Der Medicus – Das Musical, Freilichtbühne Tecklenburg, 24.07.2026

der medicus tecklenburg

Sind wir ehrlich: Der Medicus, der Weltbestseller von Noah Gordon aus dem Jahr 1986, ist jetzt nicht unbedingt der Stoff, den man sich als Musical wünscht. Ein historischer Roman ist immer passendes Material für einen soliden Sonntagabendfilm, der eher ein Ü50-Publikum anspricht, aber ein Musical? Wie soll das als leichte, unterhaltsame Musiktheater-Inszenierung funktionieren? Die Freilichtspiele Tecklenburg geben im Sommer 2026 die Antwort darauf, nämlich ziemlich gut.

Sicher kann man sich vorher eigentlich nie sein. Manchmal hört man von Musicaladaptionen zu bekannten Vorlagen und denkt „Oh hervorragend, das wird super!“ und dann ist es eine totale Enttäuschung. Erwartungen zu hoch, Umsetzung zu low. Oder es ist eben genau umgekehrt. Man liest vom Titel und ist sich sicher, dass das wahrscheinlich so gar nicht den eigenen Geschmack trifft und plötzlich ist es in dem Moment einfach stimmig. Deswegen gilt grundsätzlich die Devise: Möglichst unvoreingenommen in die Sache starten und anschließend bewerten. Klar, eigentlich total logisch, aber wir kennen es doch alle, dass das in der Praxis oft weniger vorurteilsfrei klappt.

Seit über 100 Jahren zieht die Freilichtbühne in Tecklenburg im Münsterland Theaterfans in ihren Bann. Musicalliebhaber*innen warten seit über drei Dekaden gespannt darauf, dass der nächste Saisonplan veröffentlicht wird und hoffentlich ein weiteres Stück dabei ist, dass entweder ganz lange nicht mehr oder womöglich noch nie in der Region lief. 2026 hat man im Juni mit „Rocky – Das Musical“ wieder sämtliche Hausaufgaben mit Sternchen bearbeitet und ein Musical auf die Bühne geholt, das in NRW noch nie und generell fast ein Jahrzehnt lang nicht in Deutschland zu sehen war. Dass uns das Ganze inhaltlich nicht so überzeugt hat, ist zwar etwas schade, aber zweitrangig. Schließlich kann man so hinter dem Sportlerdrama, das wahrscheinlich einfach als Film mehr Stärken zeigt als als Musical, einen Haken machen – befriedigend genug!

Über 21 Millionen Mal verkaufe sich das Buch Der Medicus, davon allein rund ein Drittel in Deutschland. Auch für die aufwändige, deutsche Filmproduktion aus dem Jahr 2013 mit Tom Payne in der Hauptrolle wurden Kinotickets noch und nöcher gebucht, die Einschaltquoten bei der TV-Premiere liefen ähnlich brillant. Wir scheinen also für die Story äußerst empfänglich zu sein. Ergänzt man die Erzählung aber durch Songs, kann der Spaß an der Sache kippen und vielleicht das Quäntchen too much sein. Allerdings trauen sich gleich zwei völlig unterschiedliche Kreativteams, eben dieses Projekt umzusetzen und kommen mit ganz ungleichen Ergebnissen.

2016 startet die deutsche Fassung von Der Medicus, geschrieben von Dennis Martin, Marian Lux, Christoph Jilo und Wolfgang Adenberg. Die Premiere findet in Fulda statt, produziert wird das Stück von Spotlight Musicals, die besonders mit „Die Päpstin“ einen Erfolg feiern konnten und vor wenigen Wochen ihr neustes Werk „Der Schimmelreiter“ uraufführten. Zwei Jahre später erscheint eine spanische Fassung, die den Originalnamen „El Médico“ trägt – brauchen wir an dieser Stelle wohl nicht zu übersetzen – und von Iván Macías und Félix Amador geschrieben wurde. Sie lief bereits in mehreren Sprachen in einigen europäischen Ländern und feiert als deutschsprachige Übersetzung 2023 in München Premiere. Die Erben von Schöpfer Noah Gordon, der 2021 verstirbt, sprechen sich für die spanische Fassung aus. Spotlight haben seitdem die Aufführung ihrer Version eingestellt.

Weniger als 20 Mal lief die Macías/Amador-Umsetzung in München, sodass bisher nur eine kleine Gruppe an Menschen hierzulande in den Genuss des Stückes kamen. Doch wie schon erwähnt: Tecklenburg ist hervorragend in der Recherche und ist diesen Sommer die erst zweite Spielstätte Deutschlands, die Der Medicus in der favorisierten Adaption zeigen. Am 24.7., einem Freitag, ist die erste Vorstellung, die bis auf wenige Restplätze ausgebucht meldet. Mit Picknickkörben, Sitzkissen und Snackbox bewaffnet, sind alle um 20 Uhr ready, um zu gucken, ob sich nach Buch und Film auch live auf der Bühne ein Strudel aus Mitgefühl und Spannung entwickelt.

Wahnsinnig wichtig zu erwähnen: Nein, ihr müsst die Vorlage vorher nicht kennen. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Nicht selten muss man sich vorab vorbereiten, um der Geschichte folgen zu können oder Handlungsstränge im Kopf zu verknüpfen. Doch Der Medicus in Tecklenburg macht es dem Publikum angenehm leicht. Mit einer sehr straighten Erzählung, die dennoch mitreißt, wird eine schöne Klimax entwickelt, sodass es in den 150 Minuten Nettospieldauer fast nie zu Längen kommt.

Der Plot in wenigen Sätzen: Der Waisenjunge Rob hat eine außergewöhnliche Begabung – er kann spüren, wie nah Menschen bereits dem Tod sind. Dieses Talent möchte er nutzen, um Kranke zu heilen, weswegen er ein erfolgreicher Medicus werden möchte, also ein Arzt. Dafür begibt er sich auf eine ziemlich gefährliche Reise bis nach Persien, wo er Medizin studieren will, ihm dies jedoch als Christ nicht erlaubt ist. Lediglich Juden bekommen die Chance dazu. Schafft er es trotzdem und kann so der Menschheit und Menschlichkeit ein Denkmal setzen? Und vielleicht gibt es auf der großen Reise auch das persönliche, private Glück zu finden…

Trotz Schwere und geschichtlichem Topic führt Der Medicus in seinen zwei Akten ganz besonders in der ersten Hälfte angenehm leichtfüßig und dynamisch durch den Roadtrip und die Coming-of-Age-Story. Grund dafür ist das sehr starke Team, bei dem offensichtlich alle super mitgearbeitet haben. Unter der Regie von Werner Bauer läuft das epochale Bombastmusical fast patzerlos schon in der Premiere durch. Juheon Han leitet das fast 30-köpfige (!) Orchester mit viel Enthusiasmus und zaubert so in Kombi mit dem Technikteam einen Sound, der über die 2000 Menschen hinter ihm hinwegfliegt. Gerade das Kostüm sowie das Szenenbild haben heute ordentlich zu tun und holen wahnsinnig viel aus der meist etwas zu statischen Bühne heraus, auf der das Stück wirklich perfekt zur Geltung kommt. Augenblicke in der Wüste mit aufwirbelndem Staub, ein Schachspiel mit menschlichen Figuren, funkelnde Paläste – selten wirkte eine Handlung in Tecklenburg so authentisch.

In der Cast wird es nicht weniger stark. Mit einem rund 70 Menschen umfassenden Ensemble entstehen wieder mal virtuose Aufgebote, die es so oft nur in Tecklenburg gibt, weil hier genug Darsteller*innen Platz haben. Zwar sind eine Hand voll Charaktere ganz klar der Fokus des Geschehens, aber auch der Rest kann immer wieder in kleinen Momenten auf sich aufmerksam machen. Der erste Star des Abends ist nach wenigen Sekunden gefunden – mit Mona Käsekamp als Rob im Kindesalter spielt die junge Nachwuchsdarstellerin völlig zurecht die Premiere. Selten gibt es so starke Töne von so jungen Menschen auf der Theaterbühne zu hören, das ist echt hohes Niveau. Sie und drei andere teilen sich die Rolle bei den insgesamt 20 Aufführungen. Im Zusammenspiel mit Benjamin Eberling als Bader entsteht auf Anhieb eine spielfreudige Energie, die die erste halbe Stunde zum Feel-Good-Einstieg macht. Eberling mimt die schräge Figur mit Gelassenheit, Wortwitz und kraftvoller Stimme – lediglich ein paar Jokes sind dann doch etwas unnötig auf Fäkal- oder Chauvi-Level, das muss man dann wohl oder übel kurz aushalten.

Es dauert seine Zeit, bis der junge Rob zum Erwachsenen wechselt und schließlich Thomas Hohler randarf. Schon ewig spielt der Bottroper in diversen Shows des Landes mit, hat sich aber im letzten Jahr in die Topliga gekämpft. Mit seiner nicht weniger als makellosen und unglaublich intensiven Interpretation des Daniel Hillard in „Mrs. Doubtfire“ gilt er seitdem als die Waffe für markante Figuren und holt auch aus seinem Rob das große Gefühlskino heraus. Zwar kann er schauspielerisch nicht die komplette Bandbreite zeigen, hat dafür aber nun endlich wieder die Chance, gesanglich voll aufzutrumpfen. Mit herausfordernden langen wie hohen Tönen darf er sich mehrfach über jubelnden Applaus freuen und erweckt Mitgefühl für seine empathische, aber dennoch eben hürdevolle Mission. Neben ihm wirkt auch Navina Heyne als Mary Cullen stets wunderbar. Schon in „Mamma Mia“ vor zwei Jahren hat sie uns gut unterhalten, hat nun aber auch ihre Sternstunde. Ihr Solo „Dies Sturmgewitter“ wird mit der lauthalsigsten Begeisterung des Abends belohnt. Zurecht! Gerben Grimmius (Schah / Edgar Thorpe), Wolfgang Höltzel (Avicenna / Fritta) und Mathias Meffert (Quandrasseh) in weiteren Schlüsselrollen verdienen ebenfalls Erwähnung.

Musikalisch setzt der spanische Der Medicus auf old-schooligen Musicalsound. Mit vielen sehr dramatischen, orchestralen Balladen bekommen vor allen Dingen Fans von „Les Misérables“ oder „Das Phantom der Oper“ das, wonach sie Ausschau halten. Das wirkt 2026 zwar manchmal einen Hauch altbacken, ist aber wohlig dosiert doch angenehm zu hören. Im zweiten Akt häufen sich zwar die „Alles ist so tragisch“-Momente etwas, sodass etwas weniger Tränendrüse und Pathos gutgetan hätten, aber das ist kein allzu großer Abzug im Gesamtbild. Inhaltlich wird für ein Musical nämlich genug erzählt, sodass es sich lohnt, wachsam zu bleiben, um dem Plot aus dem 11. Jahrhundert, der zumindest in Teilen auch heute noch Parallelen aufweist, zu folgen und mitzufiebern.

Eine kleine Überraschung. Der Medicus ist sicherlich nicht das Stück, das allein durch seinen bloßen Namen, Musicalanhänger*innen begeistert, aber dann am Ende doch viele positive Eindrücke hinterlässt. Erneut ein großes Kompliment an die Menschen, die sich immer wieder auch an weniger kommerzielle Werke wagen – wir sind nun umso gespannter, ob das zunächst ähnlich irritierende „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett in der Saison im nächsten Jahr als Musicaladaption ähnlich überzeugt.

Weitere Termine:
25.7., 26.7., 30.7., 31.7.
8.8., 9.8., 13.8., 14.8., 22.8., 23.8., 27.8., 28.8.
3.9., 4.9., 5.9., 6.9., 11.9., 12.9., 13.9.
Vorstellungen am Donnerstag, Freitag, Samstag jeweils um 20 Uhr,
Vorstellungen am Sonntag um 19 Uhr

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Foto von Christopher Filipecki

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