Plattenkrach: Biffy Clyro – Infinity Land

Plattenkrach Biffy Clyro Infinity Land

Jonas liebt Biffy Clyro! Das kann man in der fünften Runde unseres Plattenkrachs kaum überlesen. „Infinity Land” ist das dritte Studioalbum der Schotten und hat schon 14 Jahre auf dem Buckel! Ob der schräge Alternative-Rock den Ohren unserer pop-affinen Alina gefällt? Ein Album, zwei Stellungnahmen, ein Text. Jonas sagt dazu:

Als ich im Jahr 2013 auf die britische Rockband Biffy Clyro und ihre im Rahmen ihres dritten Albums erschienenen Musikvideos von „My Recovery Injection“ und „Glitter and Trauma“ stieß, verbreitete sich zunächst Verwirrung. Was zur Hölle macht diese absolut simple Gitarre da und wie harmoniert die bitte mit der Bassline in erstgenanntem? Wie kann eine Band so disharmonisch und doch so melodiös gleichzeitig klingen, ja gar innerhalb kürzester Zeit zwischen markerschütterndem Gekreische und Indie-Party schwanken? Und woher stammen die Ideen für diese abgedrehten Musikvideos? Ich hatte so viele Fragen.

Wirklich klar kam ich auf die chaotische Musik des Trios erstmal nicht. Trotzdem zog es mich immer wieder in den Strudel der Songs, sodass die komplette Platte doch kurze Zeit später über die Musikplattform eines bekannten amerikanischen Download-Anbieters gekauft wurde. Bis heute beschäftigt mich der musikalische Cocktail, den Biffy Clyro auf ihrem Drittling und leider viel zu selten gelobten Meisterwerk „Infinity Land“ darbieten. Klangen die Schotten auf ihrem ersten Album aus dem Jahr 2002 noch wie eine vertracktere Version von Nirvana, so befreite sich bereits der Nachfolger „The Vertigo of Bliss“ von jeglichen Genregrenzen und -vorschriften. Schon ein Jahr später würde die Gruppe ihre Grenzen noch ein weiteres Mal austesten, bevor man sich geordneterem Stadion-Rock zuwandte. Mittlerweile haben Biffy Clyro nicht weniger als sieben Studioalben veröffentlicht.

Lass uns kurz zu Track zwölf springen. Dieser trägt den Titel „The Weapons Are Concealed“ und schwankt zwischen „Schlag den Raab“-Einspieler und treibendem Rock-Refrains. Hier zeigt sich bereits, wie wenig sich die Band um Konformität und Konventionen schert. Kurz vorher kreischt Frontmann Simon Neil in „There’s No Such Thing As a Jaggy Snake“ mit den schrillen, fast orientalisch klingenden Gitarren um die Wette – ganz ohne Refrain, erst in 4/4-, dann in 5/4- und später auch mal im 6/4-Takt. Leitet das knapp 90-Sekündige Intro „There’s Such Man As Crasp“ das Stück erst mit harmonischen Chören ein, erwartet den Hörer hier das komplette Chaos und die musikalische Genialität, die Biffy Clyro auf „Infinity Land“ verkörpern und vertonen. Schielt „Wave Upon Wave Upon Wave“ mit seinem eingängigen Mitgröhl-Refrain schon in Richtung Stadion, darf das bereits erwähnte „Glitter and Trauma“ die gut 70 Minuten andauernde Platte zunächst mit Elektro-Geblubber, dann mit Krach und dissonanten Riffs, Betonungswechseln und Schrei-Part am Ende einleiten.

Immer wieder gönnt die Band den Hörern zwischen den dissonanten und lauten Riff-Passagen Erholungspausen. So auch im sich fix zu einer poppigen Tanz-Nummer entwickelnden „Only One Word Comes to Mind“. Wie rasant, gleichzeitig aber gekonnt Biffy Clyro von sehr ruhig zu sehr laut leiten können, zeigt sich nicht nur hier. Nie hat man das Gefühl, man fände eine lose Aneinanderreihung von Songteilen vor. Selbst wenn ein Stück letzten Endes gar auf Pop-Strukturen verzichtet, fühlt sich dieses wie eine absolute Einheit an. So endet die Nummer im wohl heftigsten Riff-Ausbruch der ganzen Platte – und das obwohl man zu Beginn das Gefühl hatte, einem sei hier mal die wohlverdiente Pause gegönnt.

Biffy Clyro waren schon immer ein wandelndes Chamäleon, das sich seiner Wurzeln sehr wohl bewusst ist. Auf „Infinity Land“ reizt das Trio diese Fähigkeit bis aufs Letzte aus und erarbeitet die – aus meiner Sicht – kreativste und vielschichtigste Rock-Platte der vergangenen zwanzig Jahre. Viele der Fragen, die mich damals beschäftigten, lassen sich mittlerweile wohl am einfachsten beantworten, indem man anerkennt, dass die drei Jungs hinter Biffy Clyro einzigartige musikalische und kreative Visionen haben, aus denen dann derart abgedrehte Gesamtwerke entstehen können. Man muss eben nicht immer nur auf einer Hochzeit tanzen, sondern kann seine Einflüsse einfach mal frei zulassen. Oft entstehen dann die freiesten Endergebnisse.

Und Alina entgegnet:

Ich muss gestehen, dass ich von Biffy Clyro bis dato keinen einzelnen Song kannte, geschweige denn überhaupt von deren Existenz wusste. Und das, obwohl die Band mittlerweile bereits so lange besteht, wie ich auf der Welt bin und wahrscheinlich mehr Alben veröffentlicht hat als die meisten Künstler, die ich so höre. „Infinity Land” ist aus dem Jahre 2004 und laut Google „eines der pop-lastigsten Alben“ der Rockband.

Bereits auf dem ersten Track des Albums „Glitter & Trauma“ wird deutlich, dass die Band in ziemlich vielen Genres unterwegs ist, was sich stringent durch alle dreizehn Songs zieht. Ein bisschen Rock hier, ein bisschen Metal da, dann mal wieder ein paar Popsequenzen und ein bisschen Alternative. Wie man das eigentliche Genre benennen mag, bleibt wohl ungeklärt. Rockband klingt ja immerhin auch noch cooler als alles andere. Immerhin schaffen es Biffy Clyro nach über einer Minute Einspieler endlich auch mal gesanglich in den Song einzusteigen und das ist gar nicht so schlecht. Gar nicht so schlecht bedeutet aber auch, dass man sich wahnsinnig auf den Gesang konzentrieren muss und die Instrumente versuchen sollte auszublenden, sonst bekommt man da nicht wirklich viel von mit.

Bei den Songs „Strung To Your Ribcage“ und „Wave Upon Wave Upon Wave” präsentieren die Drei dann eben dies, was mir an Rock-Musik – oder ist es dann schon Metal? – so überhaupt gar nicht gefällt: dieses unsinnige Gekreische, bei dem einen wirklich die Ohren bluten und man sonst eigentlich nur den Bass vernehmen darf. Mir fehlt es da ein bisschen am Melodischen und Harmonischen und den Sinn habe ich dahinter wohl auch noch nicht ganz verstanden. Generell empfinde ich die Instrumente in vielen der Songs als äußerst störend. Bei Tracks wie „Got Wrong“ ist der Gesang vollkommen in Ordnung und auch die Lyrics sind äußerst raffiniert. Bis man auf diese allerdings einmal wirklich achtet, braucht es seine Zeit. Meiner Meinung nach zerstören die Instrumente ein wenig das Gesamtpaket und dominieren viel zu viel.

Generell sind die Arrangements der Platte sehr gut durchdacht. Das Album bietet aber so viele Variationen, dass es einfach zu viel erscheint. Es fehlt an einer gewissen Stimmigkeit, die sich durch das Album zieht und den roten Faden bildet. Ein gutes Beispiel dafür stellt vor allem das Lied „There’s No Such Man As Crasp“ dar, bei dem ich zunächst dachte, Spotify hätte random einfach etwas anderes abgespielt. Auch wenn der Song keine zwei Minuten geht, passt er überhaupt nicht in das Konzept des Albums hinein und klingt vor allem nicht nach einer Band, die seit über zwanzig Jahren Musik macht.

Insgesamt fehlt es mir bei „Infinity Land“ zu sehr an Melodie, Harmonie und Stimmigkeit. Ich kann den Stil der Band bei anderen Alben nicht beurteilen, aber wenn ich einen Song der Band im Radio hören würde, wüsste ich jetzt definitiv noch immer nicht, wer da gerade singt. Für mich ist da kein großer Unterschied zu Bands, wie den Foo Fighters oder Jimmy Eat World. Aber das mag wahrscheinlich auch meinen absolut mangelhaften Kenntnissen in diesem Genre zuzuteilen sein. Von den Arrangements her ist das Album allerdings sehr raffiniert und gut gewählt. Erstaunlich gut haben mir die Tracks „The Atrocity“, „Some Kind of Wizard“ und „Only One Word Comes to Mind“ gefallen.

Das Album „Infinity Land” kannst du hier kaufen.*

Und so hört sich das an:

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Die Rechte für das Albumcover liegen bei Beggars Banquet/Beggars Group.

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