Interview mit Mia Morgan über „Fleisch“

Deutschsprachiger Pop mit großer Geste, tiefgründigen Texten und internationalem Flair – das war lange eine Seltenheit, ist seit ein paar Jahren aber immer mehr im Kommen. Der Grund dafür: Eine neue Generation von Musiker*innen, zu denen unter anderem auch Mia Morgan gehört. Mit „Fleisch“ hat sie nach ihrer ersten EP „Gruftpop“ nun endlich ihr Debütalbum veröffentlicht und ist damit schon wenige Tage nach Release in ihre erste Headlinerinnen-Tour gestartet. Wir haben die Künstlerin vor ihrem Konzert in Dortmund getroffen und mit ihr über die Platte, Twitter und TikTok, Diversität in der Musikbranche und die Millennial-Generation gesprochen. 

minutenmusik: Mia, du hast in den letzten Tagen die ersten Konzerte deiner ersten richtigen Headlinerinnen-Tour gespielt – wie fühlt sich das an?

Mia Morgan: Das ist tatsächlich gestern Abend so richtig bei mir angekommen. Aber auch nicht final, sondern für so einen kurzen Moment. Man macht das einfach und es passiert sehr schnell. Diese Tage sind ja auch immer sehr fix: Du wachst morgens auf, fährst Auto, bist da und denkst, es ist erst 15 Uhr, aber ehe du dich versiehst, musst du dich total beeilen, weil die Show bald losgeht. Das zieht schon krass an einem vorbei. Gestern auf der Bühne in Dresden hatte ich so einen kurzen Moment, wo ich das wie von außen gesehen habe und gehört habe, wie die Leute mitsingen. Und da kamen mir auch instant die Tränen, weil ich da gecheckt habe: Die sind ja wegen mir da. Ich hatte auf allen bisherigen Support-Touren gute Erfahrungen, aber trotzdem ist es natürlich etwas anderes, wenn man weiß, dass die Leute wegen dir selbst da sind und sich aktiv für dich ein Ticket gekauft haben.

minutenmusik: Bislang hast du ja oft alleine auf der Bühne gestanden – jetzt hast du eine Live-Band mit dabei. Warum hast du dich jetzt dafür entschieden?

Mia Morgan: Am Anfang war das in erster Linie eine Vertrauensfrage. Ich habe Musik immer als etwas sehr Intimes betrachtet, was nur für mich war und dann irgendwann zwischen mir und Max Rieger und vielleicht ein paar Freund*innen. Das war immer ein sehr privates Ding, wo ich dachte, wenn ich das in andere Hände gebe, dann gebe ich da etwas von ab und es verliert vielleicht an Wert oder wird sich in eine Richtung verändern, die mir nicht gefällt. Das war der erste Grund. Außerdem ist es natürlich eine Geldfrage. Wenn man anfängt, sind die Gagen noch nicht hoch. Und nach zwei Jahren pandemischen Einschränkungen hat man immer noch keine guten Gagen, weil die Clubs ja auch keine Kohle mehr haben. Da muss ich also auch gucken, wie ich das überhaupt finanzieren kann. Deshalb bin ich auch die ersten Support-Touren in einem kleinen Wagen mit meiner besten Freundin gefahren und hatte meinen Laptop und meine E-Gitarre dabei und das war’s. Irgendwann kam dann noch ein DJ dazu, das war für mich so ein erster Schritt. Ich konnte mir auch immer nicht vorstellen, dass meine Musik mit Band noch geiler klingt. Aber ich habe mit der Zeit viel mehr Bock auf einen rockigeren Sound bekommen, weil das immer schon das ist, was ich eigentlich machen wollte. Und dann hat es sich irgendwann angeboten und ich habe Lukas von Lyschko an der Gitarre mitgenommen, der jetzt auch in meiner Band spielt. Dann haben wir uns zusammen hingesetzt und haben überlegt, ob und wie wir eine Live-Band auf die Beine stellen können. Die habe ich dann gecasted und super viel Glück mit den Leuten gehabt. Dadurch ist der Sound jetzt viel geiler und man hat viel mehr Möglichkeiten, dem Publikum eine gute Show zu bieten. Dann ist es aber auch dieses Reisegefühl auf Tour für mich, ich habe dadurch ganz viel Verantwortung und Stress abgeben können. Und ich habe Freund*innen dazu gewonnen und das ist eigentlich das Wertvollste daran.

minutenmusik: Wenn man dich schon mal live gesehen hat, dann kannte man einige Songs des Albums schon vorab – vor allem „In Wien“ oder „Blond“. In welchem Zeitraum sind die Songs oder das Album generell entstanden? Denn manche spielst du ja schon seit einigen Jahren live.

Mia Morgan: Ich habe gar nicht richtig versucht, für ein Album zu schreiben, sondern einfach Songs geschrieben und dann geguckt, welche zu „Fleisch“ passen und welche zusammenpassen vom Sound und vom Text her. „In Wien“ und „Blond“ hätte ich schon auf die EP packen können, die waren zu dem Zeitpunkt schon fertig, aber irgendwie dachte ich, die sind für das Album besser geeignet. Einfach weil die nicht so ganz in die Themenwelt von „Gruftpop“ passen und auch der Sound hat nicht gepasst. Das waren auch zwei Werke, an denen ich ein bisschen länger gearbeitet habe, als an anderen Songs. Manche sind wirklich direkt fertig gewesen. „Schönere Frauen“ zum Beispiel, den hab ich wirklich an einem Tag geschrieben und am nächsten aufgenommen. Aber andere Songs sind wirklich längere Projekte gewesen, dazu zählen eben „In Wien“ und „Blond“ und jetzt war einfach die Zeit für die, auf das Album zu kommen. Und ich finde es lustig, weil dadurch, dass ich die live gespielt habe und Leute, die auf meinem Konzerte kommen, die Songs kennen, sind das so Fan-Favorites. Aber für mich persönlich sind das im Albumkontext die schwächsten Nummern. Gar nicht weil es schlechte Songs sind, aber ich finde zum Beispiel, „In Wien“ ist mit die schwächste Nummer auf der Platte. Das ist zwar ein guter Song, aber der knallt nicht so.

minutenmusik: Ich habe über das Album geschrieben, dass es „Eine Coming-Of-Age-Geschichte über das Jungsein, Frausein, Anderssein“ ist. Wie würdest du das Album in einem Satz beschreiben?

Mia Morgan: Genau so. Ich singe ja auch in Segen „Das fleischliche, weibliche, begreifliche“ und ungefähr so meine ich das auch. Es geht um Körperlichkeiten, um Frausein, um Jungsein und dieses ekelhafte Großwerden und Aufwachsen. Nicht dieser von den Medien verherrlichte, romantisierte „vom Mädchen zu Frau“-Scheiß, sondern das Monströse im Weiblichen und das Monströse im Menschlichen und die dunklen Seiten, darum soll es gehen. Und zum Beispiel auch um paradoxe Seiten von Freundschaften und Beziehungen und auch vom Selbstbild. Es ist ja wirklich viel weniger Romance als auf der „Gruftpop“-EP. Das ist so eine Art Liebeskummer-Platte und „Fleisch“ ist viel mehr Ich, es geht alles von mir aus und ich lasse mir von anderen Leuten nichts großartig antun.

minutenmusik: Generell verarbeitest du ja auf den Songs der Platte bestimmte Situationen und Lebensphasen oder auch Krisen. Wie kannst du das Songwriting in solchen Momenten vielleicht auch für dich nutzen?

Mia Morgan: Die meisten Themen auf „Fleisch“ sind für mich schon länger abgehakt. Ich meine, ich werde bald 30 und das sind so Songs über das Teenagersein. Abgehakt in dem Sinne, dass sie vorbei sind und ich meine Lektion gelernt habe – aber nicht in dem Sinne, dass ich nicht mehr drüber nachdenke, sonst würde ich ja keine Songs darüber schreiben. Ich schreibe sehr viel über mich und mein Leben, auch in meinem Tagebuch oder manchmal in der Notes-App, da tippe ich einfach kurz runter, wie es mir geht. Denn ich habe irgendwann dieses Main-Character-Syndrom entwickelt, wo ich alles in meinem Leben wie in einem Buch sehen oder lesen muss. Und das sind hauptsächlich Kapitel aus meiner Jugend. Teilweise sehr autobiografisch, teilweise ein bisschen überspitzt, teilweise auch untertrieben oder beschönigt. Als mir das alles damals passiert ist, war ich natürlich erst mal überfordert und überwältigt. Aber ich habe schon damals gemerkt, dass ich kreativ damit arbeiten kann. Manchmal, wenn mir irgendwas schlimmes passiert, denke ich: Okay, kacke, aber ich kann kreativ damit arbeiten.

minutenmusik: Du hast gerade schon gesagt, dass die Themen der Platte dich vor längerer Zeit beschäftigt haben, du aber mittlerweile in einer anderen Lebensphase bist. Du gehörst zur Generation der Millennials, viele deiner Fans gehören aber zu Gen Z und sind vielleicht gerade in den Situationen, die du auf der Platte beschreibst. Fühlst du dich deshalb da ein bisschen zugehöriger? Auch durch deine Präsenz auf TikTok zum Beispiel.

Mia Morgan: Ich habe einfach ein großes mediales Interesse und fand es früher gruselig, mitzubekommen, dass meine Eltern irgendwann den Zeitgeist verloren haben. Ich glaube, ein Stück weit passiert das automatisch, wenn man mit Gleichaltrigen abhängt. Auch ich checke manche Trends nicht. Aber wenn man es genau nimmt: Wäre ich ein bisschen später geboren, wäre ich auch noch Gen Z. Und ich kann mich eigentlich auch gar nicht mit der Millenniall-Generation und dem Millennialtum identifizieren – mit dieser ganzen Tristesse. Ich finde es super, dass Gen Z diese Art von Nihilismus hat. Denen ist alles egal, sie sind viel aufgeklärter und wachsen in einer diverseren Gesellschaft auf, zumindest was die Repräsentation angeht. Trotzdem bin ich froh, dass ich in der Zeit Teenager war, in der ich es war. Ich hatte mein erstes Smartphone mit 18. Und das ist ein guter Marker für den Spirit meiner Jugend, finde ich. Klar, habe ich den ganzen am Computer gehangen, aber es war ein anderes Internet-Life als jetzt, man musste sich die Zeit einfach einteilen.

minutenmusik: Social Media spielt für dich als Musikerin ja auch generell eine große Rolle und du bist schon lange zum Beispiel auf Twitter unterwegs. Wie wichtig ist es für dich, da präsent zu sein?

Mia Morgan: Ich habe im Moment leider das Gefühl, dass insbesondere Instagram Künstler*innen gerade extrem einschränkt. Nicht nur mit Zensur von Fotos, wo Körper von Frauen zu sehen sind, sondern auch in der Möglichkeit, das als Portfolio zu benutzen. Es geht nur noch um die Produktion von schnelllebigem Content und die Creator dahinter interessieren niemanden mehr. Es gibt einfach keine Plattform mehr, die künster*innenfreundlich ist, freundlich für Leute mit Original-Content. So wie das Tumblr zum Beispiel früher war. Oder wie das Twitter sein sollte, wenn es nicht so zugänglich wäre für jeden. Denn wenn ich auf Twitter einen sehr persönlichen Post mache und ein Selfie dazuposte, dann habe ich fünf mal Karl-Heinz, die mich da drunter beleidigen. Twitter ist einfach kein Safe Space. Du kannst zwar posten was du willst, aber du hast dann auch 30 Leute, die nachher auf dich drauf gehen. Wenn ich die Twitter-App schließe, habe ich immer das Gefühl, ich muss mir mental die Hände waschen.

minutenmusik: Um nochmal zu deinem Album zurückzukommen: Du hast gesagt, dass du gar nicht konkret für das Album Songs geschrieben hast, sondern eher geschaut hast, was zusammenpasst. Hatte dieser Prozess dann auch ein bisschen was von einer Art Selbstfindungsprozess von dir als Künstlerin?

Mia Morgan: Das war weniger eine Themenfrage, als eine Soundfrage. Denn ich habe schon während der Produktion der „Gruftpop“-EP gemerkt, dass ich es etwas rockiger und poppiger haben will und vor allem noch ein bisschen unkonventioneller. „Waveboy“ ist ja quasi das Flagship von meinen Songs und ich weiß, dass es der Lieblingssong der Leute ist, weil es der erste war und weil er sehr konventionell nach einem deutschen Indie klingt. Aber für mich war es immer so, dass ich eigentlich großen Pop machen will. Ich will eigentlich das machen, was in Deutschland keiner macht: Marina, Florence, Kim Petras, so was. Und bei dem Album habe ich mir das ganz klar als Ziel gesetzt und meinem Empfinden nach auch geschafft. Mir wird auch oft gesagt, dass meine Musik zu schlagerhaft klingt. Aber nimm doch mal einen Chorus von einem Britney-Song aus 2007. Wenn du das auf deutsch übersetzen würdest, dann würde das auch nach Schlager klingen. Ich habe da aber auch kein Problem mit. Ich weiß nicht, was die Leute sich auf die vermeintliche Coolness einbilden, die damit einhergeht, keinen Schlager zu hören. Es gibt saugeile Helene Fischer-Songs. Klar, ist die Musik oft simpel. Aber mit simpler Musik hat man auch einfach mehr Freiheiten. Wenn mein Gitarrist nur drei easy Chords greifen muss, kann er auf der Bühne ein bisschen mehr tanzen und ich kann auch mehr mit meiner Stimme experimentieren. Musik fühlt sich dann einfach nicht mehr wie Mathe an sondern wie eine Party.

minutenmusik: Ein paar Songs haben sich ja auch ein bisschen verändert – „Blond“ zum Beispiel hat einen neuen Chorus bekommen. Wie kam es dazu?

Mia Morgan: Die Überlegung dabei war, dass wir keine Downer auf dem Album wollten. Und dann haben wir uns gefragt, wie man den Song so gestalten kann, dass er sich in einem durchzieht. Das war tatsächlich Max Riegers Idee und ich bin dann einfach direkt hooked gewesen.

minutenmusik: Einen Song vermissen glaube ich viele deiner Fans auf der Platte: „Wiedergänger“. Den hast du eine Zeit lang immer live gespielt. Warum hat es der Song nicht auf das Album geschafft? Hat der nicht drauf gepasst?

Mia Morgan: Der existiert einfach gerade nicht. Ich hatte den in so einer 80s-Version, dann hatte ich den in so einer Farin Urlaub Racing Team-Version, dann in einer Billie Eilish-Version – aber die haben mir alle nicht gefallen. Das ist so ein Song, an dem ich mir krass die Zähne ausbeiße. Und wenn die Leute danach fragen, denke ich mir immer so: Willst du einen guten Song oder willst du einfach nur einen Song, der „Wiedergänger“ heißt und die Melodie hat? Manchmal weiß man, man hat etwas Gutes, aber man wird dem einfach noch nicht gerecht. Ich habe wirklich viel probiert und alles, was dabei rausgekommen ist, war nicht so gut wie der Rest der Platte. Und wenn dieser Song kommt, muss es geil sein. Ich weiß, die Leute warten auf „Wiedergänger“. And it’s gonna happen. Der braucht einfach noch eine Weile und irgendwann ist er dann da, denke ich.

minutenmusik: Was ist dein größtes Ziel oder dein größter Wunsch für die Zukunft?

Mia Morgan: Dass ich die gleichen Säle ausverkaufe wie meine männlichen Kollegen. Weil ich einfach finde, dass es dafür an der Zeit ist. Nicht nur aus Prinzip, weil eine Frau das machen muss, sondern weil ich mir auch einfach ein Publikum wünsche, was das supported. Nicht nur wegen „Girls support Girls“, sondern weil die Musik geil ist. Und auch dass die Leute es ernst nehmen, was ich mache. Dass man nicht in irgendeine Schublade gesteckt wird, sondern dass die Leute einem den Freiraum geben zu experimentieren. Ich würde gerne alle erdenklichen großen Festivals mitnehmen, selber bei Rock am Ring spielen zum Beispiel. Nicht mal, weil ich das Festival so geil finde, sondern einfach, um es denen zu beweisen. Ich will es mir einfach möglich machen, dass ich meinen Platz da finde, wo ich mich selber ausdrücken kann, wo ich mich wohlfühle und wo ich wahrgenommen werde, wie ich wahrgenommen werden möchte.

Hier geht’s zur Rezension von „Fleisch“

Und so hört sich das an:

Facebook / Twitter / Instagram

Beitragsbild: Max Sand

* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert