Black Midi – Cavalcade

Review: Auf "Cavalcade" besinnen Black Midi ihren Sound ein wenig. Und mischen ihm Free-Jazz bei. Autor Jonas ist begeistert.
Auch der zweite Höllentrip der jungen Experimental-Band aus London hat es in sich, denn auf das nosige Bizarro-Debüt „Schlagenheim“ folgt mit „Cavalcade“ – wie sollte es anders sein – diabolischer Free-Jazz mit Prog-Versatzstücken, der so surreal anmutet, dass auch Salvador Dali dazu abgegangen wäre. Black Midi bleiben dabei stilistisch nach wie vor komplett unberechenbar und meist nur schwer einzuordnen, präsentieren aber gleichzeitig ihre vielleicht zugänglichsten Songs – das liegt auch an dem klaren Konzept des Albums.

Charakterstudien & After Hour

Oft steht der Erfolg eines gefeierten Debüts dem zweiten Album im Wege, denn es wird verkrampft versucht dem nachzueifern, was schon beim ersten Mal so gut funktioniert hat. Doch darum scheren sich die vier Londoner nicht, auch wenn das erste Album problemlos um ein bis zwei Nachfolger hätte fortgeführt werden können. Dennoch legen Black Midi ihren improvisatorischen Ansatz ab und statt der ausgedehnten Jam-Sessions, die auf „Schlagenheim“ zu hören waren, schrieb und plante die Band ein waschechtes Konzeptalbum. Auf „Cavalcade“ greifen die Songs ineinander wie in einem Theaterstück und der einnehmende Frontmann Geordie Greep rattert Geschichten verschiedener fiktiver und realer Persönlichkeiten herunter. Die denkwürdigsten drehen sich dabei um einen gescheiterten Sektenführer in „John L“ und um die deutsch-amerikanische Schauspielerin Marlene Dietrich, in dem nach ihr selbst benannten Track.

Dem Anlass entsprechend weicht auch die markante Kollision aus Math, Noise, Avantgarde und Wahnsinn, zumindest etwas, der üppig und überraschend harmonischen Instrumentierung aus unter anderem Saxofon, Streichern, Klavier, Orgel, Akkordeon und Kastagnetten. Auch wenn Black Midi ihrem vertrackten atonalen Strudel mit cineastischen Aufbauten und tonnenschweren Entladungen treu bleiben, beherrschen sie auch diese ungewohnte Facette, auf der sich alle Instrumente kurzeitig im Einklang zu befinden scheinen. Die neugefundene Zen-Mentalität hält im swinglastigen „Marlene Dietrich“ sogar über die volle Länge an und auch Songs wie das von Räucherstäbchen vernebelte „Diamond Stuff“ sind so lässig, dass es genauso gut in einer After-Hour-Lounge auf Ibiza laufen könnte. Auch das tiefenentspannte „Ascending Forth“ klingt zunächst wie eine Minimal-Bossa-Nova-Nummer – zumindest so lange bis sich die omnipräsente Spannung entlädt und alle Bandmitglieder letztendlich wieder frei drehen, um im Jazz-Math-Chaos zu eskalieren.

Im Würgegriff des Free-Jazz

Durch die bewusste Noise-Entschlackung der Songs wirkt „Cavalcade“ zwar weniger überladen und klaustrophobisch als der Vorgänger, aber nicht weniger bizarr. Denn dafür nutzen die Londoner diesmal ein ganzes Orchester, um ihre diabolischen Praktiken aus unberechenbaren Tempowechseln, Stopps und Störgeräuschen auszuleben. So fühlt sich das aggressive „John L“ nach jeder abrupten Pause wie ein immer fester werdender Würgegriff an, während Greep wie der wahnsinnige Sektenführer selbst predigt. Gepaart mit dem intensiven Highspeed-Schlagzeugspiel von Morgan Simpson in Songs wie „Dethroned“ ziehen Black Midi dabei immer tiefer in ihren Bann.

Diese spezielle Dynamik und Unberechenbarkeit kennt man am ehesten noch von Free-Jazz-Großmeister Sun Ra. Aber auch die generelle Dekonstruktion von Musik und die dick aufgetragene Inszenierung könnte fast mit den Avantgarde-Pionieren The Residents verglichen werden, wären Black Midi nicht schon selbst zu ihrer eigenen Referenzgröße herangewachsen.

Die neu gefundene Offenheit für eine weniger hektische Balance macht Black Midis Höllenwelt nun wesentlich zugänglicher. Wer allerdings schon mit dem schrägen wie einzigartigen Konzept von „Schlagenheim“ überfordert war, wird allerdings auch mit „Cavalcade“ nicht viel anfangen können.

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Die Rechte für das Albumcover liegen bei Beggars Banquet.

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