Interview mit Leoniden über „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“

Interview: Leoniden Gitarrist Lennart Eicke gibt im Interview Aufschluss über das bislang komplexeste Album seiner Band.

Ganz normal: Als die Leoniden im kargen Dezember 2019 das erste Mal in ein Tonstudio fahren, um ihr drittes Album aufzunehmen, ahnen die fünf Kieler nicht, dass das Jahr 2020 alles auf den Kopf stellen würde. Der Pandemie sei Dank. In den Pre-Corona-Zeiten jedenfalls soll das Werk, aus dem schlussendlich das epochale „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“ wird, im Ansatz gar nicht so vieles anders machen als seine knackig zusammengezimmerten Vorgänger. Doch es kommt anders: Erst über anderthalb Jahre später erscheint das gut 50-minütige und 21-Anspielstationen umfassende Doppelalbum und ist konträr der einstigen Planung vor allem eines – ein Umbruch in vielerlei Maß.

Doch wie kommt eine Band wie die Leoniden von Punkt A (fast alles wie immer machen) zu Punkt B (nahezu gar nichts wie immer machen)? Und welche Stationen und Entscheidungen liegen zwischen diesen zwei Orten? An einem sonnigen Juli-Tag sitzt Lennart Eicke – seit eigentlich immer Gitarrist der Kieler Band – unter Schäfchenwolken und zwischen Hund und Katz an der frischen Luft und ist nach und nach mit Journalist*innen per Videoanruf verbunden. Er wird mit seinen ausführlichen Antworten Licht in diese mit Fragen gefüllte Box der Dunkelheit fallen lassen – mit einem Lächeln auf den Lippen und Dankbarkeit über seine Musik sprechen zu können.

Alles anders

Eine erste Tendenz auf die Frage nach der Opulenz der Platte kann er schnell geben: „So banal das auch klingt: Wir hatten einfach Zeit für so ein Album.“ Denn die Pandemie hat natürlich auch die Leoniden Nerven, Geld und vor allem Auftritte gekostet. Statt also wie früher zwischen unzähligen Konzerten hin und wieder ins Studio zu müssen, kann es die Band sich erlauben, sich gleich vier Mal mehrere Wochen in Leipzig und Berlin an die Aufnahmen zu setzen. Aus zwei Handvoll Wochen Arbeit werden so anderthalb Jahre. Und aus einem vermutlich sonst eng geschnürtem 10-Song-Hitfeuerwerk wird ein ausufernder Pop-Rock-Querschläger, der sowohl Pathos-geschwängerten Indie als auch antreibende Hardcore-Breaks unterbringt.

Die neugewonnenen Möglichkeiten lassen die Band ihre kreativen Freiheiten erkennen. Eicke erklärt: „Durch die Zeit haben wir gesehen, was wir eigentlich machen wollen. Für uns war das eine klare, bewusste Entscheidung, dass wir ein langes, ausführliches Album schreiben.“ Die Erkenntnis sich auf ein Doppel-Album einlassen zu wollen wiederum, färbt sich schnell auch auf das Songwriting der fünf Musiker ab. Mussten ältere Lieder sonst binnen weniger Minuten vielerlei Brücken schlagen, so sind die Indie-Pop-Nummern „New 68“ und „Blue Hour“ stilistisch so konsequent eingleisig wie nur wenige Leoniden-Songs zuvor. Gitarrenschleuder Eicke dazu: „Dadurch, dass das viele Lieder geworden sind, müssen auch nicht alle so viel abdecken. Statt ein Lied zu schreiben, das sowohl Garage-Rock als auch Pathos-Pop unterbringt, konnten wir durch den Platz daraus nun einfach zwei Songs machen. Das tat total gut, weil wir so viele Ideen hatten.“ 

Dieser Überdruss an Ideen schlägt sich auch an anderer Stelle nieder: In den fünf Interludes, die immer wieder das Albumgeschehen auf- und unterbrechen. Wird bei dem Quintett sonst jeder Ansatz zehn mal umgedreht, verfeinert und geschliffen, so finden hier ganz ohne Rücksicht auf Pop-Konventionen in jeweils einer knappen Minute Post-Hardcore, Techno, House und Video-Spiel-Soundscapes statt. Dem Gesamtwerk nimmt das an Schwermut. Auch fernab der Interlude-Inseln, die die Band streut, fokussieren sich die Leoniden beim Songwriting immer wieder auf das Gesamterlebnis. Song für Song feilen die Kieler an Ideen, schauen von oben auf das bestehende Album und ergänzen oder streichen. So merken die Fünf zum Beispiel, dass ihnen noch ein ruhigerer Song fehlt. Im Anschluss greifen sie in ihre bunte Dropbox-Tüte – die Band sammelt alle Ansätze in einem großen Ordner – und schreiben das intensive „Blue Hour“, das nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich zu einem der wichtigsten Songs der Platte gehört. Ähnlich ergeht es auch dem eigentlich unbeschwerten „Medicine“, dem die Band im Nachhinein mit seinem nahezu wütenden Breakdown doch noch Schwermut verpasst.

Drangsal, Ilgen-Nur, Pabst

Drangsal, Ilgen-Nur, Pabst – diese drei Künstler*innen leben nicht nur in Berlin und sind Teil einer jungen Indie-Generation, sondern allesamt als Feature auf „Complex Happenings“ vertreten. Diese Offenheit für musikalische Kollaboration ist ebenfalls neu im Leoniden-Kosmos und wie die Interludes und vielen Ideen ebenfalls der Plattenlänge geschuldet. „Dadurch, dass wir nun durch die lange Spielzeit diesen Platz hatten, fanden wir es im Sinne der Dramaturgie und der Abwechslung gut, wenn an manchen Stellen nochmal etwas Neues dazukommt“, berichtet der Gitarrist. 

Wichtig ist der Band zu betonen, dass die Auswahl der Kollaborateur*innen keineswegs Promo-Kalküle bestimmten. Wichtiger sei die künstlerische Komponente gewesen und vor allem, dass man mit Freund*innen zusammenarbeite. So kommt es also, dass sich Sänger Jakob Amr in der Bridge des Garage-Rockers „Boring Ideas“ ein Kanon-Duell mit Max Gruber alias Drangsal liefert, Ilgen-Nur zum melancholischen „Deny“ die passend-verträumten Vocals beisteuert und Erik Heise von Pabst für „Freaks“ zu Mikrofon sowie Gitarre greift.

Studio-Spa

Eine letzte Sache unterscheidet „Complex Happenings“ außerdem von seinen zwei älteren Geschwistern: Statt den zwei Hamburgern Kristian Kühl und Helge Hasselberg bedienten im Studio nun erstmals Markus Ganter und Magnus Wichmann die Regler. Auf ersteren schwörten in der Vergangenheit bereits große Namen wie Casper oder AnnenMayKantereit und auch Drangsal schwärmt immer wieder von Ganters Universaltalent. Letzterer – Wichmann – ist ein enger Freund der Band, stand mit dem Indie-Rap-Projekt I Salute bereits mit den Leoniden auf der Bühne und bestach in den letzten Jahren vor allem durch ausgefuchste Underground-Produktionen.

Für die Aufnahmen bedeutet dieser Wandel auch dank der langen Studiozeiten: Komfort. Die Band weiß die Befreiung von Stress zu schätzen und kann verhältnismäßig drucklos an den Songs arbeiten. Eine bahnbrechende Entscheidung, die auch maßgeblich dazu beiträgt den Arbeiten an dem Album eine gewisse Entspanntheit zu verpassen, kommt zudem direkt von Ganter selbst: „Das erste, was uns Markus vorgeschlagen hat, war, dass wir den Gesang bei uns ohne Produzenten in Kiel aufnehmen.“ Im gut ausgestatteten Proberaumstudio nahe der Ostseeküste sitzen Amr und Eicke also gemeinsam – teilweise bis tief in die Nacht – an den Vocal-Takes. Eicke fasst die Vorteile dieser Neuausrichtung zusammen: „Wir konnten immer wieder neu anfangen oder Dinge ausprobieren, die man sich vor anderen Leuten vielleicht auch nicht trauen würde.“

 „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“ merkt man diese Lockerheit an, denn derart befreit und unbefangen klangen die Leoniden bislang noch nie. Und: Gerade die angezerrten Gitarrenparts treiben ungewohnt druckvoll in die Gehörgänge. Das „Dream-Team“, wie der Gitarrist das Produzenten-Duo umschreibt, schafft es also nicht nur der Band Stress zu nehmen, sondern setzt auch ihre Musik perfekt in Szene. 

Schlussendlich ist das dritte Leoniden-Album ein Aufbruch ins Ungewisse. Auch in Zukunft möchte die Band sich mehr Zeit schaffen, um stressfrei an ihrer Musik zu arbeiten. Wohin dieser Weg führt ist nach den vielen Wagnissen, die sich „Complex Happenings“ erlaubt, offener denn je. Fest steht jedoch – und das beweist auch schon der dritte Langspieler aus dem hohen Norden Deutschlands: Spannend wird das Endergebnis in jedem Fall.

Hier (physisch) und hier (digital) kannst du dir das Album kaufen.*

Tickets für die Tour in 2022 gibt es hier.*

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Und so hört sich das an:

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Leoniden live 2021:

19.08. – Kiel, Together Kiel (ausverkauft!)
20.08. – Hamburg, Dockville (ausverkauft!)
21.08. – Pütnitz, About You Pangea Festival

Leoniden live 2022:

05.03. – Stuttgart, Wagenhallen (hochverlegt)
06.03. – Salzburg, Rockhouse (AT)
07.03. – München, Muffathalle
09.03. – Wiesbaden, Schlachthof
10.03. – Leipzig, Felsenkeller (hochverlegt)
11.03. – Köln, Palladium (hochverlegt)
12.03. – Berlin, Columbiahalle
17.03. – Hamburg, Edel Optics Arena (hochverlegt)
18.03. – Bremen, Pier2
19.03. – Osnabrück, Hyde Park
15.04. – Bern, Dachstock (CH)
16.04. – Winterthur, Salzhaus (CH)
19.04. – Wien, Arena (AT)

Die Rechte für das Beitragsbild liegen bei Joseph Strauch.

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