins Schwarze getroffen haben (und es bis heute tun!), sollte an dieser Stelle zugegeben werden, dass es sich bei den Werken in der Vielzahl um keine komplex produzierten Gesamtkunstwerke handelt. Doch das muss nicht zwingen etwas Schlechtes bedeuten oder die Qualität des Albums herunterschrauben, konnte das Produzententeam von Britney doch auf ganzer Ebene peppige, ohrwurmtaugliche, aber doch innovative und bislang in der Form nicht gehörte Songs erschaffen, die der breiten Masse zusagen.

Obwohl mich, zugegeben, der etwas entschleunigte letzte Song des Albums „Thats Where You Take Me“ oder einige der balladig-angehauchten Bonustracks der Platte nicht allzu stark vom Hocker reißen, bin ich im deutlich überwiegenden Maß begeistert von „Britney“. Eine Sängerin, die zum Zeitpunkt der Album-Veröffentlichung vom Mädchen zur Frau heranreift und ihre Fans auf diese Reise mitnimmt: Was gibt es Schöneres? Und obwohl es heutzutage immer häufiger verpönt zu sein scheint, wenn man sich offen als Fan einer Mainstream-Platte outet, so muss ich zu guter Letzt sagen: Ich bin “Britney”-Fan und werde es wohl noch lange bleiben. Danke für diese wunderbare, erheiternde Musik, liebe Britney – werd’ schnell wieder gesund.

Und Julias Meinung dazu:

Obwohl mein Herz eigentlich für Indie, Alternative, Rock und Konsorten schlägt, kann ich auch ganz unverblümt zugeben: Ich mag Popmusik. Immer wieder finden einige Format-Pop-Songs ihren Weg in meine Playlists, Alben von Lady Gaga fiebere ich nicht weniger gespannt entgegen als denen meiner liebsten Bands, ABBA gehören für mich genau so zum Musikkanon wie Queen oder die Beatles. Pop hat dennoch ein großes Problem, das ein*e Künstler*in für mich erstmal bewältigen muss, um mich zu erreichen: Talent und Authentizität sollten trotz Fokus auf spaßige Songs da sein. Wo wir schon beim größten Problem von Britney Spears wären.

Anfang der 00er war ich gerade in der Grundschule und neben Shakira und Christina Aguilera war Britney Spears eine DER Stars für die “Lieblingssänger”-Section in den Freundebüchern des bunten Schulhofs. Poster zierten die Wände und ja, ich gestehe, auch in meinem CD-Regal standen zwei Alben der blonden Sängerin. Spätere Songs wie “Toxic” oder “Circus” finden auch heute immer noch ihren Weg in meine Rotation, aber am eigentlichen Problem hinter Spears als Künstlerin ändert das nichts. Popmusik ist Kommerz, dessen sind sich wohl alle bewusst. Ein Blick in die Booklets der erfolgreichsten Alben des Genres genügt, um zu ahnen, was für eine riesige Maschinerie hinter den angeblichen Solo-Acts steckt. Einige wenige Acts wie eben Lady Gaga oder auch Sia stechen durch eigenes Songwriting hervor. Unzählige andere Beispiele beweisen, wie stark die Mühlen mahlen: Demi Lovato, Justin Bieber, Miley Cyrus und Konsorten litten allesamt an starken psychischen Problemen, geschuldet dem wahnsinnigen Druck, dem sie ausgesetzt waren. Kaum ein Bild hat sich dabei so eingebrannt wie das von Britney Spears mit abrasiertem Schädel – und so zeigte sie sich als trauriges Sinnbild einer Szene, aus der es für schwache Persönlichkeiten kein Entrinnen gibt.

Nun also ein Album einer Person, die ihre eigene Kunstfigur kaum selbst beeinflusst und genau so wenig mit ihrer eigenen Musik zu tun hat. Als Einstieg dient das hingehauchte “I’m a slave 4 U”, in dem Spears über ihre damalige Jugend singt. Zwar sei sie ein “little girl”, Gefühle hätte sie aber trotzdem. Im zugehörigen Video rekelt sich Spears in Lack&Leder-Optik auf dem Boden, man mag kaum glauben, dass sie zu dem Alter 19 (!!!) Jahre alt war. Erklärt zumindest die Glatze. Wäre es nur dieses Image, mit dem ich nichts anfangen kann, wäre es ja nur halb so schlimm. Gesanglich leistet Spears aber leider über ganze Albumlänge auch erstaunlich wenig. Von diesem hingehauchten Timbre, das nichts anderes will als “Schau wie sexy ich bin” in den Gehörgang zu quietschen, gibt es genügend Songs. Ob nun “Boys” oder “Overprotected” – die Songs kommen stilistisch nicht über den Opener hinaus. Vernünftige Melodien werden der Guten immerhin ab und zu angedichtet, zumindest “Bombastic Love” überzeugt mich da halbwegs. Zum Abschluss des regulären Albums erklingt die “Ballade” “That’s Where You Take Me”, die so platt produziert und kitschig ist, dass wohl niemand ernsthaft positive Gänsehaut davon bekommen kann. Wo Intimität sein sollte, zerstören auch hier plumpe Retro-Beats alles, die eingeschobenen Gesangsspuren sind der Inbegriff von käsig. Generell ist das mein Problem mit dieser seelenlosen Art Musik, die Britney Spears macht: Gefühle sind einfach fehl am Platz. Außer vielleicht Fremdscham.

Ein Cover hat sich auch aufs Album geschlichen und zwar Joan Jetts “I Love Rock’n’Roll”. Und damit hat “Britney” nun endgültig den Vogel abgeschossen. Von der selbstbestimmten, emanzipierten, beeindruckenden Person der Jett ist und war Britney Spears stets Galaxien entfernt. Ich habe es ihr gewünscht, dass dieses Album in der Retrospektive vielleicht nur eine unglückliche Zwischenstufe einer im Jahr 2019 gereiften Künstlerfigur sein würde. Aber wir wissen ja alle, wie die Gegenwart aussieht. Und damit ist Britney Spears für mich nur eins: Das Sinnbild der zerstörerischen Kommerz-Maschinerie der Pop-Industrie, die sich nur für Geld und kaum für die Personen dahinter interessiert. Schade, dass es solche Opfer finden muss – und die Musik noch nicht einmal gut ist.

Tracklist

  1. I’m a Slave 4 U
  2. Overprotected
  3. Lonely
  4. I’m Not a Girl, Not Yet a Woman
  5. Boys
  6. Anticipating
  7. I Love Rock ’n’ Roll
  8. Cinderella
  9. Let Me Be
  10. Bombastic Love
  11. That’s Where You Take

Bonustracks

  1. When I Found You
  2. I Run Away
  3. What It’s Like to Be Me
  4. Before the Goodbye

Und so hört sich das an:

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Coverrechte liegen bei Zomba Recording LLC / Jive.

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