Sam Ryder, Bürgerhaus Stollwerck Köln, 12.10.2022

Die Möglichkeiten, wie man am einfachsten berühmt wird, ändern sich alle paar Jahre. Gab es in den 2000ern und zum Teil auch noch in den 10ern unzählbare Castingshow-Formate, um innerhalb kurzer Zeit an die Chartspitze zu gelangen, sind es nun Social-Media-Portale. Nun ja, zum Teil zumindest. Nur, weil man viele Follis hat, heißt das selbstredend noch nicht, dass man auch in der Musik genügend Menschen zu begeistern weiß. Sam Ryder hat da aber den Dreh ziemlich gut raus.

Der 33-jährige Brite, der in Essex geboren wurde, hat zwar im vergangenen Jahrzehnt schon als Sänger von Metal- und Hardcorebands Bühnenerfahrung sammeln können, aber so richtig von Erfolg kann man da nicht sprechen. Mehr von Respekt in der Zielgruppe. Doch Pandemien machen erfinderisch, wie es so schön heißt. Während die einen bei Netflix vor sich hinvegetieren, macht Sam Musik. Er nimmt zig Coverversionen großer Hits auf und ballert damit TikTok voll – und überzeugt mehr als 10 Millionen Menschen, ihm zu folgen.

Das spricht sich rum. Der Typ hat Talent. Ob man mit einem richtig guten Sänger wohl auch was beim Eurovision Song Contest 2022 reißen kann? Die Strippenzieher*innen von BBC wählen Sam Ryder intern aus – und landen einen Volltreffer. Lange galt die stärkste Musiknation Europas, womöglich sogar der Welt, bei der Megashow als abgeschrieben. Zuletzt gewinnen konnte man 1997, 2009 sah man das letzte Mal die Top 10, mehrfach dafür den letzten Platz. Doch Mitte Mai weiß man: Mit den richtigen Komponenten kann man den Fluch lösen. Sam Ryder gilt schon im Vorfeld als Topfavorit und belegt Platz 2 – hinter der Ukraine, die aus nachvollziehbaren und absolut richtigen Solidaritätsgründen schon gewonnen hatte, bevor sie beim ESC 2022 antrat.

Sieger der Herzen ist der Typ mit den langen blonden Haaren und dem Ginger-Bart trotzdem. Rund ein halbes Jahr später steht sein Solodebütalbum auf der Agenda, das Mitte November kommen wird. Schon einen Monat zuvor startet seine erste große Europatour, die ihn in 15 europäische Metropolen führt, bevor im kommenden Frühjahr dann UK und Irland fällig sind. Der Tourstart überrascht dennoch ein wenig: Köln. Die Domstadt darf als erstes in den Genuss kommen, sodass niemand eine Ahnung hat, was geschieht. Weder die Leute auf noch vor der Bühne.

Doch um Sam Ryder zu sehen, muss man am 12.10., einem Mittwoch, einige Strapazen auf sich nehmen. Zwar ist das Bürgerhaus Stollwerck mit seinen nicht ganz 600 Gästen überschaubar, gemütlich und auch so gut gebaut, dass man eigentlich überall ganz gut gucken kann, jedoch hat man ungewöhnlich lang zu warten. Erst um 20:30 Uhr werden die Türen zum Einlass geöffnet. Sam selbst startet 90 Minuten später. Eine kleine, aber feine und wirklich unerwartete Aktion gibt es dafür aber schon vorab: Einige Minuten vor Einlass kommt der gut gelaunte Sänger mit einem Crewmitglied vor die Tür und läuft einmal die gesamte Warteschlange ab, um Fans zu begrüßen und mit einigen sogar Fotos zu machen. Witzig, nahbar und sympathisch.

Auch sympathisch, aber leider musikalisch nicht so ansprechend, zeigt sich der Supportact. Den gibt es in Corona-Zeiten nicht mehr standardmäßig, hier ist er aber recht voraussehbar, da Sam Ryder noch nicht genug Material hat, um eine komplette Show von zwei Stunden Länge zu tragen. Um dem Publikum aber trotzdem genug auf die Ohren zu bieten, spielt Kings Elliott eine gute halbe Stunde. Die junge Künstlerin mit den blauen Haaren hat ein richtiges Ass im Ärmel: Kurz vor Ende ihres Auftritts outet sie sich als deutschsprachig. Zuvor hält sie ihre Ansprachen auf Englisch auf Native-Speaker-Level, droppt dann aber als Überraschung, dass sie Halb-Schweizerin wäre. Das löst Begeisterungsstürme auf. Ihre Musik hingegen ist sehr, sehr, sehr, sehr ruhig und erinnert an die aktuellen Alben von Billie Eilish oder Lorde. Ist mit Sicherheit nicht das Schlechteste, nur mittlerweile einfach viel zu oft gehört und deswegen unglaublich unkreativ. Eine emotionale Vortragsweise rettet die Songs, die oft einen sehr geringen Tonumfang präsentieren, nur bedingt.

Dann ist auch „schon“ 22 Uhr. Viele schauen ungeduldig auf ihre Handys, muss man für gewöhnlich doch am nächsten Tag ein wenig eher aufstehen. Endlich taucht der über beide Ohren strahlende Typ im auffallend knalligen Overall neben seinem Gitarristen auf der Bühne auf und holt in wenigen Sekunden seine Crowd ab. Obwohl Sam Ryders richtige Karriere wahrscheinlich gerade erst beginnt, merkt man, dass der Engländer als Straßenmusiker Leute zu begeistern weiß und eben auch mit Bands schon richtig harte Rockkonzerte geben durfte. Sam wirkt zwar wahnsinnig aufgeregt und auch ein bisschen unsicher, aber gleichzeitig souverän, freudig erregt und zeigt, dass er sich sehr wohl fühlt.

Mit einer Länge von 62 Minuten ist das ausverkaufte Konzert dennoch natürlich etwas überschaubar. Selbstverständlich gibt es die aktuelle Single „Somebody“, die auf „There’s Nothing But Space, Man!“ (VÖ: 18.11.) Lust machen soll, und zum großen Finale „Space Man“. Dazwischen gibt es Songs von seiner bereits 2021 erschienen ersten EP, ein paar Vorschauen auf das anstehende Album und Coverversionen. Bei einem Song, bei dem er nicht der Originalinterpret ist, lässt er das Eurovision-Fever erneut aufleuchten. „Waterloo“ von ABBA kennt natürlich jede*r und darf deswegen größtenteils auch vom Publikum gesungen werden. Ähnliches passiert bei seinem Zugaben-Medley, das unter anderem „I Want To Break Free“ von Queen und „The Way You Make Me Feel“ von Michael Jackson bereithält.

Sam Ryder hat zwei Waffen. Eine scharfe, eine tödliche. Die scharfe ist seine Publikumsinteraktion. Fast durchweg geht er mit seinen Zuschauer*innen in Kontakt, hält kurze Schnacks, fragt nach Namen, winkt den Leuten im Rang zu, bedankt sich für den Support, reagiert auf spontane Zurufe und lacht herzlich und unglaublich viel. Das wirkt zwar hin und wieder etwas unkoordiniert, aber damit auch sehr authentisch und spontan. Da werden auch mal Lieder kurzzeitig unterbrochen, weil man ein Haar im Hals kratzen hat oder sich einfach so kaputtlachen muss. Die tödliche Waffe ist die riesige Range und Präzision seiner Stimme. Und hey, da braucht man nicht lange zu diskutieren: Sam singt in einer Kategorie mit den Allergrößten.

Er zeigt bei jedem Titel, was er kann. Und das ist viel. Musikalisch bleibt es überwiegend akustisch, ist immerhin nur ein einzelner Gitarrist neben ihm. Ein paar Sounds kommen vom Instrumental, er selbst steht nur am Mikro. Sauhohe Kopfstimmparts wechseln sich in wenigen Sekunden mit wuchtigem Rockbelt ab. Das kann in der aktuellen Pop-Riege vielleicht noch ein Adam Lambert, dann hört es aber auch schnell auf. Anhand seiner Gestik, Mimik und Körperhaltung wird deutlich, wie technisch er vorgeht und dass der Einsatz wirklich über Jahre antrainiert ist. Dadurch geht kaum ein Ton daneben, sehr viele sogar on point und mit so einer Inbrunst, dass man es nur schwer nachmachen könnte.

Negativ: Beide Waffen werden etwas zu oft eingesetzt. Statt entspannt zu moderieren und dann wieder zu singen, macht er mehrere Mitsingspiele, die auch gerne mal Werbung für sein Album beinhalten. Das ist einmal, zweimal lustig, nervt ab dem dritten Mal aber ganz schön, wenn seiner Meinung nach der Zuruf, wann denn nochmal seine Platte rauskäme, nicht laut genug ist. Ist zwar immer witzig transportiert, aber dennoch etwas zu viel. Genauso muss nicht bei jedem einzelnen Song der Fokus auf Gesangstechnik mit Weltklasseniveau liegen. Man darf auch einfach mal Töne fühlen. Das Gefühl ist zwar da, kommt aber manchmal zu kurz. Wie es geht, zeigt die Performance einer seiner Balladen, „Put A Light On Me“, die er als Prelistening präsentiert.

Ansonsten ist die Stunde aber kurzweilig, unterhaltsam, süß und ziemlich funny. Sam Ryder ist ein sehr bodenständiger Typ, der schnell Leute für sich begeistern kann. Nicht zuletzt, wenn er für einen Titel in die Menge kommt. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass man ihn nicht zu doll in Richtung Radio-Pop formt, sondern ihm auch seine Rockwurzeln lässt. Mehr dazu dann in ein paar Wochen.

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Foto von Christopher.

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