Beyoncé – Renaissance

Wenn Beyoncé mit etwas Neuem um die Ecke kommt, weiß man eigentlich nur eins: Dass man nichts weiß. Längst gehört der Thron für kreative und größenwahnsinnige Ideen ihr. Die letzten zwei Alben kamen ohne Vorankündigung, ebenso das Duettalbum mit Ehemann Jay-Z. Zur letzten Solo-LP „Lemonade“ (2016) gab es einen der aufwändigsten Musikfilme ever. Ihre Bühnenshows sprengen regelmäßig alles zuvor dagewesene. Wie toppt man Erwartungen, die untoppbar sind?

Beyoncé macht es – wie immer eigentlich – auf radikalstem Wege. Sie toppt sie gar nicht, sondern geht ans andere Ende des Kontinuums. Nach dem Duettprojekt The Carters, einem „König der Löwen“-Konzeptwerk und einer gigantischen Netflix-Doku über ihren Coachella-Auftritt aus 2018 ist es einfach an der Zeit, neue Überraschungen zu präsentieren. Kann man eine so große Fanschar, die eigentlich schon alles gesehen und gehört hat, überhaupt noch gedanklich fordern?

Renaissance wurde erstmalig Anfang Juni über ihre Social-Media-Kanäle angekündigt. Einmal sämtlichen Content runter, keine Fotos, kein Text, nur noch schwarz. Was wird das? Einige Wochen später kann man’s verstehen und greifen. Nein, das Cover ihres siebten Studioalbums ist nicht einfach schwarz – hallo, wie lame wär das denn? Stattdessen setzt die Queen des außergewöhnlichen Marketings nicht mehr auf „Visual“ sondern auf „Auditive“. Beyoncé möchte, dass die ersten Durchläufe ihres Albums komplett ohne Ablenkung und ohne optische Unterstützung funktionieren. Somit gibt es vorab kein Musikvideo, keine neuen Fotos, lediglich eine Single und das Albumcover, das sie in sehr aufreizenden, knapp bemessenen Klamotten auf einem schimmernden Roboterpferd zeigt. Ach ja, und natürlich den Albumtitel.

Renaissance bedeutet Wiedergeburt. Unter ihr versteht man meist eine Geschichtsepoche des 15. und 16. Jahrhunderts, in der Elemente der Antike zurückgeholt und die philosophische Anschauung, aber auch die Kunst, Literatur und Architektur neu und dauerhaft verändert wurden. Beyoncé stapelt also mal wieder äußerst low… einen Titel, den sich wohl nur die Wenigsten erlauben könne, ohne total lächerlich zu wirken. Fokus also auf Musik, die alte, fast schon vergessene, aber dennoch bedeutende Teile zurückholt und sie in den Status Quo des Mediums einwebt.

Um die 16 Songs, die in 62 Minuten verpackt wurden, hinreichend genug beurteilen zu können, reicht tatsächlich ein Tag Hörerlebnis gar nicht. Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt und die Rezension ist hinfällig. Das liegt schlicht daran, dass Renaissance die Hörer*innen wirklich ordentlich fordert, fast schon überfordert. Die Idee, Kulttracks zu samplen, ist selbstredend nicht neu, sondern absoluter Standard. Jedoch mischt Beyoncé mit ihrem unglaublich großen Team – an manch einzelnem Track haben über 20 (!) Personen geschrieben und an die zehn produziert – so viele heterogene Stile, dass man unglaublich viele Durchläufe braucht, um überhaupt durchzusteigen.

Das macht es anstrengend. Anstrengung bedeutet, es gibt keinen leichten Konsum und somit keine griffige Unterhaltung. Andererseits bedeutet es aber auch Herausforderung für diejenigen, die sie annehmen. Ist mit Sicherheit nicht jede*r, aber hoffentlich noch genug, denn Renaissance hat keinen echten Radiohit und auch keinen klaren Female-Empowermen-Trap-Banger. Viele Songs kommen ohne klare Strophe-Refrain-Strukturen auf. Hooks werden nicht benötigt. Selbst gesanglich ist der Großteil wenig spektakulär.

Ergo: Der Kern muss woanders liegen. Tut er auch, nämlich in den Beats, in den Produktionen und in dem irrsinnig mutigen, retrospektiven Genremix. Renaissance ist viel elektronischer als das, was man von Beyoncé bisher kannte, und insbesondere sehr clubbig. Von Techno ist es zwar noch einige Spuren entfernt, aber es hat Studio54-Vibes, 90s-House-Versatzstücke und 70er-Disco-Ära-Fragmente. Da blitzt ganz oft Donna Summer auf, immer mal wieder Grace Jones. Und ja, man muss zugeben, das darf man durchaus Renaissance nennen.

Die Vorabnummer „Break My Soul“, die wohl kaum durch Zufall an den Überhit „Show Me Love“ von Robin S. erinnert, gibt gute, aber nicht hinreichende Hilfsmittel an die Hand. Das Instrumental zeigt auf, wo es hingeht. Auch auf das Intro sollte geachtet werden. Jedoch geht das eingängige „You won’t break my soul“ so gut in den Gehörgang wie vieles andere auf der Platte eben nicht. Das ist weder ein positives noch ein negatives Qualitätsmerkmal, allenfalls eine Feststellung. Deswegen lautet der Tipp: Starke Anlage, laut aufdrehen, in den Groove kommen, durchhören, wieder anhören, und wieder, und wieder. Tatsächlich spürt man dann eine Veränderung, die sich aber ganz anders anfühlt als ein „Hab ich mir schön gehört“. Bis wohin führt dich die Veränderung? Wo steigst du aus?

Songs wie „Alien Superstar“ gehen konsequent weiter. Das ist experimentell, voller Sprechteile, nur Sekunden lang werden Melodielinien aus mehreren Tönen erkennbar. „All Up In Your Mind“ knallt durch Klanggewitter, zerrende Bässe, tranceähnliche Chöre. Um trotzdem die Hörerschaft nicht zu verlieren, gibt es zwischendrin immer Titel, die schon nach Sekunden aus dem Sitz reißen, wie das saugeile „Cozy“, die Motown-Jackson5-Hommage „Cuff It“ oder der mystisch-fesselnde Trip in „Pure/Honey“, der mehrmals hin- und herspringt. Salt’n’Pepa und MC Hammer schon mal gehört? Beyoncé anscheinend auch, siehe „America Has A Problem“. „Summer Renaissance“ baut als Rausschmeißer minutenlang auf „I Feel Love“ von jener Donna Summer auf, und der ist eh so legend, dass er tausendfach schon für Songs herhalten musste. Slow-Down-Liebhaber*innen können sich durch die hawaiianischen Bossa-Chill-Beats in „Plastic Off The Sofa“ in Träumereien verlieren.

Viel mehr Erkenntnis ist nach ein paar Stunden mit Renaissance wohl kaum drin. Nein, das ist jetzt kein Avantgarde, aber zweifelsohne für ein Album, das schon irgendwo noch im Pop-Mainstream-Bereich stattfindet, ganz schön edgy und protestierend. Aber Beyoncé hat es nicht nötig, den Hit-lechzenden Pöbel zu bedienen. Stattdessen hat man eben lieber den Anspruch, Musik zu revolutionieren und in der Zukunft mit den Größten der Vergangenheit zu verschmelzen. Renaissance is key.

Und so hört sich das an:

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Die Rechte fürs Cover liegen bei SONY MUSIC/COLUMBIA INTERNATIONAL.

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Ein Kommentar zu „Beyoncé – Renaissance“

  1. Hallo zusammen!

    Auf diese Rezension von Fili habe ich gewartet, waren wir doch zusammen auf der FWT von Queen B im Jahre 2016!

    Ich als absoluter Bey-Stan, BeyHive und leicht geisteskranker Überfan dieser Frau habe seit Beginn dieses Jahres gewartet und meine Mitmenschen regelrecht genervt mit meinem „Wenn dieses Jahr nichts kommt…“, „Es sind 6 Jahre…was macht sie denn so lange“

    Als im Juni ihre Profilbilder von ihren SocialMedia Kanälen verschwanden wusste ich schon – wie gesagt als leicht geisteskranker Fan- „DA KOMMT WAS“, waren wir doch Suprise Alben wie 2013 das Self-Titeld und das Visual Album von 2016 gewohnt.

    Die erste Single „Break my Soul“ hat mich ehrlich gesagt enttäuscht, ich habe sie zwei Mal gehört und das wars. Ich war echt irritiert und wusste nichts damit anzufangen.
    Aber: Positiv bleiben! Es kommt ein Album – das war mein Credo.

    Renaissance kam und nach dem ersten Hören am Freitag morgen war meine Stimmung eher: puh, ok?! was fange ich damit an?!

    Wie Fili schreibt: ich war wirklich überfordert von der Klangkulisse, nichts blieb irgendwie direkt im Ohr. In jedem Song war so viel los, dass ich nicht wusste wo vorn und hinten ist.

    Bis heute (Sonntag Abend) habe ich das Album locker 15 Mal gehört – immer an einem Stück für die Übergänge – nichts geskippt. Mal im Hintergrund, mal mit Lyrics dabei – mal mit Kopfhörern, mal im Auto und ich muss nun sagen:

    ICH LIEBE ES 😀 (ein Glück)

    Zu den Tracks:

    1. I’M THAT GIRL – mega Anfang – low range liebe ich bei ihr – brauchte ein bisschen aber nun top
    2. COZY – ich bewege mich direkt mit – super lyrics „cozy with who I am“ I mean??
    3. ALIEN SUPERSTAR – Favorit – liebe es – die low range am Anfang – die ad lips („UNIQUE“) – als der Refrain Anfang hatte ich das erste Mal Gänsehaut
    4. CUFF IT – tut leider nichts für mich, keine Ahnung warum – es ist so da – stört auch nicht,aber catched mich leider nicht
    5.ENERGY feat. Beam – hat LionKing Vibes – baut sich gut auf und geht am Ende wenn sie rappt richtig ab – like
    6.BREAK MY SOUL- auch nach einigem hören, leider immer noch nicht, ich mag es leider nicht auch wenn ich gern mögen würde
    7.CHURCH GIRL – Favorit II – der Knaller! die Bridge und der Refrain sind so nice – ich liebe es wenn sie rappt – die Mischung mit Gesang ist hier einfach perfekt
    8.PLASTIC OFF THE SOFA – leider nein ich fühle es nicht
    9. VIRGO’S GROOVE – ich mag den Refrain aber mehr leider nicht
    10.MOVE – nice nice nice – hätte so auch LionKing laufen können – hätte mir mehr GraceJones gewünscht
    11.HEATED – erst beim 8 Mal hören sind mir die großartigen Ad-Lips aufgefallen die dann im Rap-Part komplett auftauchen. Der Rap am Ende war erst „whaaaaat?“ und nun LIEBE ich es, mega Song
    12.THIQUE – Favorit III – tja low range – nach 20sec. war ich verliebt – das einzige Lied das direkt beim ersten Mal herausgestochen ist. – baut sich grandios auf
    13.ALL UP IN YOUR MIND – Favorit IV – dachte erst es plätschert so dahin – erst nach ein paar Mal hören ist mir augefallen wie herausragend das instrumental produziert ist – hätte auch auf dem ST passen können
    14.AMERICA HAS A PROBLEM – braucht noch – guter Refrain – bleibt aber bei mir irgendwie nicht hängen
    15. PURE/HONEY – Favorit V – Ex-cuse me, was ist hier los! Ein Hammer Track von vorne bis hinten – der switch mittendrin – ich hab nur kopfschüttelnd auf dem Boden vor den Boxen gesessen
    16. SUMMER RENAISSANCE – ABSOLUTER FAVORIT – love it! Das Donna Sample hätte nich besser verpackt werden können – das live? Das geht ab

    Von 16 Tracks mag ich also 3 nicht – guter Schnitt 😀 ein paar plätschern noch so dahin – vielleicht werden die besser, wenn man die mal live gesehen hat, wäre nicht das erste Mal dass ich Tracks von ihr live deutlich mehr mag als die Studio Version 😉

    Was mir sauer aufgestoßen ist in einigen Foren : Es fehlt DER Woman Empowerment Song.
    Hören sich die Leute die Lyrics nicht an? Braucht man einen „direkt ins Gesicht – Titel“ wie „Run the World (Girls)“ oder „Formation“ ??

    Tip für alle die meinen es gebe hier nichts für empowerment : Lyrics daneben und dann mal genau zuhören. Allein in Track 1-3 sind genug Zeilen 🙂

    Soooo, ich hoffe ich hab nichts vergessen 🙂

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