Bei den Abschlussworten ihres Konzertes sorgt Yaenniver aka Jennifer Weist, die ehemalige Frontfrau von Jennifer Rostock, für Spekulationen: Sie spricht davon, dass es sich hier um die vorerst letzte Yaenniver-Tour für einen unbestimmten Zeitraum handelt. Ganz wichtig – die letzte Yaenniver-Tour. Nicht generell ihre vorerst letzte Tour. Klar man kann meinen, sie mache nun für zwei, drei Jahre eine kreative Pause, was vielen Fans auch schon Angst und Bange macht. Aber wie krass wäre es, wenn schon bald endlich die große Jennifer–Rostock-Pause beendet wird?
Doch nochmal: Das sind wirklich nur Spekulationen. Aber ganz sicherlich haben nicht nur wir ihre Worte so interpretiert. Als die eigenwillige Band im Mai 2018 das letzte Mal gemeinsam auf der Bühne stand, hat das vielen das Herz gebrochen. Zwar kam wenige Monate später die Aufzeichnung der Abschlusskonzerte auf diversen Tonträgern heraus, doch seitdem folgten viele Geduldsproben. Mit dem Soloprojekt von Frontfrau Jennifer Weist, die sich neben der Musik als Moderatorin, Designerin, Podcasterin und zuletzt sogar als Autorin ausgelebt hat, hat sich nicht jeder leicht getan. Die Meinungen zum Debüt „Nackt“ gingen auch in unserer Redaktion unter JR-Liebhaber*innen auseinander. Allerdings muss man Yaenniver, so wie der doch recht sperrige Name des Outputs lautet, eins lassen, nämlich ihr Durchhaltevermögen und ihr Pfeifen auf Kritik. Bestimmt wirkt das manchmal etwas überheblich und sicherlich ist nicht jede Umsetzung ein Volltreffer, aber Haltung hat das Ganze wirklich immer.
So ist man sich bei dem vor kurzem erschienenen zweiten Album Angry Woman hingegen sehr einig, dass das, was Jennifer uns sagen möchte, absolut wahr und immer wieder notwendig ist. Nach einem doch sehr willkürlich wirkenden Egotrip zwischen Polygamie, Drogenkonsum, sexueller Selbstbestimmung und Rap-Versuchen auf dem Erstlingswerk folgt die neue LP nämlich viel mehr einem überwiegend in sich kohärenten Konzept: die Wut der Frauen, die endlich mal herausmuss. Kampfansage gegen Cis-Männer, die sich immer noch fürs bessere und stärkere Geschlecht halten und damit zum Glück so langsam nicht mehr durchkommen. Das ist zwar musikalisch auch nicht ganz auf dem Niveau, was man ihr eigentlich zutraut, aber besonders lyrisch um Längen weltpolitisch relevanter und schlüssiger, sodass man gerne wieder mit dem connectet, was uns eine der interessantesten weiblichen Persönlichkeiten des deutschen Musikbusiness sagen mag.
Da scheinen einige mitzugehen. Nur wenige Tage vor dem Termin meldet der Köln-Gig, das ist der siebte von insgesamt neun auf der Angry Woman-Tour 2025, nämlich ausverkauft. Dabei handelt es sich hierbei mit der Live Music Hall um die größte Location mit knapp 1500 Gäst*innen. Trotz Gradzahlen rund um den Gefrierpunkt hat das locker zu 90 Prozent weiblich gelesene Publikum – wer hätt’s gedacht – wahnsinnig Bock. Die Stimmung ist durchgehend angenehm und spiegelt das wider, wofür Yaenniver selbst auch steht: Mach dein Ding, tue nur niemand anderem weh. Sehr fein.
In der Grundhaltung geht auch Voract Aymz mit. Die Wiener Band rund um die non-binäre Frontsänger*in Amy macht nach vorne gerichteten, klassischen, deutschen Punkrock. Ein Genre, das nahezu ausgestorben ist. Cool, dass es zurückkommt. Passt ja auch stilistisch ganz gut zu den Jennifer–Rostock-Wurzeln. Weniger cool, dass es leider ganz schön unauthentisch wirkt. Besonders die Attitüde von Amy wirkt dermaßen aufgesetzt und drüber, dass man klar erkennt: Der Grat zwischen inspirierender und irritierender Haltung ist ein schmaler. Zwar mögen ein laszives Zwischen-Die-Beine-Fassen sowie Aufrufe zu antifaschistischen Messages solide wirken, musikalisch ist das aber höchstens Luxuslärm-Reloaded, und damit dann gar nicht mehr so ernst zu nehmen. Eine Veränderung ist seit den Auftritten Anfang 2020 durchaus erkennbar, aber wirklich qualitativer ist das Songwriting leider trotzdem nicht. Außerdem ist der Sound während des halbstündigen Warmups, das um 20:15 Uhr beginnt, viel (!) zu laut, Bass und Drums übersteuert und der Gesang zu leise.
Mit der Freilegung einer Vagina wird jedoch alles besser. Nein, Yaenniver hat nicht gestript und auch sonst niemand. Stattdessen erscheint in der Mitte der Bühne eine große Plastik des weiblichen Geschlechtsteils, das in roten Farben aufleuchtet und Fangzähne besitzt. „Frei und fotzig“, wie es im Openingsong „Pretty Vacunts“ passend heißt. Um 21:05 Uhr kämpft sich die hervorragend gestylte 38-jährige Wahl-Berlinerin durch eine dünne Rückwand und betritt umjubelnd die Stage. Die einen haben Rauch, andere Feuer – sie selbst spiele hiermit eine Geburt nach, erklärt sie. Heute sei ein guter Zeitpunkt, um mal richtig Dampf rauszulassen und zu sagen, dass jetzt auch mal genug sei mit Rückschritt. An so vielen Ecken entwickelt sich alles in die falsche Richtung, Jennifer hat also genug Anlass, um mal ordentlich loszuschimpfen.
Und ganz ehrlich: In den ersten sieben Songs der 18 Tracks umfassenden Setlist wirkt Yaenniver wie eine nie aufzuhaltende Abrissbirne, die wirklich alles wegbombt. Auch wenn manche Titel in den Studioversionen vielleicht ein wenig hinten überkippen, so ballert das neue Material live mit dreifacher Energie. Ob das bereits erwähnte „Pretty Vacunts“, der Titeltrack „Angry Women“, die Ohrwurm-Schlussmach-Nummer „Danke Tschau“ oder der mit Fans aus der Crowd als Chor unterstützte „Neue Männer“ – Jennifer verkauft das unglaublich gut. Fast schon erzählerisch droppt sie gnadenlos gute Lines, die betroffen, wütend und nachdenklich machen, aber auch gleichzeitig dank verstärkender Posen und Gestiken viel eindringlicher wirken. „Hengstin“ ist der einzige Jennifer–Rostock-Classic, der den Weg auf die Tour geschafft hat, und ergänzt logisch das Statement. Schließlich fing damit eigentlich die Thematik schon vor rund einem Jahrzehnt an. Mit dem giftigen und zynisch-bösen „Männer LOL“ wird der Block beendet. Das ist quasi schon Infotainment, und zwar außergewöhnlich gutes.
Schade, dass das „In Your Face“-Acting nicht gänzlich durchgezogen wird, denn nach dem ersten Kostümwechsel während eines witzigen, neugedichteten „Short Dick Man“-Covers, namens „Dick Head Man“ – Jennifer trägt insgesamt drei Outfits – nimmt die wirklich geniale Livequalität etwas ab. Nicht viel, aber dennoch ein, zwei Level. Besonders auffällig ist das sprachliche Niveau, das mit „Intro“ und „Sag deiner Freundin“ vom Vorgängeralbum klar absackt und ein wenig wie aus dem Rahmen fallend wirkt. Auch „Lieb mich“ und „Alles außer cool“ vom neuen Longplayer sind eher Filler statt Killer. „Mädchen Mädchen“ hingegen ist selbstredend ein Muss im Angry Woman-Universe und funktioniert 2025 weiterhin bestens. Auch sweet ist die fast schon intime Interaktion zwischen Yaenniver und ihrem Multiinstrumentalisten Elmar, der seit vielen Jahren zusätzlich privat ihr Partner ist. Elmar wechselt zwischen E-Gitarren, Keyboards und Bass hin und her, macht eine extrem gute Figur dabei und hat bei einer ihrer sehr wenigen Liebesnummern, wie Jennifer es nennt, nämlich „Nicht normal“, ein Spotlight auf sich. Neben den beiden gibt es übrigens ein weiteres bekanntes Gesicht auf der Bühne. Das ist Chriz an den Drums, der auch schon bei Jennifer Rostock spielte und wieder mit voller Leidenschaft rhythmisch stark losknüppelt.
Das Konzert ist in vielerlei Disziplinen richtig gut. Jennifer singt absolut perfekt und wird wunderbar abgenommen. Sowieso gehört sie immer schon zu den most underrated Sängerinnen dieses Landes. Dazu shoutet sie technisch einwandfrei, sieht in ihren Klamotten fantastisch aus, tanzt voller Power ausgelassen und viel und hält zu nahezu jedem Song eine gut überlegte Ansprache. Dabei geht’s nicht nur um Politisches, sondern auch um Mentales, wenn sie für „Wenn sie kommt“ von ihren durch ein Antibiotikum ausgelösten Panikattacken berichtet. Der Song wird darstellend komplett in diabolischen Rottönen eingehüllt. Ein starkes Lichtdesign runden den Eindruck ab. Dass es während der fast 90 Minuten andauernden Show keine Leinwand und somit keine Visuals gibt, fällt hier ausnahmsweise sogar sehr positiv auf, bietet Yaenniver selbst genug Abwechslung fürs Auge.
Mit „Ich setz dir ein Zeichen“ wird es in der Zugabe emotionaler. Nur „Die goldene Zeit“ bringt den Traueraspekt noch essenzieller auf den Punkt. „Als die Welt ok und wir noch jung war’n“, singt sie im Refrain und schaut nostalgisch auf die Jennifer–Rostock-Zeit zurück. Ist sie womöglich gar nicht mehr so weit entfernt, wie wir aktuell noch glauben? Das wird sich sicherlich schon bald zeigen. So oder so vermittelt Yaenniver mit ihrer Angry Woman-Tour ihre Messages sehr viel besser und anschaulicher als auf Platte und beweist erneut ihre besonderen Bühnenqualitäten. Zwar werden diejenigen, an die sich viele Messages wenden, leider nicht vor Ort gewesen sein – aber die, die vor Ort waren, hat es sichtlich empowert.
Weitere Termine:
21.11. Huxley’s Neue Welt, Berlin
22.11. Alter Schlachthof, Dresden
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Foto von Christopher Filipecki
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