July Talk – Pray For It

July Talk

Schlichte monochrome Artworks ummanteln den recht klassischen Sound von July Talk seit der Bandgründung im Jahre 2012. Ein schwarz-weißer Faden, der dem inhärenten Potenzial für Klassikerwerdung entgegenkommt. Denn die unaufgeregten Albencover malen ohne großen Bombast, dafür aber mit festem Handgriff Gefühlswelten an die innere Leinwand. Was für eine große Emotionspalette durch so eine zarte Berührung wie auf der Schachtel des Vorgängers “Touch” ausgelöst werden kann, erklären die Kanadier*innen dann auf dem auditiven Kanal hinzu. Ähnlich ist auch das Drittwerk “Pay For It” konzipiert, das als Ode auf die eigene Zerbrechlichkeit verstanden werden soll. Das Leben als Drahtseilakt, den Band wie Covermodel erst einmal fehlerfrei über die Bühne bringen müssen.

Von Doppelzüngigkeit und der großen Liebe

Schon immer haben sich July Talk für eine intersektionale Gemeinschaft stark gemacht, systematischen Diskriminierungen mit Hilfe selbst kuratierter Festivals und Safe Spaces die Stirn geboten. Ein Umstand, dank dem das kollektive Arbeiten auch bei so introspektivischen Themen wie der eigenen Fehlbarkeit auf sicheren Beinen steht. Auch musikalisch macht sich diese engagierte Haltung bemerkbar, schon alleine in der kompromisslos paritätischen Aufteilung am Mikro. Dabei könnten Leah Fay und Peter Dreimanis mit ihren Ausnahmestimmen ohne Fragen auch ohne einander beachtliche Karrieren hinlegen. Diese hingebungsvolle Umgarnung, mit der sich die beiden über die Albenverläufe hinweg zu Höchstleistungen antreiben, sucht jedoch auch 2020 noch ihresgleichen. Schon im Opener “Identical Love” entsteht wieder dieser ewigliche Moment, wenn Dreimanis’ bodenlos tiefe Stimme haucht: “I wanna be changed, I wanna be re-arranged, My Love for you eternal”, bis Fay vor weiten Indie-Blues-Sphären ihre zarten Harmonien beisteuert.  Ab dieser Sekunde ist es wieder unwiderruflich um jeden Fan geschehen.

Herz im Moment, Stimmbänder in der Vergangenheit

Wie soll das denn nun zusammenpassen? Irgendwie haftet dem doch noch recht jungen Quintett schon seit Stunde 0 eine gewisse Weisheit an, eine solche, die auch in längst vergangenen Dekaden ihr Zuhause gefunden hätte. Man will diese Lieder einschließen, sie immer bei sich tragen, ob in lauen Sommernächten oder eiskalten Winterstunden und gleichzeitig erwecken sie das Gefühl, als könnten sie neben 60s Bands im Oldie-Radio laufen, ohne aufzufallen. Dazu darf es mal wie auf dem knackigen Debüt “July Talk” rumgniedeln und krachen (“The News”) oder mit weitem Anlauf in den Indierock-Tümpel gehüpft werden (“Life Of The Party”). Im Zuge der tiefen Grundmelancholie des Albums spürt man Dreimanis und Fay dann aber plötzlich Millimeter vom eigenen Ohr entfernt, wie im Retro-Ausflug “Friend of Mine” oder dem zerbrechlichen Titelstück. Besonders laut pocht der Puls aber an zwei anderen Stellen: “Governess Shadow” widmet als übergroßer Folker jede Faser der Band den Outcasts der Gesellschaft und auch der Gospel-Flirt “Champagne” fürt diesen Narrativ fort, während das Quintett von den beiden queeren schwarzen Künstler*innen James Baley und Kyla Charter unterstützt wird. Hier klingen July Talk plötzlich ganz frisch, ganz nach 2020, ganz nach den Demonstrationen und Festivals der Postmoderne. Dass sich die Figur des Covers bei so viel Inbrunst der kalten Außenwelt offenbaren möchte, spricht somit trotz der zurückhaltenden Farbgebung und Motivik eine intensive Sprache. Auch wenn diese in den finsteren Orgeltönen von “Still Sacred” keinen gerade positiven Abschluss nimmt – July Talk zeigen wie kraftvoll und ermutigend die eigene Verletzlichkeit inszeniert werden kann.

“Pay For It” kannst du hier kaufen. *

Und so hört sich das an:

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Rechte am Albumcover liegen bei Sleepless.

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