Die Liste: 10 verstörende Musikvideos

Liste: Die Redaktion präsentiert zehn verstörende Musikvideos. Unter anderem mit dabei: Casper, Nirvana, Nine Inch Nails und Korn.

In den vergangenen Wochen hat kein anderes Musikvideo für mehr Aufsehen gesorgt als „MONTERO (Call Me By Your Name)“ von Lil Nas X. In dem Clip des US-amerikanischen Rappers greift er verschiedene Thematiken der Bibel auf, lässt sich dabei im Garten Eden von der Schlange verführen und rutscht an einer Pole Dance Stange in die Hölle hinab, wo er dem Teufel einen Lapdance gibt. Das Video sei unmoralisch und würde den Kindern schaden, die es zu sehen bekommen, heißt es in den amerikanischen Medien. Lil Nas X ist nicht der Einzige, der mit seinem Video ein gewagtes Konzept präsentiert. Welche Clips unsere Redakteur*innen nachhaltig geprägt haben, lest ihr in unserer Liste mit 10 verstörenden Musikvideos aus den letzten drei Jahrzehnten:

Nirvana – Heart-Shaped Box (1993)

Kein Jahr bevor Kurt Cobain seinem Leben ein viel zu frühes und tragisches Ende bereitete, veröffentlichten Nirvana eines ihrer ikonischsten Musikvideos zu einem ihrer bekanntesten Songs. Für das Video zu „Heart-Shaped Box” von dem 1993 veröffentlichten „In Utero” hatten Nirvana sich Unterstützung von dem Regisseur Anton Corbijn geholt, der es verstand, die Musiklegenden gleichermaßen fesselnd und verstörend in Szene zu setzen. Über drei Minuten reihen sich befremdliche Szenen aneinander: Ein alter, halbverhungerter Mann, der wehmütig ein Kreuz besteigt und dabei von Krähen umgeben ist. Ein Kind im Ku-Klux-Klan-Kostüm, das damit beschäftigt ist, leblose Föten von Bäumen zu pflücken. Eine hautlose Frau, die ziellos durch ein Feld umherirrt. Zwischendrin ist immer wieder die Band zu sehen, wie sie dieses einzigartige Stück Musikgeschichte zum Besten geben. Verstötende und fesselnde Bilder, welch sich in die kollektiven Gedächtnisse ganzer Generationen gebrannt haben. (Maximilian)

Peaches – Sick In The Head (2016)

Verstörend ist natürlich ein äußerst subjektives Empfinden. Und nicht selten ist der Schock-Effekt durchaus mit Kalkül gesetzt, schließlich ist erstmal jede Form von Aufmerksamkeit eine gute. Wenn dieser im Video nun an Hand der Figuren der Künstler*innen selbst erzielt wird, dann spielt diese Künstler*infigur oft mit einem Hauch martialischen Horror-Element. Etwas, das gesellschaftlich wiederum eng mit der kulturell problematischen Repräsentation von psychischen Störungen, Anomalien oder Behinderung zusammenhängt. Lange Rede kurzer Sinn: dieses Phänomen münzt Peaches in diesem Video zu etwas Empowernden um! Alle sagen, sie sei „sick in the head”, doch: „You haven’t seen the worst of me yet!” Großes Kino. (Julia)

Denzel Curry – Clout Cobain (2018)

Clowns versetzt Menschen nicht erst seit Stephen Kings „Es” in Unruhe. Denzel Curry und Regisseur Zev Deans geben dem Schauermotiv mit dem Video zu der Hit-Single „Clout Cobain” einen neuen Anstrich. Erst in Handschellen gelegt, dann von einem Dompteur und Regieanweisungen gesteuert performt Curry den Song als trauriger Clown. Im Zuschauerbereich feiern Fans zu der zwanghaften Performance, lassen sich tätowieren, werfen Pillen. Doch die Stimmung kippt zunehmend und mündet schlussendlich im leidvollen Freitod des fremdbestimmten Künstlers. Zu der Horror-Ästhetik des bald 100 Millionen Klicks starken Clips passt: Direktor Deans arbeitet sonst vorrangig mit Acts wie Ghost, Chelsea Wolf oder Behemoth, die allesamt eher für derbe oder düstere Musik stehen. (Jonas)

The Prodigy – Smack My Bitch Up (1997)

Bei The Prodigy ist es gar nicht so einfach, sich für das krasseste Video zu entscheiden. Wir nehmen deswegen das bekannteste. „Smack My Bitch Up” ist einfach ein absoluter Klassiker der Kontroversen. Starregisseur Jonas Åkerlund hat unzählige sensationelle Musikvideos gedreht, aber hier zum ersten Mal so richtig die Sau rausgelassen und sowohl sich als auch The Prodigy ein Denkmal gesetzt. Eine völlig abgefahrene Partynacht, die aus den Rudern läuft, in der „Point of View”-Perspektive gezeigt wird und mit einem bahnbrechenden Twist endet. Das war neu, das war anders, das war mutig, kunstvoll, gut – aber eben auch vielen zu viel. Das Video fühlt sich exakt so an, wie sich der Song anhört. Und genau so sollte es doch immer sein. (Christopher)

Korn – Right Now (2003)

Dass Nu Metal 2003 endgültig im Mainstream angekommen war, hatte Korn nicht davon abgehalten für das Musikvideo von „Right Now” nahezu unerträgliche Bewegtbilder auszuwählen. Explodierende Pickel und Würmer aus der Nase mögen schon unappetitlich klingen, jedoch stellen diese Ausschnitte des Videos die noch leicht verträglichen Stellen des Clips dar. Schon unansehnlicher kommen Szenen daher, in welchen sich ein Strichmännchen Zähne kaputt hämmert oder die eigene Haut von den Knochen schneidet. Getoppt werden diese Sequenzen von Einstellungen, in welchen das Strichmännchen an seinen eigenen Fäkalien riecht oder sich mit einem Messer Löcher in den Bauch sticht, aus dem Spinnen herauskriechen. Es empfiehlt sich dieses Video nicht während oder nach dem Essen zu schauen. Generell sei dazu geraten einen Eimer beim Sehen des Musikvideos bereitzustellen, nichts für schwache Mägen. (Maximilian)

Billie Eilish – bury a friend (2019)

Was war euer Billie Eilish-Moment? Also der, an dem ihr gespürt habt, dass eure Popkultur danach nicht mehr dieselbe sein würde? Meiner war definitiv als ich das Video zu „bury a friend” zum ersten Mal gesehen habe. Dieses gleichsam düstere, irgendwo auch poppige aber auch extrem verstörende Begleitmaterial zu einem ganz neuen Sound. Mehr Grimes als Taylor Swift, mehr Peaches als Katy Perry. Und damit eins der wesentlichen Puzzlestücke des radikalen, bizarren Albtraums, den Billie Eilish für alle misogynen Verfechter einer langen Tradition der weiblichen Popkünstlerin darstellt. (Julia)

Enter Shikari – T.I.N.A (2020)

Auf ihrem aktuellen Album „Nothing is true & everything is possible“ singen Enter Shikari: „Take my hand if you wanna live” („Nimm meine Hand wenn du leben willst”). Dass diese Hand aussehen würde wie ein mutierter Zombie-Klumpen mit den Gesichtern der Band, ahnte da noch keiner. Mit „T.I.N.A“ haben Enter Shikari ein wahrlich verstörendes Musikvideo ins Leben gerufen, das man gesehen haben muss um es (nicht) zu verstehen. Drummer Rob Rolfe beschrieb es auf seinem Twitter Profil als „weird and wonderful“ („merkwürdig und wunderschön“); einer der Top-Kommentare unter dem Video lautet: „Thanks, son‘s crying now“ („Danke, jetzt weint mein Sohn“). Obwohl ich Enter Shikari liebe, hoffe ich sehr, dass ich mir dieses Musikvideo niemals wieder ansehen muss. (Yvonne)

Slipknot – The Devil In I (2014)

Wenn Videos mehr sind als nur schnödes Bildmaterial, das man eben zu einer Veröffentlichung raushauen muss, haben Künstler*innen schon einiges richtig gemacht. Bei der großen Slipknot-Reunion mit diesem Video war das definitiv der Fall, auch wenn die Band natürlich à la Rammstein ohnehin viel Wert auf Hollywood-Horror legt. Hier werden die alten Masken in brutaler Weise verabschiedet, die Aggression im Sound wächst parallel zur Aggression der sehbaren Oberfläche. Das Video lief wegen dieser verstörenden Faszination in Dauerschleife. Wenn „the devil in i” heute läuft, dann nicht ohne die passenden Bilder im Kopfkino! (Julia)

Nine Inch Nails – Happiness In Slavery (1992)

Hier scheinen sich zumindest sowohl Musik- als auch Filmkritiker*innen sicher zu sein: „Happiness in Slavery” von den Nine Inch Nails wurde gleich in mehreren Listen zu dem verstörendsten Musikvideo aller Zeiten gewählt. Natürlich ist es am Ende immer eine sehr subjektive Meinung, was eine*n genau verstört – aber so ganz entspannt kann diesen Clip wohl niemand schauen. Trent Reznor und seine Band haben 1992 mit ihrer EP „Broken” und damit mit ihrer zweiten Veröffentlichung abseits der Singles richtig in die Kerbe gehauen. Eine gute halbe Stunde voller Hass und Wut, darunter der mit einem Grammy-Award ausgezeichnete Song „Wish”. Doch was in dem EP-begleitenden Musikfilm für Unterwelten gezeigt werden, ist schon arg angsteinflößend. „Happiness in Slavery” ist klar das Herzstück, wobei… „Happiness in Slavery” hat kein Herz, dafür jedoch eine fesselnde Ästhetik, der man sich nur schwer entziehen kann. Hauptdarsteller Bob Flanagan war lebenslang bekannt für seine Performancekunst und seinen Hang zur SM-Szene und starb nur vier Jahre nach dem Dreh. Mehr muss man eigentlich vorab nicht wissen. Reinschauen und erleben! (Christopher)

Casper feat. Blixa Bargeld, Dagobert & Sizarr – Lang lebe der Tod (2016)

Schwarz-Weiß-Ästhetiken, Bibelreferenzen, Folter-Szenen, ein herausgeschnittenes Herz, Zeitsprünge – das vom Berliner Filmemacher Christian Alsan erschaffene Dorf-Universum, in dem das Video zu Caspers „Lang Lebe Der Tod” spielt, lässt sich nicht leicht verdauen. Casper selber liefert zu dem beklemmenden Schauspiel den dystopisch-verzerrten Soundtrack, der den Bildern entsprechend verfälscht, mit weißem Rauschen Wahnsinn heraufbeschwört, Unbehagen breitmacht, aber auch kunstvoll anmutet. Das cineastische Video war für den Echo nominiert und gewann 2017 zurecht den Preis für Popkultur als „Favorite Video”. (Jonas)

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