Interview mit Citizen über „Life In Your Glass World“

Im Gespräch über das neue Album seiner Band Citizen gibt Mat Kerekes Auskunft über Stilwandel, tanzbare Grooves und Studios in Garagen.

Eine der wichtigsten Bands des Emo-Revivals der 2010er Jahre sind Citizen. Die Gruppe um Sänger Mat Kerekes feilt seit ihrem Debütalbum „Youth“ stetig an ihrem Sound und veröffentlicht nächste Woche ihre vierte Platte „Life In Your Glass World“, die erneut in vielerlei Hinsicht eine Weiterentwicklung für die Band darstellt. Mit Mat haben wir uns über Entstehung und Bedeutung des Albums sowie über seine Sicht auf die Karriere der Band unterhalten. Viel Spaß!

minutenmusik: Album Nr. 4 kommt endlich raus, nachdem es bereits seit einigen Monaten fertig rumliegt. Ist das bei euch die übliche Wartezeit oder hat sich coronabedingt alles nochmal verzögert?

Mat: Ich glaube, es ist seit März 2020 fertig. Soweit ich mich erinnern kann, dauert das sonst nicht so lange. Der ursprüngliche Plan war, es im Januar fertigzustellen und im Frühling zu veröffentlichen. Aber bereits vor Corona kam es beim Aufnahmeprozess zu einigen Verzögerungen. Und dann kam das auch noch obendrauf.

minutenmusik: Wie lang habt ihr also letztendlich an den Songs gearbeitet? Und was ist seit der letzten Platte überhaupt bei euch passiert? Ihr seid ja nun zwei Leute weniger.

Mat: Wir haben im Juli/August 2019 angefangen zu schreiben. Citizen funktioniert am besten, wenn wir unter Druck arbeiten – sobald es Zeit für ein neues Album ist, schreiben wir schnell drauf los. Ich hab einige Musiker-Freunde, die jeden Tag einen Song schreiben, so geht das bei mir nicht. Das hab ich mal versucht, endete aber schrecklich. Dass Jake und Ryland nicht mehr dabei sind, hat persönliche Gründe. Es gibt eben noch andere Dinge im Leben, die nichts mit Musik zutun haben, wie zu heiraten oder ans College zu gehen. Wie Corona uns gerade besonders deutlich spüren lässt, ist Musik eben nicht gerade die wichtigste Sache.

minutenmusik: Aufgenommen habt ihr diesmal nicht in einem klassischen Studio, sondern in deiner Garage. Hast du keine Nachbarn, die dich dafür hassen?

Mat: Ich hab meine Garage umfunktioniert bzw. eine zweite Garage hineingebaut. Nachdem ich einiges investiert und viel über Schallschutz gelesen hatte, hat das richtig gut funktioniert. Wir konnten wirklich um drei Uhr nachts dort aufnehmen und niemand konnte uns hören. Dort haben wir alles eingespielt, auch die Drums, die ich diesmal übernommen habe. Normalerweise machen wir das alles mit und bei Will Yip in Pennsylvania, den wir natürlich immer noch lieben. Aber nachdem wir drei Alben zusammen gemacht haben, wurde es Zeit für Veränderung. Es war entspannt, diesmal während des gesamten Prozesses zuhause zu sein. Durch diese Freiheit hat dann auch alles etwas länger gedauert, da es Tage gab, an denen ich einfach keine Lust hatte, an der Platte zu arbeiten. Wir haben ein paar Wochen unterbrochen, weil ich quengelig war (lacht).

minutenmusik: Die Umstände gaben euch wahrscheinlich wiederum die Freiheit, über alles ein bisschen länger nachzudenken?

Mat: Bei diesem Album ist es eigentlich gerade wichtig gewesen, nicht zu viel zu denken. Wir wollten unserem Instinkt vertrauen und die Dinge nicht zerdenken. Es sollte sich alles natürlich anfühlen und durch die neue Umgebung und andere Herangehensweisen führte das auch zu mehr Abwechslung. Dadurch, dass wir die Songs diesmal mit den Drums begonnen und den Rest drumherum gebaut haben, wurde es zum Beispiel deutlich tanzbarer. Und die Texte kamen dann zuletzt noch hinzu. Das haben wir früher ganz anders gemacht, da haben wir alles auf Akustikgitarren geschrieben und das Texten lief parallel.

minutenmusik: Hast du das Gefühl, dass die neuen Texte durch diesen Workflow spürbar anders geworden sind?

Mat: Ich habe zumindest versucht, nicht zu kryptisch zu sein. Ich will nicht konstruiert artsy und cool klingen, sondern ungefiltert sagen was ich denke. Und da die Musik diesmal ein Stück direkter geworden ist, sollten es die Texte auch sein.

minutenmusik: War das für dich zu Beginn eurer Karriere auch schon so? Als ihr im Rahmen des Emo Revivals aufgekommen seid, drehte sich ja alles um bestimmte Inhalte, die auch sehr viele Bands bedient haben.

Mat: Das war auch damals schon nicht gezwungen. Wir kamen mit „Youth“ einfach zur richtigen Zeit. Ich hatte gerade eine Trennung hinter mir und dann ein ganzes Album darüber geschrieben. Bei „Everybody Is Going To Heaven“ ging es viel um Selbstreflexion, und bei „As You Please“ schließlich um das Leben nach dem Tod. Ich mache schon immer nur, was ich fühle. Gegen Ende der „As You Please“ Tourneen war ich dann ein bisschen genervt davon, in einer Band zu spielen. Ich meine, in einer Band zu sein ist super, aber das ganze Drumherum – dass zum Beispiel Leute, die nie mit auf Tour fahren müssen, mir sagen wie oft ich auf Tour zu sein habe und über mich bestimmen wollen – das hat mir meine Energie geraubt. Mit dieser Platte war es mir wichtig, die Kontrolle zurückzugewinnen. Ich wollte klar sagen: Fickt euch, ich mache was ich will. Und das fühlt sich gerade sehr gut an.

minutenmusik: Gibt es Bands, die euch diesmal dabei beeinflusst haben? Die erste Single „I Want To Kill You“ wird ja häufiger mit Bloc Party verglichen.

Mat: Ich höre immer viel Modest Mouse. Oder auch Gang Of Four und The Replacements, die auch diese tanzbaren Elemente hatten, die wir jetzt haben. Der Bloc Party-Vergleich kam wirklich oft und ist lustig, weil ich die Band überhaupt nicht höre. Aber Nik liebt sie, also vielleicht kommt es irgendwie daher, auch wenn die Songideen meistens aus meiner Feder stammen. Würde ich Bloc Party häufiger hören, würde ich sie sicher auch mögen.

minutenmusik: Fühlst du dich in solchen Situationen manchmal missverstanden?

Mat: Nein, Quatsch. Die Leute vergleichen halt alles mit anderen Dingen. Wenn Taylor Swift was veröffentlicht, vergleichen sie es vielleicht mit Halsey oder so, keine Ahnung. „Das ist klasse!“ hört man selten, meistens heißt es: „Das klingt wie XY!“ Ich weiß auch, dass ich das Rad nicht neu erfinde. Ich nehme Sachen, die ich mag und mache meine eigene Version daraus. Vielleicht hört man das dann auch, aber das ist mir doch egal. 2013 hat mich sowas schon noch geärgert. Als wir zum ersten Mal wirklich Aufmerksamkeit bekommen haben und dann ständig mit Bands verglichen wurden – da war ich noch sauer.

minutenmusik: Macht ihr euch über Erfolg und nächste Ziele Gedanken?

Mat: Gar nicht. Citizen sollte nie ein Job oder eine Karriere werden. Einer der Hauptgründe, weshalb die Band für uns immer funktioniert hat, war, dass sie so instinktgeleitet ist. Nichts war länger geplant und das hat gut geklappt. Die Möglichkeiten, die wir bekamen, kamen von allein. Ich will auch nicht reich und berühmt sein und in einer Villa wohnen. Solange ich hier in Toledo (Ohio) mein Haus und meine kreative Freiheit habe, bin ich sehr cool damit.

minutenmusik: Und das merkt man auch: Du hast gerade einen neuen Onlineshop gelauncht, über den du mit deiner Freundin selbstgebastelte Utensilien verkaufst. Das entstand aus einer kreativen Laune heraus, nehme ich an?

Mat: Absolut. Und das Coolste am Kreativsein ist, es mit Leuten zu teilen. Natürlich gibt es einem selbst auch schon was, aber es gibt nichts Cooleres als den Moment, in dem andere Leute begeistert von etwas sind, das du gemacht hast. Deshalb ist die Musik auch gerade dann so erfüllend, wenn jemand zu mir kommt und sagt, dass sie ihm etwas gibt. Ich habe großes Glück, in dieser Situation zu sein.

minutenmusik: Was steht nun als nächstes für Citizen an? Arbeitet ihr weiter an Songs oder wartet erstmal aufs Touren?

Mat: Wir würden als nächstes schon gern Touren. Das Album haben wir auch erst, in der Hoffnung zum Release wieder touren zu können, zurück gehalten. Aber man kann es ja auch nicht ewig schieben. Wir haben bislang nichts Neues geschrieben und, dass man dieses fertige Album in der Hinterhand hat, ist auch ein bisschen wie eine mentale Blockade. Sobald es erschienen ist, wird sich das vielleicht wieder ändern. Jetzt gerade ist Musik machen ungefähr das Letzte an das ich denke.

minutenmusik: Wähle zum Abschluss bitte noch zwei der neuen Songs aus: Einen, dem du einem Oldschool-„Youth“-Fan ans Herz legen würdest und einen, den du Hörern empfiehlst, die besonders von „As You Please“ begeistert waren!

Mat: Die Leute, die das Album schon gehört haben, sagen häufig, dass der Titelsong „Glass World“ nach „Youth“ klingt. Für mich ist aber eher „Thin Air“ eine gute Brücke – der erinnert mich irgendwie an unsere alten Sachen. Den „As You Please“-Fans würde ich den Opener empfehlen, „Death Dance Approximately“.

minutenmusik: Und dein Lieblingsmoment auf der Platte?

Mat: Was ich wirklich liebe ist das Ende des letzten Songs, „Edge Of the World“. Ich erinnere mich noch an den Moment, in dem wir den geschrieben und aufgenommen haben. Nachdem alle abgehauen sind, hab ich noch ein bisschen auf meinem Keyboard geklimpert und ein paar geile Ambient-Sounds entdeckt, die ich noch ergänzen wollte. Nachdem das passiert war, hab ich Sport gemacht und den Song dabei gehört – auf dem Endteil waren zu diesem Zeitpunkt noch keine Lyrics. Dann kamen mir plötzlich diese letzten Zeilen in den Kopf und ich bin zurück ins Studio gerannt und hab sie innerhalb von fünf Minuten ergänzt. In so einem Moment denkt man sich: Das ist eine zu gute Idee, um das jetzt nicht zu machen. Und dann erst war der Closer WIRKLICH fertig.

Das Album bekommst du hier (Vinyl) und hier (digital).*

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