Alligatoah – Rotz & Wasser

Seltsame Marketingkampagne, die der Alleinunterhalter, Entertainer, Rapper, Schauspieler, Alleskönner Alligatoah dieses Mal hier präsentiert. Es war keine große Kunst, von Rotz & Wasser so gar nix mitzubekommen. Bewegt man sich bewusst vom Mainstream weg?

Verwunderlich wäre es nicht. Lukas Strobel, so der Herr bürgerlich, hat sich im vergangenen Jahrzehnt in kurzer Zeit an die Spitze des eigenwilligen Deutsch-Raps geschrieben, produziert und gespielt. Eigenwillig insofern, dass es wahre Rap-Fans überhaupt nicht leiden können und straighte Pop-Hörer*innen als zu viel Rap wahrnehmen. Zwar mag Alligatoah besonders auch durch sein Bandprojekt Trailerpark ein eher minderjähriges Publikum ansprechen – aber die checken mit ziemlich großer Sicherheit gar nicht, was der Musiker mit der gut gespielten Rolle und der klar demonstrierten Distanz zur Fanschar eigentlich alles sagen möchte. Dafür ist einiges zu verschachtelt und vieles schlichtweg zu schlau getextet.

Aber irgendwann hat man eben auch alle großen Hallen des Landes x-mal bespielt, dreimal mit seinen Alben die Chartspitze gesehen, Platinplatten an der Wand hängen und womöglich mehr als genug Trubel. Alligatoah scheint dem nun entgegenwirken zu wollen. Zwar droppten nach der letzten LP „Schlaftabletten, Rotwein V“ insgesamt ein ganzes Dutzend an Singles – mal solo, mal mit Feature, mal als Feature – jedoch oft mit wenig bis gar keinem Medienrummel. Einiges verpasste sogar die Single-Top-100. Egal? Es scheint so.

Wahrscheinlich möchte das 32-jährige Talent den Fokus wieder mehr auf Musik als auf seine Person und sein Künstlerimage legen. So wirkt es zumindest bei der gesamten Reise, die nun bis zum Release von Rotz & Wasser passierte. Die fünf letzten Singles – veröffentlicht in den letzten neun Monaten – haben es auf das zwölf Tracks umfassende neue Werk geschafft, das nicht auf CD zu erwerben ist und nur als strenglimitierte LP im eigenen Künstlershop erscheint. Das ist im Vergleich zu wirklich großen Bundles, die es bei den letzten Alben gab, äußerst verblüffend und untypisch Verkaufsstrategie 2022. Bei großen Onlinekaufhäusern mit A gibt’s lediglich den Download. Und auf Streamingportalen eben Streams. OK. Wie gesagt, irgendwas ist anders.

Ganz besonders inhaltlich ist auch irgendwas anders. Rotz & Wasser ist zum Glück weder Schlager noch Techno oder Death-Metal und im Kern weiterhin Alligatoah, aber hat vor allen Dingen einen ganz wichtigen Faktor fast komplett verloren: Leichtigkeit. Damit soll nicht gemeint sein, dass Alligatoah-Songs bisher immer hüpfend über Blumenwiesen stolzierten, aber sie wirkten trotz Sozialkritik, politischem Aspekt oder auch derbem Diss stets eingängig und sowohl zum Zuhören als auch zum Unterhalten konsumierbar. Davon muss sich dieses Mal gehäuft verabschiedet werden.

Denn ja, irgendwas ist eben anders. Alligatoah wirkt ein wenig so, als hätte er selbst nicht so richtig Bock auf die Platte. Als wären Ideen zwar vorhanden, aber nicht komplett zu Ende gedacht. Als wenn er etwas wagen möchte, aber eben auch nicht so richtig. Einfach ein wenig müde von dem eigenen Werk und der eigenen Künstlerfigur. Zwar haben die 43 Minuten immer noch ein paar richtig gute Lines und sogar vereinzelt auch genauso gute Songs in petto, aber der Großteil wirkt gewollt, gezwungen und energielos.

Textlich bewegt sich das Wortspielgenie auf Terrain, was man ansonsten eher den Radio-Marionetten zuordnet: Gleich mehrfach drehen sich Texte um Liebesbeziehungen. Aber nicht im humorigen Alltagssituationen-Sinne wie ein „Amnesie“, sondern wirklich cheesy und nur geringfügig lustig. Sowohl „Dunstkreis“ als auch „Hart Vermissen“ fühlen sich ein Stück weit unangenehm an. „Mit dir schlafen“ mit Esther Graf kann rhythmisch noch so grooven und noch so eine dicke Ohrwurmmelodie mitbringen, das ist trotzdem um Längen inhaltsloser als das, was man erwartet, wenn man Alligatoah mag. Wer braucht schon „ganz nett“?

Traurig: Auch die klar erkennbaren Konzepte und roten Fäden, die die Alben des Rappers ausmachen, sind dieses Mal gestrichen. Keine Dreiteiler, keine melodischen Themen, die man später wieder aufgreift. Gerappt wird genauso viel wie gesungen. Totalausfälle wie das nervige „Fuck Rock n Roll“ färben den Gesamteindruck ebenso dunkler. Natürlich sind Aussagen in „Nebenjob“ wichtig und nicht schon in mehrfachen Songs des Herrn vorgekommen – allerdings fehlt es auch hier oft an Schmunzlern und nahezu immer an richtig guten Lachern. Weniges fordert dazu auf, dass beim nächsten Durchlauf genauer zugehört werden muss.

Ein paar richtige Bretter schleichen sich trotzdem hier und da dazwischen. „Stay in Touch“ ist wunderbar melodiös, im leichten Latin-Beat verpackt und spannend anzuhören. „Nicht adoptiert“ hat zwar mindestens drei Refrains zu viel, hätte aber auch auf frühere Alben wie „Triebwerke“ voll gepunktet. Das bleibt im Kopf und bringt mit irrwitzigen Beobachtungen über Kinder, die man nicht haben möchte oder auch einfach nicht beschäftigen kann, ein Stück nachvollziehbares Leben auf die Platte. Ähnliches gilt für das ein wenig an „Lass liegen“ erinnernde „Nachbeben“. Mit „Ich hänge“ befindet sich on top ein absoluter Banger auf Rotz & Wasser, der gekonnt den Wortschatz aus IT-Fachidiotie mit Flirtfehlversuchen koppelt.

Zwölf verkopfte, schwerfällige Songs, die für einen Durchschnittsmusiker völlig klargehen würden, aber für ein Kaliber, wie Alligatoah es ist, zu wenig mitreißen. Das Album startet plötzlich, endet irgendwo und lässt einen ein wenig unbefriedigt zurück. Der Paket fehlt. Auch wenn das Cover es verspricht.

Und so hört sich das an:

Website / Facebook / Instagram / Twitter

Die Rechte fürs Cover liegen bei TRAILERPARK.

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16 Kommentare zu „Alligatoah – Rotz & Wasser“

    1. Hallo Celine!

      Danke für deinen Kommentar. Kritiken sind immer und von jede*r subjektiv. Mal etwas eindeutiger, mal etwas subtiler.
      Unser Blog steht aber ganz bewusst und auch sichtbar für subjektive Texte.

      Beste Grüße
      Christopher

  1. Also alleine schon „Lass liegen“ wo es um Umweltverschmutzung geht und „Nachbeben“ wo es klar um seine inneren Dämonen geht zu vergleichen, zeugt von absolut keiner Ahnung.

  2. Übrigens heißt das Album deswegen auch so. Eben „hingerotzt“, wie Rotz & Wasser. Hat er zumindest so geäußert. 🙂 Ich finde aber, dass er sich selbst zu schlecht gemacht hat. Gesellschaftskritik und Bezug auf Politik finden sich meiner Meinung nach auch wieder. Und ich denke schon, dass jedes Lied eine gewisse Botschaft und auch starke, teilweise doppeldeutige Aussagekraft besitzt, die man schon mit vorherigen Alben vergleichen kann. Diesmal muss man nur besser zuhören. (Absolut nur meine Meinung) Lachen konnten wir auch genüge! Ein Spiel aus Ernsthaftigkeit, Satire, Witz und Frust. Ganz typisch Alligatoah eben. Dass das Gesamtkonzept jedoch etwas anders ist stimmt natürlich. Trotzdem eine (für mich) etwas zu kritische und teilweise unpassende Ansichtsweise. Nicht böse gemeint
    Liebe Grüße! 🙂

    1. Danke für deine Rückmeldung!
      So wie deine Meinung ist das hier oben eben meine 😉
      Und ja, ich mag Alligatoah schon sehr lang. Aber hier hat er mich leider echt verloren.

      Beste Grüße
      Christopher

  3. Zuerst zu sagen „Fuck Rock n Roll“ wäre ein Totalausfall und diesen dann als Hörprobe zu verlinken, finde ich leider echt eine schwache Aktion. Wenn schon so ein subjektiver Artikel geschrieben wird, warum wird dann nicht versucht andere Menschen von Musik zu begeistern?
    Das Lied „Ich hänge“ hat auch meiner Meinung nach nichts mit „IT-Fachidiotie“ oder dem dazugehörigen „Wortschatz“ zu tun, nur weil es um eine Person geht, die sich vor Wissen aufhängt wie ein Computer. Also wurde für mich entweder das Lied nicht wirklich gehört oder es ist ein misslungener Lobversuch.
    Die Rezension macht insgesamt den Eindruck, dass sich das Album einmal kurz angehört wurde und sich nicht wirklich mit der Musik beschäftigt wurde. So z. B. wurde überhaupt nicht auf lyrische Aspekte eingangen, für die Alligatoah eigentlich bekannt ist.

    1. Hi,
      ich habe „Fuck Rock n Roll“ verlinkt, weil wir regulär immer das neuste Video der Künstler*innen wählen – und dieses eben kurz zuvor erschien. Ist also einfach das Konzept unserer Seite und kein Bashing.
      Wie du selbst sagst, ist der lyrische Aspekt wichtig.
      Das betone ich ja auch mehrfach im Text und lobe Alligatoah für frühere Werke.
      Da aber einiges ja auch immer mehrdeutig ist, ist deine Interpretation von „Ich hänge“ wohl genauso richtig/falsch wie meine 🙂
      Ich habe das Album mehrfach gehört, bevor ich die Review geschrieben habe.
      Ich wollte es mögen, weil ich Alligatoah – wie im Text erwähnt – schon sehr lange mag.
      Aber ich mag es eben nicht. That’s life.

      Beste Grüße
      Christopher

  4. Leider eine echt merkwürdige Rezension mit vielen Sätzen und Behauptungen, die mir sauer aufgestoßen sind. (Beispielsweise bei der Aussage, dass alle Minderjährigen die Aussagen hier den Songs gar nicht verstehen… War hier ein 37jähriger am Werk, der versucht so zu tun als würde er die Jugend kennen? Auch wenn ich selbst nicht mehr in das Muster falle, aber mit Alligatoah aufgewachsen bin, 90% seiner „nichts checkenden, minderjährigen Hörer“ verstehen sehr wohl den Sinn dahinter. Nicht alles unter 25 ist auf den Kopf gefallen, lieber Herr Filipecki. Leider eine sehr manipulierende, flache und voreingenommene Rezension. Wie schon jemand sagte – Den Song als fettes Negativbeispiel darzustellen und dann AUSGERECHNET diesen zu verlinken, ist echt eine Nullnummer. Traurig.

    1. Hi,

      wenn du die anderen Kommentare gelesen hast, hast du ja bestimmt auch gelesen, dass das hier eine Meinung ist 🙂
      Meinungen respektiert man. Tue ich nun mit deiner auch.

      Viele Grüße
      Christopher

  5. Diese Rezension hat mich schon verloren, bevor es ums Album geht. Da wird vorneweg pauschalisiert: “Nur Minderjährige hören Trailerpark und die sind zu blöd um Alligatoah zu verstehen”. Jap genau, pünktlich zum 18. Geburtstag gewinnen alle 30 IQ Punkte. 😉
    Da muss ich mit Anfang 30 klar wieder sprechen, auch weil ich im Sommer zum Trailerpark Abschiedskonzert gehe. 😉

    Der erste Eindruck zieht sich beim Lesen der Rezension weiter durch. Der Autor scheint eine sehr eindimensionale Sichtweise zu haben und wenn dem nicht so ist, dann ist es ihm nicht gelungen dies zu transportieren. Dieses Alligatoah Album ist ähnlich wie Triebwerke ein Themenalbum, der Titel “Rotz und Wasser” gibt das Thema sehr klar vor, daher finde ich es ziemlich kurios, dass der Autor sich “lustigere Situationen” erhofft.

    1. Hi,

      ich bin selber Anfang 30 und mag Alligatoah.
      Da hast du anscheinend etwas missverstanden beim Lesen.
      Eindimensional wäre, wenn ich sage „Alligatoah macht nur schlechte Musik und das Album ist von vorne bis hinten schlecht.“
      Beides steht da nicht.

      Viele Grüße
      Christopher

  6. Es tut mir leid, und das tut es wirklich, aber ich muss dir, Christopher, leider zustimmen.
    Leider ist „Rotz und Wasser“ ein deutlich schwächeres Album als die letzten. Es fehlt die Tiefe, die mit scheinbarer Leichtigkeit und eindrucksvollen, starken Lines untermauert wird. Versteht mich nicht falsch, es ist kein schlechtes Album, da handwerklich vieles richtig gemacht wurde. Mir fehlt aber der eingängige Sound. Die Texte sind zwar gut geschrieben, aber eben nicht überragend, wie er es schon oft und besser gezeigt hat. „Ich hänge“ stellt sich für mich als der beste Song dar, den ich auch gerne öfter höre.

    Beste Grüße

  7. Irgendwie scheint es Kanon unter den Musikkritikern zu sein, dieses Album durchschnittlich bis schlecht zu besprechen. Unabhängig davon wie der Künstler selbst sich zum Werk geäußert hat (sind eh selten ernsthafte Aussagen, sondern meißt sarkastische Auslassung en aus dem Mund seiner ‚Kunstfigur“), ist es das Album von ihm, welches mich sogar mit am meißten anspricht. Alligatoah war für mich nie deeper, progressiver Underground – am meißten glänzt er für mich musikalisch, wenn ganz bewusst das kommerzielle Parkett betreten wird. Catchy Ohrwürmer gibt es hier wie auf keiner anderen Scheibe, wie ich finde. Textlich ist es, zugegebener Weise, manchmal an der Grenze – hier ist der Opener Feinstaub für mich der Totalausfall des Albums. Aber je länger das Album läuft, desto mehr steigert es sich (normalerweise ja eher umgekehrt) – ab Fuck Rock N Roll, welches zumindest musikalisch glänzen kann, reiht sich wie ich finde eine Granate an die andere (Höhepunkte: Ich hänge, Nachbeben, Verloren). Für mich war in der Tat die Rotwein V der Tiefpunkt der Diskografie. Aber Meinungen und Geschmäcker sind halt verschieden. Ist ja auch kein Weltuntergang, wa ;)?

    1. Hey hey,

      Ich hatte – nachdem ich meinen Text geschrieben habe – auch ein paar Kritiken auf anderen Seiten gesehen und war überrascht, dass der Eindruck häufig mit meinem sehr ähnlich war.
      Abgesprochen war davon logischerweise nix 😉
      Und letztendlich ist es ja totale Geschmackssache, worauf man bei Alligatoah genau steht.
      Die Bandbreite ist recht groß. Nur von den Dingen, die ich an ihm halt echt cool finde, ist mir hier zu wenig.
      Aber bei „Nachbeben“ und „Ich hänge“ geh ich ganz klar mit dir mit.

      VG Christopher

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