Pe Werner, Kulturschmiede Greven, 15.10.2021

Pe Werner Greven

„Gib deiner Freibeuter-Sehnsucht die Spor’n!“. Schau aufs Meer, schließe die Augen, atme tief ein, fang an zu lächeln und genieß den Moment! Meer gab es zwar am Abend des 15.10., einem Freitag, in Greven nicht – aber alles andere. Gesorgt hat dafür Pe Werner.

Mit Sicherheit ist die Kulturschmiede im Emsland nicht der schickste Ort für ein stilvolles Konzert. Sie gleicht eher einem Raum aus einem Jugendzentrum. Kuschelig ist’s aber trotzdem. Geschätzte 100 Personen passen hier rein und sitzen Platz an Platz mit dem Gesicht nach vorne gerichtet auf ihren Stühlen. So wie vor Corona. Der eingetragene Verein „Kulturinitative“ hatte bereits vor 20 Jahren Pe Werner als Gästin.

Die kam damals dermaßen gut an, dass es an der Zeit war, sie endlich wieder herzuholen. Damals war die Show ausverkauft, 2021 ist sie es wieder. Zwar sind alle Beteiligten älter geworden – der Wunsch nach wirklich guter Musik aber geblieben, auch wenn der Gig Corona bedingt mehrfach verschoben werden musste. Glücklicherweise braucht die gerade 61 gewordene Wahl-Kölnerin kein Schickimicki. Dafür wäre die Bühne auch zu eng. Stattdessen steht dort ein schicker Steinway-Flügel, zwei Mikrofonständer, eine weiße Tasse mit einem schwarzen „P“ und Scheinwerferlicht. Genügt. Hat man anfangs vielleicht so seine Befürchtungen, dass in derartigen Räumen der Ton etwas unangenehm erklingen könnte, dauert es keinen ganzen Song, um auch hier durchatmen zu können. Tonmeister Pit Lenz macht nämlich neben seinen Aufgaben als Background und Mundharmonikaspieler auch an den Reglern einen hervorragenden Job.

Dass Sängerin Pe Werner mit jenem Tonmeister und ihrem Pianisten Peter Grabinger seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, erweist sich stets als Vorteil. Hier ist jede*r den Anderen so vertraut, dass alles ohne kleinste Makel vonstattengeht. Das ist nach einem Programm, das so auch bereits knapp fünf Jahre existiert nicht groß verwunderlich und in sehr vielen Städten schon besucht werden konnte, aber für die Zuschauer*innen umso genussvoller. Wir berichteten schon im Januar 2019 aus Mönchengladbach über die „Von A nach Pe“-Tour, die zum 2015 erschienenen, gleichnamigen Best Of ins Leben gerufen wurde, aber fast drei Jahre später nicht einen Hauch an Intensität und Faszination verloren hat. Eher im Gegenteil.

Manchmal lohnt es sich eben zweimal die gleiche Show zu schauen. Oder wir dieser Autor sogar viermal. Beim ersten Mal geht man unvoreingenommen hin und ist von der Stimmigkeit und dem außergewöhnlich guten Songwriting überrascht, beim zweiten Mal überprüft man, ob die Qualität auch ohne Überraschungstüte noch überzeugt – und beim vierten Mal freut man sich einfach schon Wochen zuvor auf bestimmte Momente, kennt die Setlist auswendig und weiß jetzt schon, dass man im kommenden Jahr wieder hingehen wird.

Wer Pe Werner nur von ihrem mittlerweile drei Dekaden alten Hit „Kribbeln im Bauch“ kennt, kann die ersten fünf Minuten Konzert mit gemischten Gefühlen erleben. Der Klassiker, der wohl auf ewig vielen als gekonnte Abwendung vom Schlager, hin zum anspruchsvollen Liedermacher*innen-Pop im Gedächtnis bleiben wird, ist das Opening. Die einen freut es, weil sie direkt das Lied hören, was sie so mögen und „doch damals die Pe Werner gesungen hat“. Gleichzeitig schleicht sich aber das Gefühl ein: „Was kommt denn jetzt noch die restlichen, ungefähren zwei Stunden?“.

Zunächst 45 Minuten, dann über eine Stunde lang beweist Pe Werner in gut 20 Titeln, dass sie eigentlich einen Status innehat, den so keine*r in Deutschland besitzen darf. Sie hat für viele Künstler*innen große Songs geschrieben – einer davon wäre mal fast für Deutschland zum Eurovision gefahren -, sie singt übers Jahr verteilt in mal kleineren, mal größeren Locations, genießt Anerkennung, aber keinen unliebsamen Promistatus. Perfekter geht’s wohl kaum. Und musikalisch betrachtet macht wohl ebenfalls niemand der Dame etwas vor.

Dank einer sympathischen Bodenständigkeit, dem richtigen Händchen für Komposition sowie Text und einem überragend guten Pianisten, der stets zwischen emotional aufgeladenen Soli und reduzierter Begleitung zum Gesang wechselt, ergibt sich ein Paket, bei dem man wirklich lange in der deutschen Szene suchen muss, um etwas Ebenbürtiges zu finden. Mit Sicherheit ist dafür nicht jede*r empfänglich oder nicht in der richtigen Stimmung – lässt man sich jedoch drauf ein, landet man sehr beseelt und mit feuchten Augen gedanklich auf einer Couch mit Kuscheldecke bei Kaminfeuer, warmem Tee im Becher, Honig im Ohr und Entspannung im Körper.

Dabei wechselt die Sängerin zwischen Jazz-Pop, leichten Swing-Sounds, schwermütigen Balladen, kabarettistischen Nummern und scharfsinnigen Alltagsbeobachtungen. Bei einer Retrospektive aus über drei Jahrzehnten Songs ist selbstredend nicht mehr jeder Titel textlich am Puls der Zeit und eher nostalgischer Natur, gleichzeitig sind aber andere Lieder zeitlos und dermaßen erschreckend präzise, dass es unmöglich ist, sich ihnen zu entziehen.

Da wären das bereits zu Anfang zitierte, verträumte „Freibeuter-Sehnsucht“, das in seiner Metaphorik kompakte Bilder präsentiert, die in Kombination mit der fliegenden Melodielinie unweigerliches Fernweh und den Wunsch, mehr aus seinem Leben zu machen, hervorrufen. „Ihre Lichter“ thematisiert das undankbare Gefühl, wieder einmal von der Liebe enttäuscht worden zu sein und wenig Hoffnung zu sehen, die aber bekanntlich niemals sterben darf. „Herbstzeitlos“ ist mit seinem leichten Groove genau die Lockerheit gelungen, die es für das Thema „Älter werden“ braucht. In „Sonnenmacherin“ dankt Pe den Menschen, die es braucht, um aus einem grauen Tag einen leuchtenden zu machen.

Aber auch gesanglich erreicht sie sowohl allein als auch mit ihren zwei Background-Männern Gänsehautmomente. „Das Lebkuchenherz“ ist ein dreistimmiges A-cappella-Stück, „Deine Stimme“ voller griffiger Harmonien, „Nehm’n Sie ’n Alten“ ein komödiantischen Schlager aus den 1920ern, bei dem Pe sogar vor Koloraturgesang keinen Halt macht und bei den drei hintereinander zu hörenden Tristesse-Stücken „Vater Morgana“, „Trostpflastersteine“ und „Schnee von gestern“ sollten selbst die letzten Skeptiker*innen schwer schlucken müssen. Das Erste beschreibt den Nachhall von dem Tod des eigenen Vaters, das Zweite die Notwendigkeit in depressiven Verstimmungen unterstützt zu werden und das Dritte den immer wieder aufkommenden Kryptoniten. Die Person, die man eigentlich schon längst abgeschrieben hat, aber durch kleine Erinnerungsfitzelchen nie komplett an Präsenz verliert. Unverschämt großes Emotionskino.

Pe Werner erzählt, witzelt, moderiert und singt ohne nur einen falschen Ton durch das abwechslungsreiche Programm. Wie gut ein Konzert nur mit Pianobegleitung ist, wird immer dann erkennbar, wenn man irgendwann aufhört zu merken, dass eigentlich nur ein Klavier spielt und sich jeder Song nach einer ganz eigenen Dynamik und Stimmung anfühlt. Der frenetische Applaus nach jeder Nummer beweist es. Und um mit den Worten des wohl textlich schönsten Pe Werner Stücks „Segler aus Papier“, das das Opening zur zweiten Hälfte nach der Pause darstellt, abzuschließen: „Wenn ich mir von dir was wünschen kann, dann etwas, das man nicht bezahlen kann.“ Und dazu gehören solche Konzertabende, für die man zwar ein Ticket kaufen muss, aber weitaus mehr bekommt, als auf der Karte in Zahlen steht.

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher Filipecki.

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