Hello, Dolly!, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, 21.01.2024

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Wie alt ist eigentlich das Musical, die populärste Form des Musiktheaters? Wenn ihr euch das auch schon immer mal gefragt habt, kommt an dieser Stelle die Antwort: Rund 100 Jahre. Das ist vergleichsweise gar nicht so alt, aber definitiv alt genug, um bei sehr vielen Werken durchaus von „Klassikern“ reden zu dürfen. Besonders Shows aus der ersten Hälfte, also den ersten 50 Jahren, haben nur sehr vereinzelt überlebt. Klar, „West Side Story“ kennen wir alle, vielleicht noch „My Fair Lady“ oder „Cabaret“, aber dann hört es meist schnell auf. Vor exakt 60 Jahren, also 1964, fand Hello, Dolly! erstmalig den Weg auf die Bühne. Und das hat sich nun das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen zur Brust genommen, um einem weiteren, sagen wir fast vergessenen Classic neues Leben einzuhauchen.

Mit über 3600 Aufführungen gehört das von Jerry Herman (Musik, Text) und Michael Stewart (Buch) geschriebene Stück immer noch zu den 20 am häufigsten aufgeführten Broadway-Musicals. Lief also mehrmals richtig gut für den Zweiakter, der in Gelsenkirchen zunächst 70, dann 60 Minuten dauert. Bei uns kennen die meisten aber wenn überhaupt wohl eher die Verfilmung, die fünf Jahre später Premiere feierte, in der Megastars wie Barbra Streisand – die gerade durch ihren kurz vorher passierten Auftritt in dem Musical „Funny Girl“ die gefragteste Darstellerin Nummer 1 war – Walter Matthau und Louis Armstrong mitwirkten. Live gibt es Hello, Dolly! bei uns zwar schon recht regelmäßig, aber selten in einer aufwändigen Produktion zu sehen. Grund dafür ist womöglich, dass man sich einfach oft nicht traut, ein Stück zu spielen, das so viele Dekaden auf dem Buckel trägt und als nicht ganz zeitgemäß betrachtet wird. Wie schlägt sich da das schöne Theater im Ruhrgebiet, das erst vor wenigen Monaten mit „Tick, Tick… Boom!“ von Jonathan Larson ein nicht so bekanntes Musical aus dem Jahr 2001 ins Programm nahm und es wirklich ganz hervorragend umsetzte?

Bevor das Publikum das herausfinden darf, passiert etwas, was zunächst nicht viel mit Hello, Dolly! zu tun hat, aber dennoch an dieser Stelle Erwähnung finden muss: Dramaturgin Anna-Maria Polke betritt die Bühne, um zunächst klarzustellen, dass es allen Darsteller*innen gut geht und die Vorstellung wie geplant starten kann. Allerdings vertritt sie an dieser Stelle das Theater, um mitzuteilen, dass es kommenden Samstag in Gelsenkirchen einen „Bürgerdialog“ seitens der AfD gibt, zu der gleichzeitig eine Demonstration gegen das Vorhaben der rechtsextremistischen Partei geplant ist. Sie betont, dass das Theater ohne viele mitwirkende Menschen mit Migrationshintergrund nicht funktionieren könne, man deswegen als Institution für ein buntes und diverses Miteinander stehe und das auch so beibehalten möchte. Das gibt auf der einen Seite spontanen Szenenapplaus, aber auch Gemurmel. Einige halten sich einfach bedeckt, andere rufen Sätze wie „Soll sich jeder selbst ein Bild machen“ dazwischen. Da aber eben gerade auch in der Hochkultur eine politisch rechts einzuordnende Haltung nicht ausgeschlossen werden kann, ist dieses Statement an der Stelle so richtig wie wichtig. Großes Kompliment!

Der Nachteil an der Aktion: Man fühlt sich als Befürworter wenige Sekunden später nicht mehr ganz wohl, weil man nun erahnen kann oder sogar weiß, wo diejenigen sitzen, mit denen man nur schwer verkehren kann. Das probieren wir aber trotzdem zur Seite zu schieben, denn Hello, Dolly! macht besonders auf der Seite der Produktion sehr viel richtig.

Zum Plot: Die 1890 angesetzte Handlung stellt Dolly Levi in den Mittelpunkt. Die verwitwete Heiratsvermittlerin – sagt das 3x schnell hintereinander – probiert den reichen Junggesellen Horace Vandergelder zu vermitteln. Ausgeguckt hat sie sich dafür die Hutmacherin Irene Molloy – eigentlich hat sie aber selbst ein Auge auf ihn geworfen. Viel mehr braucht es gar nicht vorab, um sich schnell in der Story zurechtzufinden. Schon an dieser Stelle sei gesagt, dass ein Stück, in dem eine Frau höheren Alters die Hauptfigur spielt, eine Seltenheit und somit die Möglichkeit, die das MiR der Opern- und Musicaldarstellerin Anke Sieloff damit bietet, ganz fantastisch ist.

Denn gerade Darsteller*innen über 40 haben es im Musicalgenre schwer, gibt es schlichtweg zu wenig Rollen für sie. Bei Frauen sieht es dahingehend sogar noch schlechter aus. Bei Hello, Dolly! in Gelsenkirchen gibt es aber in der fast 40-köpfigen Riesencast inklusive dem hauseigenen Opernchor gleich mehrere Menschen mittleren Alters. Toll! Dazwischen tobt sich eine ganze Schar agiler Tänzer*innen, die die stilvollen und classy Choreografien präsentieren, die sich überwiegend aus Charleston, Swing und Jazz-Dance zusammensetzen. Um also mal wieder Tanz der uralten Schule zu sehen, ist man hier keinesfalls verkehrt. Auch das wahrhaftig bunte – da wurde nicht zu viel versprochen – Kostüm aus Anzügen, Fracks, Hüten, Kleidern in knalligen Farben sticht hervor und stellt neben dem aufwändigen Bühnenbild eine starke Komponente dar. Die Szenerie wechselt zwar nicht so oft, wenn, dann aber richtig. Eine riesige alte Registrierkasse für die ganze Männerschar, schicke Geschenkboxen, die groß genug sind, um sich darin zu verstecken, ein Löffel, auf dem man über die gesamte Bühne fliegen kann, und einige süße Details sorgen für 60s-Stimmung.

In der Besetzung kann man hier gar nicht meckern. Die 58-jährige Anke Sieloff wechselt mit enorm viel Leichtfüßigkeit zwischen Opern- und Musicalgesang und trifft stets den richtigen Ton. Genauso Spaß machen sämtliche Szenen, in denen Julia Heiser als Irene Molloy und Sonja Hebestadt als Minnie Fay aufspielen dürfen. Ein wahres Highlight ist „Ribbons Down My Back“, das den emotional stärksten Moment im ersten Akt zeigt. Sowieso eine gute Idee: Die Songs bleiben auf Englisch, Dialoge auf Deutsch. Zu den Songs werden Übertitel eingeblendet.

Die Technik hat einige Male kleine Schwierigkeiten. Anfangs sind die Mikrofone im Vergleich zu dem hervorragend spielenden Orchester im Graben entschieden zu leise, sodass manche Parts schwer verständlich sind. Bei einem Song fallen die Übertitel aus, in einer Szene hakt der Umbau des Bühnenbildes. Alles kein großes Problem, aber auch nicht komplett unauffällig bei der schon dritten Aufführung in Gelsenkirchen, da wir zeitlich die beiden davor nicht einrichten konnten. Aktuell sind zwölf weitere bis Anfang Juli geplant.

Alle Aufgaben, für die das Haus also zuständig ist, sind gut bis sehr gut abgearbeitet. Ok, bis auf eine. Denn das größte Problem ist am Ende das Stück selbst. Es ist einfach wirklich nicht gut gealtert. Für Sehgewohnheiten 2024 und gerade im Vergleich zu Musicals, die überall laufen, ist das schon nicht ganz einfach. Soll auf keinen Fall heißen, dass man nichts aus den 60ern spielen darf, keinesfalls. Die Kombination aus einer Story, die man in der Form eben schon sehr, sehr oft gesehen hat, und einem schon längst nicht mehr – zum Glück – nachvollziehbaren Frauenbild, macht es einem als Zuschauer*in wirklich nicht so leicht. Da hangelt man sich doch ein wenig schwerfällig durch das zähe, konservative Setting, das zwar durch starke Tanzszenen und schönen Gesang aufrüttelt, aber dazwischen auch nicht zuletzt durch seinen Schenkelklopfer-Humor einfach zwei, drei Spuren zu old-fashioned daherkommt.

Trotzdem würde es uns so gar nicht überraschen, wenn man genau das alles ganz fantastisch findet und super unterhalten nach Hause fährt, denn Hello, Dolly! ist in sich logisch und konsequent. Es ist ganz klar Geschmacksache, ob man mit dem trutschigen Schatzkästchen connectet oder eben nicht. Wir haken es nun einfach von der „ewigen Musical-To-Do“ ab, was durchaus auch wertvoll ist. Horizonterweiterung und so.

Und so sieht das aus (Bilder von der Premierenshow auf „Mikes Musical-World“):

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Foto von Christopher

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