Beyoncé – Cowboy Carter

beyoncé cover zu cowboy carter

Es gibt wirklich keinerlei Zweifel mehr: Beyoncé veröffentlicht keine Sammlungen an neuen Songs, Beyoncé veröffentlicht Konzepte. Sie beschäftigt sich einen Zeitraum mit einem bestimmten Thema oder einem bestimmten Genre, erarbeitet dann mit ihrem riesigen Team – pro Song zwei ganze Hände voll ist keine Seltenheit – eine Interpretation und bringt das als Album auf dem Markt.

Damit begann sie vor über zehn Jahren, als ihr selftitled Werk „Beyoncé“ (2013) ohne Vorankündigung droppte und viele dunkle Farben und schaurige Aspekte der Black Music vereinte. Intensiver wurde es auf „Lemonade“ (2016), als nicht weniger als der komplette Verlauf einer betrogenen Frau und ihrer Versöhnung mit ihrem Mann und sich selbst durchlebt wurde. 2022 ging jedoch ein neues Kapitel auf. „Renaissance“ (2022) ist der erste Teil eines Dreiakters und beschäftigt sich mit der Wiederauferstehung der längst vergangenen Disco-Ära. Mit einem Abstand von gerade einmal anderthalb Jahren – so kurz musste man in der gesamten Beyoncé-Discographie noch nie warten – folgt Teil 2, der sogenannte „Act II“, der sich Cowboy Carter schimpft.

Und hey, man muss wirklich kein schlauer Scheriff im Wilden Westen sein, um zu erahnen, welche Idee bei solch einem Albumtitel wohl im Fokus steht. Beyoncé ist 2024 der wahrgewordene amerikanische Traum und gleichzeitig die, die mit ausgestrecktem Finger laut „Du“ ruft und hinterfragt. Denn wer hat eigentlich schon wieder beschlossen, dass Country ein Genre für Weiße ist? Nichts in der Kunst gehört irgendjemandem, so wie man eben auch in einem Land stets nur Besucher*in ist. Deswegen schnappt sich der 42-jährige Übermensch mit dem Namen Beyoncé die Geschichte des Americana, haucht Altem neuen Atem ein, würzt das Ganze mit ihren Signature-Klängen und serviert ein 27-Gang-Menü mit 78 Minuten Spiellänge. Howdy!

Deutschland ist bekanntlich jetzt nicht so Country-affin. Ja, Ü60er lieben Johnny Cash, im Formatradio summt man Shania Twain, LeAnn Rimes und Lady A mit und ganz heimlich fühlt man sich so nach Chopper auf dem Highway, wenn „Take it easy, altes Haus“ von Truck Stop läuft. Aber es überrascht jetzt wohl kaum, wenn an dieser Stelle verraten wird, dass Cowboy Carter nach nichts davon klingt. Thx, Jesus. Stattdessen haut Frau Knowles-Carter auf der einen Seite erstmalig seit 2011 wieder Songs raus, die auch Nicht-Fans begeistern können, auf der anderen Seite wird’s aber auch ganz schön weird und irgendwie dümpelnd.

Ganz wichtig: Dass Beyoncé nun schon so lange Zeit komplett davon weg ist, gefällig zu komponieren, ist großartig. Klar, man mag immer sagen: „Vergiss nicht, wo du herkommst, also bleib auch ein Stück weit dabei“ – fair. Gleichzeitig könnte Beyoncé aber auch schon seit tausend Jahren gar keine neuen Songs mehr machen, weil sie es sowieso nicht nötig hat. Dann doch lieber sich selbst als Künstlerin definieren und eben Kunstwerke erschaffen, die am Ende nicht jedem, aber immer jemandem gefallen. Und so verhält es sich dann auch bei Cowboy Carter, das womöglich einige zurückholt, die bei „Renaissance“ ganz ausgestiegen sind, aber gleichzeitig auch sehr viele verliert, die bei „Renaissance“ die innere Dancing Queen nach außen kehrten.

Cowboy Carter hat ein paar Parallelen zu seinem Vorgänger. Gut so, sonst wäre der Gedanke einer Trilogie auch arg konstruiert und unschlüssig. Erneut beschäftigt sich Beyoncé mit einem nicht ganz mainstreamigen Genre und geistert wild durch das vergangene Jahrhundert an Musik. Auf beiden Alben bekommt man schlussfolgernd einige ihrer Wiederentdeckungen als Samples, diesmal sogar als Cover zu hören. Auch das teilweise Weglassen von Hooks und klar erkennbaren Refrains ist geblieben, sodass 2024 wieder arg viel Aufmerksamkeit gefordert wird. Gib alles beim Zuhören oder stirb!

Schade ist jedoch, dass man trotz großem Willen mit einigen Fragezeichen zurückbleibt. 27 Songs, da geht das Lasso um den Hals schon automatisch etwas eng zu und die Luft wird dünner. Doch oftmals sehr unnötig verbergen sich darunter sechs Interludes, die unter einer Minute bleiben und zwar Country-Insider-Stars wie Willie Nelson, aber auch lebenden Legenden wie Dolly Parton eine Stimme geben, aber der Nährwert fortbleibt. Genauso verhält es sich bei den zwei Covern „Blackbiird“ – nein, das doppelte I ist Absicht, sind nämlich alle Is in den Titeln doppelt geschreiben, um Act II zu visualisieren, gleich verhält es sich mit der Zahl 2 – von The Beatles und der zumindest lyrisch aggressiveren, feministischeren „Jolene“-Version, die der Verführerin klar die rote Karte zeigt. Noch cooler wäre es gewesen, wenn Beyoncé stattdessen aus der Sicht des Mannes gesungen und gezeigt hätte, dass er sich erst gar nicht verführen lässt, but well…

Wer Queen B für ihre Gesangsskills liebt, hat nach einem Album mit wenig Gesang nun wieder stärkere Momente zu entdecken, in denen zwar nicht voll aufgefahren wird – dafür ist die musikalische Begleitung auch zu oft reduziert, sodass starkes Belting nur drüber wirken würde – aber eben einige sehr berührende Stellen voll in die Feeling schießen. Allen voran schreitet die stärkste Nummer der Platte, „Daughter“, die wie eine Art Lagerfeuer-Fortsetzung zu dem schlichtweg perfekten „Daddy Lessons“ aus 2016 gesehen werden kann. Auch hier schaut Beyoncé zu ihrem Vater hoch und vergleicht bei Streichern und rauem Akustikgitarren-Gezupfe ihr Verhalten mit seinem. Sehr gelungen. Genauso schön ist das längst überfällige Duett mit einer der wohl bekanntesten Country-Töchtern der Welt, Miley Cyrus. „II Most Wanted“ zeigt die hohe Qualität, die in jenem Genre stecken, das in Deutschland einfach ganz oft etwas fremd klingt oder aufgrund der Landschaft auch lächerlich wirkt, wenn man’s hier zelebriert. Aber so fühlt man sich wunderbar abgeholt und betreut.

„Texas Hold ´Em“ ist nicht zufällig als erste Single erschienen, ist es mit großem Abstand – so wie schon „Break My Soul“ – der Track, der sich am leichtesten Mitsingen lässt und mainstreamig funktioniert. Doch du kannst schlecht Team „Texas Hold ´Em“ und Team „Break My Soul“ gleichermaßen sein, also sei vorgewarnt! Sommer-Vibes versprüht „Bodyguard“, das ansonsten als einzige deutlich erkennbare Einzelnummer funktioniert und frischen Präriewind durch die langen Haare weht. Sehr leicht, sehr frisch, wenig aufdringlich. Dazwischen zieht die Sängerin einmal die Black-Bitch-Card und ballert bei „Spaghettii“ im wahrsten Sinne um sich. Pistolenschüsse, geladen-empowernder Trapbeat wie auf „Beyoncé“ und „Lemonade“. Ordentlich. „Ya Ya“ ist die beschwingte, mit Claps versehene Western-Variante eines „Single Ladies“.

Doch dazwischen sucht man in gospelartigen Hymnen („Amen“), sich sehr, sehr oft wiederholenden Zeilen („Riiverdance“), Bluegrass-Gedudel („Oh Louisiana“) und Songs, die nie starten („Alliigator Tears“) das starke galoppierende Pferd, mit dem man sich schneller fühlt als Lucky Luke. Leider ist Cowboy Carter über große Strecken einfach ganz schön langweilig und gewinnt auch bei mehreren Durchläufen, die bei Beyoncé für ein Urteil wirklich obligatorisch sind, wenig dazu.

Planeten entfernt von schlecht, Galaxien entfernt von uninspiriert – aber doch hinter den Erwartungen etwas zurückliegend. Cowboy Carter ist als Act II eine coole, in sich schlüssige und konsequente Idee. Beyoncé bemüht sich sehr, möglichst breit aufgestellt zu klingen, facettenreich zu fungieren, amerikanische Country-Geschichte zu entwirren und holt aus dem Genre viel raus. Sie zeigt, dass ihr musikalisch wenig Grenzen gesetzt sind, was hohe Anerkennung verdient. Im Kern ist es aber dann doch um ein paar Level weniger interessant, leistungsstark und spannend als seine direkten Vorgänger. Sollten sich die Gerüchte um Act III und einem Rundumschlag zum Rock-Genre bewahrheiten, sind wir da aber schon jetzt mehr als nur zuversichtlich und setzen eine zum Glück geküsste Goldmünze auf einen Release im Herbst 2025.

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