Interview mit Provinz über “Zu spät um umzudrehen”

Als junge Band stellt man sich oft vor, wie der eigene Durchbruch wohl ablaufen könnte: ausverkaufte Konzerthallen, zahlreiche Festivalshows, seine Fans treffen und durch das Land reisen. Der perfekte Plan. Dass man sein Debütalbum ausgerechnet inmitten einer globalen Pandemie veröffentlicht, seine erste Tour gleich um zwei Jahre verschieben muss und stattdessen seltsame Shows mit Klappstühlen und Sicherheitsabstand spielt, wünscht sich wohl niemand – doch genau so ist es Provinz im letzten Jahr ergangen.

Als die vierköpfige Band aus Ravensburg im Juli letzten Jahres ihr Debütalbum „Wir bauten uns Amerika“ veröffentlichte, befand sich die Pandemie gerade in ihrer ersten großen Post-Lockdown-Phase. Doch trotz aller Hürden und Schwierigkeiten hätte das vergangene Jahr für Provinz nicht besser laufen können. Ihre coronakonformen Konzerte verkauften sich genauso rasant, wie die verschobenen Club- und Hallentouren, das Album landete auf Platz 4 der deutschen Albumcharts und der Radiosender 1Live verlieh ihnen den Preis als “Beste Newcomer” des Jahres. 

Am 11.06.2021 erscheint nun der Nachfolgetonträger “Zu spät um umzudrehen” – eine EP mit fünf neuen Liedern. Anfang Mai 2021 haben wir mit Schlagzeuger Leon Sennewald über das vergangene Jahr und die neue Platte gesprochen:

minutenmusik: Bald erscheint eure EP „Zu spät um umzudrehen“ mit insgesamt fünf neuen Songs. Wie kam es, dass ihr euch dazu entschieden habt, nun eine EP statt euer zweites Album zu veröffentlichen?

Leon: Uns geht es da wahrscheinlich wie vielen: die Corona-Krise hat unseren Zeitplan, den wir für die nächsten Jahre aufgestellt haben, ein bisschen über den Haufen geworfen. Wir saßen auf einmal zu Hause und hatten sehr, sehr viel Zeit. In diesem Fall konnten wir sie nutzen, haben viel Musik gemacht und viel geschrieben. Dabei ist auch unerwartet die EP entstanden und wir wollten das dann einfach rausbringen. Ich meine, ein Album ist natürlich viel mehr Zeitaufwand und braucht viel mehr Planung. Es dauert alles viel länger als bei einer EP. In so einer kleineren Version konnten wir das schneller umsetzen. Wir wollten das jetzt einfach schnell herausbringen, von daher bietet sich die EP eher an.

minutenmusik: Gab es denn sonst Unterschiede zum Entstehungsprozess im Vergleich zu eurem Album?

Leon: Naja, also es war schon so, dass vieles von Vincent zum Teil in den Sessions geschrieben wurde, aber eine Hälfte auch von uns zusammen. Die Themen haben sich auch ein bisschen an die ganze Situation angepasst. Man verarbeitet ja immer auch ein bisschen das, was einem widerfährt und was um einen herum passiert. Da so eine Pandemie natürlich Einflüsse und Auswirkungen hat, findet man das sicher wieder. Aber ich glaube sonst, im Großen und Ganzen, war es ein relativ ähnlicher Prozess.

minutenmusik: Zwei der neuen Songs, “Zimmer” und “Ich will dich wiedersehen“, habt ihr letztes Jahr auch schon live auf euren coronakonformen Konzerten vorgestellt. Wie fühlt es sich an, diese Songs jetzt endlich in ihrer Studioversion auf die Welt loszulassen?

Leon: Das sind tatsächlich immer zwei verschiedene Seiten. Live ist das natürlich immer schön, weil man ein direktes Feedback hat. Es entsteht auch eine gewisse Dynamik zwischen allen Personen, die da sind. Das ist die eine Geschichte. Im Studio kann man aber natürlich viel mehr ausprobieren und hat viel mehr Möglichkeiten. Man bekommt da irgendwie eine andere Form von Feedback und erreicht dadurch natürlich auch viel mehr Leute. Das macht es natürlich immer nochmal auf eine andere Art aufregend. Bisher sind wir sehr zufrieden damit, wie alles ankam. Es gab schönes Feedback und es gibt viele Leute, denen es gefällt, was wir machen. Da hoffen wir natürlich, dass es erstmal so bleibt.

minutenmusik: Einen Song, den ihr letztes Jahr live gespielt habt, habt ihr auf der EP aber weggelassen: das sehr emotionale „Weit weg“. Ihr habt das Lied letztens aber auch nochmal kurz in eurer Instagram Story geteilt. Wieso fehlt “Weit weg” auf der EP?

Leon: Mal gucken. (lacht) Der ist nicht auf der EP drauf,  das ist richtig, aber dadurch ist er natürlich noch nicht verloren. Wir veröffentlichen ja noch mehr als nur die EP. Vielleicht wird er ja später nochmal irgendwo mit drauf sein.

minutenmusik: Okay, ist notiert. Die erste Singleauskopplung der neuen EP war „Hymne gegen euch“, wo ihr erstmals einen etwas politischeren Song gemacht habt. Ging es euch in dem Moment eher darum, eure aktuellen Gefühle in dem Song zu verarbeiten oder wolltet ihr euch als Band schon länger in diese Richtung positionieren, dadurch dass ihr jetzt diese Stimme bzw. eine gewisse Plattform als Band habt?

Leon: Ja, wie du schon sagst: wenn man eine gewisse Reichweite, wie wir sie uns in den letzten Jahren aufgebaut haben, hat, dann trägt man irgendwo auch eine gewisse Verantwortung. Man hat eine Stimme, die man irgendwie nutzen sollte, und das war uns auch immer ein Anliegen. Politik ist gerade bei jungen Menschen einfach ein sehr präsentes Thema. Man sieht das ja auch an allen Ecken – egal ob das jetzt „Fridays for Future“ ist oder irgendwelche Waldbesetzer fünfzehn Minuten vor unserer Haustür oder eben am 1. Mai, wo ganz Deutschland demonstriert hat. Es sind hochpolitische Zeiten und es gibt viele Dinge, die uns stören und Dinge, die wir ändern möchten. Das können wir immer am besten in der Musik transportieren, deshalb haben wir uns dazu entschlossen, dem was wir da gefühlt haben, in “Hymne gegen euch” Ausdruck zu verleihen.

minutenmusik: Sehr gute Einstellung auf jeden Fall. Mit dem Song „Großstadt“ nehmt ihr wieder Bezug auf eure Heimat, wie ja auch schon im Bandnamen. Die Idee des Songs hat mich ein bisschen an „Ich will nicht nach Berlin“ von Kraftklub erinnert, wo es auch darum geht, dass man eben nicht in diese hippe Großstadt umziehen möchte. Gab es die Frage in der letzten Zeit bei euch denn schon, ob die Option oder der Gedanke besteht, in eine größere Stadt zu ziehen?

Leon: Auf jeden Fall. Früher oder später wird das auch passieren – einfach weil es von hier aus nicht so leicht ist oder weil wir auch einfach am Arsch der Welt leben. (lacht) Es ging in “Großstadt” aber vor allem auch um das Gefühl oder ein Sinnbild – nicht zwingend für die Lokalität, wo man sich befindet, wo man herkommt, sondern viel mehr die Menschen, mit denen man zusammen aufwächst und mit denen man viel durchmacht. Das bedeutet uns viel mehr “Provinz” oder Lokalität und das möchten wir natürlich so oder so nicht verlieren – deshalb wollen wir symbolisch nicht in die Großstadt. Aber ja, früher oder später werden wir auf jeden Fall noch umziehen.

minutenmusik: Und gibt es da schon Tendenzen? Irgendein Ort, wo ihr sagen würdet, der wäre für euch als Stadt interessant?

Leon: Aktuell ist bei uns Hamburg auf jeden Fall ganz oben im Kurs. Aber mal gucken.

minutenmusik: Seit der Veröffentlichung eures Albums im letzten Jahr habt ihr eigentlich nur coronakonforme Konzerte mit Abstand gespielt. So hat man sich seinen Durchbruch als Band ja wahrscheinlich auch nicht unbedingt vorgestellt, oder? Wie geht ihr damit um?

Leon: Das ist natürlich keine Frage… Es ist für uns nach wie vor so, dass wir unsere erste Tour immer noch nicht spielen konnten und die immer noch sehnlichst erwarten. Es ist sehr ätzend und sehr anstrengend darauf zu warten, aber man muss auch dazu sagen, dass Livespielen im Moment super schwierig ist – für ganz viele. Wir sind deshalb sehr dankbar, dass wir trotzdem die Möglichkeit haben, so viele Konzerte unter coronakonformen Bedingungen zu spielen. Wenn man sich einfach mit der Situation abfindet und sich darauf einstellt, dass das was anderes ist wie jetzt schwitzend, eng im Club gepresst solche Konzerte zu spielen, dann sind die auf ihre Art und Weise auf jeden Fall auch sehr schön und haben auch einen sehr schönen Reiz. Deshalb sind wir im Großen und Ganzen ziemlich zufrieden und dankbar, dass wir es auf diese Art trotzdem so viel machen können.

minutenmusik: Letztes Jahr habt ihr ja im Rahmen der 1live Krone auch ein Livestream Konzert gespielt. Wäre sowas für euch auch nochmal eine Option oder legt ihr schon großen Wert darauf, dass ein reales Publikum anwesend ist, mit dem ihr connecten könnt?

Leon: Das Problem an einem Livestream ist vor allem die fehlende Resonanz, wovon so ein Konzert eigentlich lebt. Die fällt natürlich komplett weg. Das ist eine komische Situation, und wir machen das tatsächlich nicht so gerne – aber wir machen es hier und da auf jeden Fall noch! Nächste Woche Freitag spielen wir auch noch ein Streaming Konzert (Anm. der Redaktion: 14.05.2021, Club100 Bremen) und manchmal lässt es sich nicht umgehen, beziehungsweise manchmal ist es trotzdem eine schöne Möglichkeit, um einfach Musik zu machen und das irgendwie in die Welt rauszuhauen, sozusagen. Aber wenn wir die Möglichkeit hätten, normale Konzerte zu spielen, dann würden wir uns immer für die normalen entscheiden. Das ist klar.

minutenmusik: Verständlich! Und obwohl ihr ja jetzt seit Albumveröffentlichung auf „normale“ Promo eher musstet und alles irgendwie anders gelaufen ist, hattet ihr ja trotzdem sehr erfolgreiches Jahr. Die Tickets für eure Tour und auch für die coronakonformen Konzerte gingen ja sehr schnell weg und ihr habt außerdem die 1Live Krone als “Bester Newcomer 2020” gewonnen. Wie erklärt ihr euch diesen Durchbruch?

Leon: Sehr, sehr gute Frage! Also ich verstehe auch nach wie vor nicht, wie die Leute sich jetzt schon so fleißig Tickets kaufen, obwohl Konzerte, mal von den Picknick Shows abgesehen, noch so unrealistisch sind in ihrer Umsetzung. Es ist schwer zu sagen, woran es liegt. Ich kann mir vorstellen, dass gerade dadurch, dass gerade so wenig geht und alle einfach Zuhause sitzen müssen, für jeden die Sehnsucht steigt und man sich einfach mit jedem Tag auf neue Konzerte, die mal wieder stattfinden, umso mehr freut. So geht es uns ja auch. Ich kann mir vorstellen, dass das Leute dazu motiviert. Wir nehmen es natürlich gerne mit und sind dankbar darüber, aber mir fällt es schwer, das zu erklären.

minutenmusik: Vielleicht liegt es aber auch an euch? Ich habe so ein bisschen das Gefühl, dass in eurer Band sehr viele unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Talenten schlummern. Gibt es da vielleicht irgendetwas, was sich während der Pandemie noch weiterentwickelt hat? Irgendein Talent, dass ihr wiederentdeckt oder neu dazu gewonnen habt?

Leon: (lacht) Bestimmt. Vincent und ich kochen relativ viel in letzter Zeit. Das hat sich ein bisschen dadurch ergeben, dass man einfach nicht kocht, wenn man die ganze Zeit unterwegs ist. Dann gibt es meistens Catering oder sonst was. Wenn man die Zeit hat, dann kochen wir Zwei jeden Fall lieber. Es werden natürlich auch fleißig Serien geschaut – da haben wir unser Wissen erweitert. (lacht) Jeder arbeitet aber irgendwie auch an sich selber und seinen eigenen Instrumenten. Und alle kicken viel. Wir spielen in letzter Zeit viel Fußball – daran wird auch gearbeitet. Joa, so viel zu unserem besonderen Talenten. (lacht)

minutenmusik: Das klingt doch aber schon sehr gut! Letztes Jahr habt ihr euch aber auch noch ein anderes Talent ins Boot geholt – Disarster für eure Amazon Music Collaboration zu „Du wirst schon sehen“. Gibt es aktuell irgendeinen anderen Künstler*in, bei der*dem ihr euch wünschen würdet, dass da in Zukunft vielleicht auch noch eine Zusammenarbeit stattfinden könnte?

Leon: Es gibt viele gute Künstler, bei denen wir uns das auch vorstellen könnten. Ich weiß nicht. Jeremias! Wir haben auch viel Bock mit einer weiblichen Künstlerin irgendwas cooles auf die Beine zu stellen, aber es gibt noch keinen konkreten Plan. Im Moment sind wir offen für alles. Wenn sich etwas Cooles ergibt oder irgendjemand perfekt ins Bild oder zu dem Song passt, dann liebend gerne. Bis dahin mal abwarten.

minutenmusik: Durch Corona sind ja auch viele Dinge noch beschränkt, die man aktuell nicht so ausüben oder verwirklichen kann, wie man vielleicht möchte. Gibt es für euch als Band irgendein Ziel oder einen Wunsch, was ihr in eurer Karriere auf jeden Fall noch erreichen wollt? Zum Beispiel ein bestimmtes Festival oder in einer bestimmten Stadt spielen oder so?

Leon: Die erste Tour irgendwann zu spielen hoffen wir natürlich… (lacht) Und die Festivals! Southside und Hurricane wollen wir nach wie vor extrem gerne spielen. Das Southside ist bei uns das Heimatfestival, wo alle immer hingehen und da freuen wir uns richtig drauf! Es gibt tatsächlich viele coole Festivals – wie das MS Dockville oder das Puls Open Air. Aber alles mit Fragezeichen, denn die finden natürlich alle gerade nicht statt. Da müssen wir abwarten. Aber genau, das sind so die dringendsten Träume, die wir gerade haben.

So hört sich das an:

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Coronakonforme Konzerte 2021

20.06.21 Dresden, Rinne im Ostragehege
01.07.21 Bielefeld, Campus Festival
04.07.21 Dortmund, Juicy Beats Parksessions
11.07.21 Erfurt, Festwiese im Zoopark – ausverkauft
14.07.21 Rostock , IGA Park
15.07.21 Leipzig, agra Messepark
16.07.21 Kulmbach, Plassenburg Open-Air
18.07.21 Köln, Galopprennbahn Köln-Weidenpesch – ausverkauft
28.07.21 Bad Zwischenahn, Park der Gärten
30.07.21 Stade, Konzertsommer
06.08.21 Ladenburg, Festwiese
08.08.21 Berlin, Marienpark – ausverkauft
08.08.21 Berlin, Marienpark – Zusatzshow
13.08.21 Kiel, Together Kiel Open Air
15.08.21 Weißenburg in Bayern, Heimspiel Festival
18.08.21 Düsseldorf, New Fall Festival Summer Edition
19.08.21 Hannover, Gilde Parkbühne
22.08.21 Münster, Parkwiese am Allwetterzoo – ausverkauft
25.08.21 Hamburg, Uferpark Wilhelmsburg
26.08.21 Wiesbaden, Schlachthof – ausverkauft
31.08.21 Magdeburg, Elbauenpark
02.09.21 Stuttgart, Im Wizemann
03.09.21 Konstanz, Bodenseestadion

Die Bildrechte liegen bei Mike Kipper.

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