All Them Witches – Nothing As The Ideal

All Them Witches - Nothing As The Ideal

Nach einer langen Reise haben All Them Witches mit ihrem sechsten Studioalbum endgültig zu sich selbst gefunden. Sie reduzieren ihren Sound an vielen Stellen auf das Nötigste und setzen auf Verschmelzungen anstatt Aneinanderreihungen. Heraus kommt eine wildromantische Landschaft besinnlicher Klangwelten, die zahlreiche Elemente in sich aufnimmt. Aufgenommen in den legendären Abbey Road Studios kommt “Nothing As The Ideal” bei einer Laufzeit von gut 40 Minuten auf acht Songs. Immer wieder schafft es die Band im Laufe des Albums verschiedenste Querverweise in die Rock- und Metal-Historie der späten 60er bis in die Gegenwart einzubauen, geleitet werden sie dabei von ihrer Hingabe zur Kunst. Unklar bleibt letztendlich, ob sie durch die Rockgeschichte der letzten 50 Jahre wandern und ihren Blick in die Gegenwart richten, oder vergangene musikalische Strömungen aus heutiger Sicht aufarbeiten und dabei mit einem Bein stehts in der Vergangenheit stehen.

Die Rückbesinnung auf das Wesentliche

Wo auf ihren vorangegangenen Werken noch Blues, Stoner Rock, Retroromantik, Black Sabbath und Led Zeppelin kollidierten, verschmelzen diese Komponenten auf “Nothing As The Ideal” zu einem fesselnden Hybriden. Bislang hat ihre Musik zahllose Elemente aufgegriffen und mal mehr, mal weniger nahtlos miteinander verbunden. Das aktuelle Werk der US-Amerikaner handelt nach einer anderen Herangehensweise. Anstatt aneinander zu reihen wird direkt verschmolzen. Im Kern lässt sich das Ergebnis als Bluesrock beschreiben, der immer wieder die Essenz anderer Genres in sich aufnimmt, ohne dabei vom eigentlichen Kurs abzuweichen. Geprägt ist die Platte dabei von nahezu minimalistischen Arrangements. All Them Witches beweisen hier Mut zur Lücke und triumphieren dadurch.

“Saturine & Iron Jaw” eröffnet das Album mit besinnlichen Gitarren und erhebt sich wie ein gerade erwachter Gigant. Bewusst wurde sich für dieses Stück entschieden, um einen leicht zugänglichen Einstieg in das Album zu schaffen. Auf den Song folgen sieben weitere klangliche Abenteuer, die teils psychedelische, teils Metal-orientierte Richtungen einschlagen, aber steht beim Bluesrock starten und zu ihm zurückkehren.

In “Everest” verbeugen das Trio sich mit großen Melodien vor den Metallica der 1980er Jahre. “Nothing changes Nothing” stellen All Them Witches nüchtern in “Enemy Of My Enemy” fest und kleiden ihre Botschaft in eleganten Bluserock. Verschnitten wird dieser Bluesrock mit einer schweren Alternative-Schlagseite und leicht progressiven Einflüssen. Bevor das Album mit “Rats In Ruin” beschlossen wird, nimmt das okkulte Kollektiv mit “Lights Out” Bezug auf sein Frühwerk. Wahrliches Highlight der Platte ist die vorab veröffentlichte und zudem mitreißende Single “The Children Of Coyote Women”. Der Song macht deutlich, dass wenig Mittel genügen, um für intensive Gänsehaut zu sorgen.

Über das Innehalten und Träumen

Seit dem Release ihres Debüts “Our Mother Electricity” im Jahre 2012 hat sich einiges im Sound der Musiker aus Nashville, Tennessee verändert, gewisse Aspekte hat die Band jedoch beibehalten. Immer noch genießt ihre Musik eine nostalgische Old-School-Produktion, diese fällt auf “Nothing As The Ideal” deutlich wärmer aus als auf ihren frühen Veröffentlichungen. Endlos wirkende Jam-Passagen sind hingegen gänzlich aus ihrer Musik verschwunden.

Charles Michael Parks, Jr.s stimmliche Performance, welche bereits auf “Sleeping Trough The War” von 2017 und auf dem 2018 erschienenen Album “ATW” beeindruckte, kommt nun noch ausgereifter daher. Sie verleiht den Songs intensive Tiefen. Da Keyboarder Jonathan Draper die Band 2018 verlassen hat, sind auf ihrer jüngsten Veröffentlichung “Nothing As The Ideal” keine der sonst so präsenten Keyboards zu hören. Das fällt jedoch nicht ins Gewicht. Das Album schafft es überraschenderweise auch ohne Tasteninstrumente eine facettenreiche Atmosphäre aufzubauen.

“Nothing As The Ideal” nimmt die ZuhörerInnen an der Hand und führt sie durch weitläufige Klanglandschaften: Ein komfortables Hörerlebnis. Die Zeit der Isolation hat sich in gewissem Maße auch als Zeit der Besinnung herausgestellt. Besinnung zu sich selbst und auf das Wesentliche. Genau diese Rückbesinnung geschieht hier. Gleichzeitig lädt das Album zum Träumen ein, was sich in diesen merkwürdigen Zeiten ebenfalls als von großer Wichtigkeit herausgestellt hat. Der sonst so präsente Okkultismus wandert in den Hintergrund. In den Vordergrund gerückt hat sich stattdessen eine nach Innen gerichtete Nachdenklichkeit, so reif hat sich die Band noch nie gegeben. Spätestens jetzt etablieren All Them Witches sich als eine der wichtigsten zeitgenössischen Bluesrock-Gruppen.

Das Album ist hier erhältlich.*

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Die Rechte am Albumcover liegen bei New West/Pias/Rough Trade.

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