Wann genau endet eigentlich die Weihnachtssaison? Mit dem 2. Weihnachtstag am 26.12.? Silvester? Irgendwas zwischen beiden Tagen? Oder erst am 6.1. mit dem Besuch der Heiligen Drei Könige? Wir wissen es doch auch nicht! Was wir aber wissen: Wer nach dem großen Vollmampfen an den drei Weihnachtsfesttagen immer noch nicht genug von dem Besinnlichsten aller Feiertage hat, kann direkt im Anschluss die Atmo ein wenig verlängern, nämlich mit Eine Weihnachtsgeschichte in Köln.
Schon seit Anfang November wird Groß und Klein mit der Musicaladaption des Klassikers nach Charles Dickens in Stimmung gebracht. Nach der Premiere im Winter 2024 und Stopps in acht Städten, hat man 2025 expandiert: In Berlin läuft Eine Weihnachtsgeschichte schon seit dem 7.11. durchgängig bis zum 28.12. im gerade erst von der Blue Man Group verlassenen Blue-Max-Theater – in der restlichen DACH-Region muss man gut aufpassen, denn in den meisten der neun Städte hält man nur für eine Hand voll Vorstellungen. Köln bildet mit fünf Shows den Abschluss, einen Tag vor Silvester ist die Dernière.
Sowieso ist die Domstadt der einzige Ort in NRW, weswegen die erste Vorstellung am Samstagabend, dem 27.12., bis auf sehr wenige Plätze ausverkauft meldet. Seit Anfang 2025 zeigt ShowSlot, das Veranstaltungsteam hinter Eine Weihnachtsgeschichte, ihre Produktionen auch in der Kölner Motorworld. Dass gerade die Location es einigen Besucher*innen besonders schwer macht, ist schade wie unnötig. Doch dazu später mehr. Geschätzt sind über 1600 Menschen – darunter auch viele Familien – gespannt, wie die Story rund um Ebenezer Scrooge interpretiert und umgesetzt wird. Generell punktet ShowSlot nun auch im Christmas-Kosmos erneut mit einer kreativen Auswahl, von der wir schon oft geschwärmt haben („Musical Revolution“ , „Fack Ju Göhte“ , „Saturday Night Fever“ , „Rock of Ages“ , „Footloose“ , „Das Spongebob Musical“ , „Ghost – Nachricht von Sam“ ).
Darf man den Inhalt als vorausgesetzt einstufen? Eigentlich schon… ach, wir sind doch nicht so, somit kurze Zusammenfassung: Weihnachten, 1843, London. Alle sind in Festtagslaune. Alle, bis auf einen. Ebenezer Scrooge verleiht Geld an die Armen im Dorf, schließlich ist er steinreich und hat somit genug. Gleichzeitig ist er extrem geizig, weswegen sich die, die bei ihm Geld leihen, durch seine hohen Zinsen eigentlich nur weiterverschulden. Seinen Angestellten Bob nimmt er genauso aus – obwohl Bob hart arbeitet, hat er kein Geld, um seiner Familie zum Fest etwas zu schenken. Wenn es nach Scrooge geht, würde Weihnachten sowieso komplett abgesagt werden. Doch in der Nacht vor dem großen Fest der Liebe kommt ihm sein verstorbener Wegbegleiter Marley als Geist besuchen. Er möchte ihn eines Besseren belehren und hat drei Geister ausgewählt, die ihn in den nächsten Stunden heimsuchen, um ihm den Spiegel der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vorzuhalten und so das letzte Quäntchen Menschlichkeit aus ihm herausholen wollen…
Eine Weihnachtsgeschichte ist einfach so süß, nachdenklich, romantisch und märchenhaft, dass selbst nach fast zwei Jahrhunderten (!) der Stoff immer noch berührt. Gerade zu Weihnachten sind Traditionen ein Teil des cozy Settings, weswegen man sich auch auf Altbekanntes immer wieder gern einlässt. Die Tourproduktion holt besonders im Bühnenbild enorm viel raus. Für eine Inszenierung, die nur wenige Tage am Ort bleibt, ist das Setting außergewöhnlich aufwändig und hübsch. Das Londoner Feeling funktioniert richtig gut. Eine urige Gasse, in der links und rechts Häuser mit mehreren Ebenen stehen, die viele verspielte Details bereithalten – am Ende mittig folgt dann eine Leinwand, auf der es stimmige Visuals zu bestaunen gibt, die mal den Big Ben zeigen, mal abstrakte Bilder, um Kulissenwechsel anzudeuten. Schon zu Beginn der Aufführung schneit es von der Decke. Besser kann man ein Musical gar nicht starten.
Obwohl doch, denn leider hapert es am Sound in den ersten zehn Minuten gewaltig. Zu leise, zu blechern. Glücklicherweise kann das recht flott gefixt werden, sodass es nach anfänglichen Problemchen auch hinsichtlich des Gesangs eine starke Performance gibt. Die Cast bestehend aus 13 Menschen zeigt klassische, aber gut sitzende Choreografien in wirklich famosen Kostümen. Das Auge bekommt, so wie es sich für Weihnachten gehört, viele appetitliche Eyecandys zu Gesicht, darunter laufende Laternen, ein herrlich-schräges Truthahn-Outfit, Schneemänner, Schneefrauen und sehr viel mehr. Richtig schick. Ein Großteil der Besetzung muss hier zwischen einigen Rollen switchen, was ohne Auffälligkeiten routiniert vonstatten geht.
Star der Besetzung ist eigentlich niemand geringeres als Uwe Kröger. Der 61-jährige Ruhrpottler hat nicht weniger als deutsche Musicalgeschichte geschrieben, hat jedoch leider beim letzten Tourstopp in Köln Pause. Doch Zweitbesetzung Thomas Schreier macht seinen Job auch klasse, hat mit seiner fast durchgängigen Bühnenzeit ordentlich zu tun und darf schauspielerisch wie gesanglich viel zeigen. Sein Auftreten passt perfekt zur Rolle und in seinem großen Solo „Ich bitte um Entschuldigung“ haben bestimmt nicht wenige Musicalfans im Publikum Assoziationen zu „Die unstillbare Gier“ aus Tanz der Vampire im Kopf, was natürlich auch an der Friedhofsszenerie liegt. Übrigens der einzige sehr düstere Moment. Ansonsten ist Eine Weihnachtsgeschichte durchweg familienfreundlich.
Bei der Interpretation nach Michael Schanze, der für die auf der Tour leider vom Band und nicht live gespielte Musik zuständig ist und in Kooperation mit Christian Berg auch das Libretto geschrieben hat, stehen die Good Vibes klar im Vordergrund. So gibt es mit dem ersten Geist, der Scrooge besucht, ein ganz schön krasses Overacting. Paulina Wojtowicz zeigt im Tutu mit viel Glitzer einen eigenwilligen Geist, der sein Solo „Durchgeknallt“ äußerst wörtlich nimmt. Im Kopf bleibt es wohl dennoch. Besonders catchy ist jedoch der Song „Pfeif drauf!“, der mit vielen skurrilen Figuren auf der Bühne auch für den größten Applaus sorgt. Selbst wenn Eine Weihnachtsgeschichte musikalisch eher mittelmäßig performt, so fallen die nicht immer so starken Kompositionen im Gesamtbild nur geringfügig negativ auf. Schön sind die immer wieder eingestreuten englischen Weihnachtsclassics wie „Joy To The World“, die mit deutschen Texten dem Ganzen einen nostalgischen Zugang bieten.
Das Feeling, die Bühne sowie die Cast stimmen also und machen Eine Weihnachtsgeschichte zu einem mit 110 Minuten – unterbrochen von einer Pause – zwar sehr kurzen, aber dennoch dem Anlass entsprechenden Erlebnis. Wie jedoch eingangs erwähnt, wird das Erlebnis erheblich geschmälert. Nicht durch das, was auf der Bühne passiert, dafür aber durch alles, was drumherum passiert. Die Motorworld ist für Formel-1-Liebhaber*innen ein Paradies, stehen hier im Empfangssaal unzählige der bekanntesten Flitzer von Michael Schumacher, mehrere seiner Anzüge und weitere Sehenswürdigkeiten. Auch kulinarisch kann man sich vor oder nach der Show im vorzufindenden Restaurant von Steffen Henssler ansprechend verwöhnen lassen. Der Musicalbesuch wird hier also fast schon zur Messeausstellung.
Doch nun der Haken: Die Motorworld wird seit Anfang des Jahres von ShowSlot mit ihren Produktionen bespielt, was aber zumindest bei einer fast ausverkauften Veranstaltung mit dermaßen viel Publikum so gar keine gute Idee ist. In den Saal dürfen keine Jacken mit reingenommen werden – allerdings gibt es genau eine Garderobe, an der nicht wenige nach der Veranstaltung fast eine halbe Stunde anstehen, um ihr Kleidungsstück zurückzubekommen. Ähnlich riesige Warteschlangen bilden sich an der Getränkeausgabe sowie an den Toiletten und bringen mehrere Besucher*innen zu lauthalsiger Kritik. Weil sich der Einlass verzögert, beginnt die Show mit einer Verspätung von 20 Minuten. Am ärgerlichsten scheint jedoch für viele die Reihenbestuhlung zu sein. Im Parkett ist wohl ab der Mitte aufgrund des ebenerdigen Bodens die Sicht eingeschränkt. Die Tribüne am Ende des Saals sorgt mit Stufen zwar dafür, dass man ein wenig höher sitzt und über die Reihen hinwegschaut, andererseits befindet man sich jedoch im Optimalfall in Reihe 27 (!) von der Bühne aus betrachtet, im Worst Case sogar in Reihe 37, was selbst gute Augen enorm herausfordert. Die Gäst*innen strafen am Ende leider die Cast ab, indem sie aufgrund des unüberblickbaren Trubels schon direkt zum Beginn des Finales gehen. Locker ein Drittel des Raumes ist beim letzten Applaus nicht mehr anwesend. Hier bitte wirklich, so gut es möglich ist, nachjustieren oder ansonsten zurück ins Theater am Tanzbrunnen ziehen.
Goodbye, Christmas! Man sieht sich in zwölf Monaten wieder. Wer lockerleichte, liebevolle Musicalunterhaltung für jede Altersklasse sucht, macht mit Eine Weihnachtsgeschichte nichts falsch. Sollte die Tour aber 2026 im Capitol in Düsseldorf oder im Theater am Marientor in Duisburg halten, ist das für NRWler*innen die eindeutig empfehlenswertere Wahl.
Weitere Termine:
28.12. 14:00 Uhr, 18:30 Uhr
29.12. 19:30 Uhr
30.12. 18:30 Uhr
Und so sieht das aus:
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Foto von Christopher Filipecki
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Wir waren auch am 27.12.25 dort. Ich sass in der neunten Reihe und es war fürchterlich, ich habe nichts gesehen und über 100 Euro für das Ticket bezahlt. ich gehe definitiv nie wieder in die motorworld zu einer solchen Veranstaltung. ich bin in der Pause nach Hause gefahren, es war keine Chance, auf die Toilette zu gehen oder etwas zu trinken zu kaufen. Das war eine wirklich Unverschämtheit.
Hi Sylvia,
oh no – das tut mir echt leid für dich!
Ich habe leider mehrere solcher Kommentare in der Pause sowie nach der Vorstellung gehört.
Du bist mit deiner Wahrnehmung also nicht allein. Das bringt dir jetzt natürlich nur nicht mehr viel.
Trotzdem schade, dass du in der Pause gegangen bist, weil das Stück zumindest echt süß und liebevoll inszeniert war.
LG Christopher
Wir waren in der Vorstellung am 30.12.2025. Unsere Plätze in Reihe 20 aussen waren zwar nicht die Günstigsten, wonach ich auf eine bessere Sicht zur Bühne gehofft hatte. Es gab jedoch einen medizinischen Notfall, so dass sich die Pause verlängert hat, aber keine weiteren Infos vom Veranstalter bekamen. Da wir aus Lemgo angereist waren haben wir uns nach der Pause dazu entschlossen da schon abzufahren. Ich hätte gerne vom Eventmanagement Infos bekommen, wie es weitergehen würde. Leider nur einen Daumen nach unten
Auch keine so schöne Erfahrung… schade, das tut mir leid für euch, Manu!
Ich wünsche dir trotzdem ein frohes Neues und hoffe, dass du in 2026 viele tolle Events mitnehmen kannst!
VLG Christopher