Haiyti – Mieses Leben

Review: Haiyti ist mit 18 neuen Songs zurück. Und das obwohl sie nie weg war. Knüpft die Rapperin an ihr letztjähriges Album-Doppel an?

Überfall: Haiyti ist zurück. Und das obwohl sie nie weg war. Nach dem letztjährigen Album-Doppelpack legt die „skinny Legend“ aka Robbery nun überraschend mit 18 neuen Songs nach. „Mieses Leben“ heißt das fünfte Album der Rapperin.

Schauplatz: „Intro“. Sphärisch-körnige Analog-Synthesizer. 808s, die mit Schwung in die Magengegend treten. Autotune-Adlips. Übersteuerung. Dazu: Seichte Keys. Dann: „Robbery Is Back“. Der Bass: Tiefer als der Pazifik. Die Referenzen: Wie kann man sich nur so hart gönnen? Indem man Haiyti ist. Kopf und Nacken: Im Takt gefangen. Bitte nicht schießen: Überfall. „Es endet mit einem Knall.“

„Alles funkelt, aber düster in mei’m Kopf“

Es dauert nicht lange, bis zur Erkenntnis: Haiyti hat ihr Narrativ selbst bei der Output-Quantität noch lange nicht auserzählt. Es ist alles da: Die übertriebenen Autotune-Einsätze. Die wütend hinausgepressten Lines. Die dichte Atmosphäre. Die vielfältigen Reimketten und Flows. Die Bauchschmerz-808s. Einzig auf die großen Pop-Momente verzichtet „Mieses Leben“. An deren Stelle treten angriffslustige Flow-Hooks, die den deftigen Beats entsprechen. Gerade bei letzteren beweist Haiyti erneut Händchen. Die brachialen Produktionen stammen von Asadjohn und anderen Project X-Mitgliedern, von aufstrebenden Namen wie jaynbeats und alten Bekannten wie Alexis Troy.

Auch Haiyti-typisch: Die Pop-Kultur- und Selbst-Referenzen. Die Erfolgs-Posen. Aber auch die Zweifel und die Einsamkeit. „Mieses Leben“ ist daher eine in Album gegossene Umherirrung zwischen Hell und Dunkel. Songs wie die überheblich-erhabene Trap-Hymne „Freitag“, das flexige „Paris“ oder das lässige „Snob“ sind derart knackige Tanzflächen-Füller, dass die anderorts gesetzten Schattierungen fast surreal erscheinen. Und doch: Immer wieder lässt die Wahl-Berlinerin auf den Synthesizer-Flächen auch gerade die Schattenseiten des Ruhms treiben. Das viele Geld allein sichert eben doch nicht das persönliche Glück. Oder: „Ich bin alleine und ich liege hier im Schotter.“

Gerade wenn die 28-Jährige ihren eigenen Ängsten und Zweifeln Ausdruck verleiht, lässt sie dabei besorgniserregende Ambivalenzen erkennen. Ist sie mancherorts selbstbewusster denn je – „Minusmensch“ beispielsweise ist in Song gepresste Abneigung –, so heißt es im Haiyti-typischen Melancholie-Closer „Wolken“ abschließend doch wieder: „Ich bin nicht anders als die Szene.“ Hinüber ist die Selbstsicherheit.

Typisch

„Mieses Leben“ ist daher typisch Haiyti und doch nicht typisch Haiyti. Das Soundbild hat sich zwar von „Sui Sui“s Frankreich-Flair entfernt, sich seine ganz eigene Nische gebaut. Doch die Inhalte sind ähnlich geblieben, auch wenn die Einblicke tiefer werden. Ähnlich bleiben bei all den Qualitäten auch die Probleme: 18 Songs sind in der Summe dann doch ein wenig zu viel Reizüberflutung. Aus „sehr gut“ könnte so mit ein wenig mehr Fokus auf das Wesentliche ganz leicht „grandios“ werden.

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