Plattenkrach: Deichkind – Befehl von ganz unten

Bereits 22 Jahre lang gehören Deichkind unwiderruflich zum festen Inventar der deutschen Musikszene. Angefangen als lupenreine Hip-Hop-Crew mit dem Erfolgsdebüt “Bitte ziehen Sie durch” inklusive dem ersten großen Song “Bon Voyage” entwickelt das Kollektiv Schritt für Schritt einen unverkennbaren Stil aus fetten Synthies, noch fetteren Hits und den fettesten Bühnenshows des Landes. Auch zwei Jahrzehnte später können die Hamburger noch mit diesem Aushängeschild begeistern – wie erst ihr tolles, aktuelles Album “Wer Sagt Denn Das?”  bewies. Diesem Hybriden aus hedonistischer Feierei und Texten mit Tiefgang können wohl die meisten etwas abgewinnen, dachte Julia. Aber Alina sieht das nicht ganz so:

Julia verrät ihre Prinzipien:

Wenn ich für eines nicht bekannt bin, dann sind das wüste Feiereien und Alkohollobhudeleien. Und obwohl das auch schon damals so war, als ich das erste Mal “Remmidemmi” gehört habe, traf der Song direkt und ganz ohne irgendwelche Umwege in mein Musikherz. Dieser Beat, dieser Text, diese Melodie. Wer da nicht tanzen will, dem ist eh nicht mehr zu helfen. So etwas hatte ich davor noch nie gehört und rasch war klar: Davon brauchte ich mehr. Also ging es zum CD-Händler des Vertrauens und so landeten in meiner tiefsten Emo-Phase plötzlich diese hedonistischen Party-Platten in meinem Regal – und blieben dort bis heute, eben weil hinter Deichkind so viel mehr steckt als das. Gemeinsam mit “Arbeit nervt” ist es aber “Befehl von ganz unten”, das ewig einen Platz in meiner Liste der besten Alben aller Zeiten haben wird.

2012 waren Deichkind längst nicht mehr Underground, schon der ebenso gelungene Vorgänger “Arbeit nervt” chartete auch dank des grandiosen Titeltracks. Und dann kam eben “Befehl von ganz unten” mit einem wunderschönen Artwork und einer wahnwitzigen Hitdichte um die Ecke. Was Deichkind hier 12 Mal geschafft haben, gelingt anderen Acts höchstens zwei Mal pro Platte. So absolut großartig sind die zwischen absolutem Quark und durchdachten Hintergründen schwankenden Texte – und natürlich die durchweg unwiderstehlichen Bässe. Angefangen mit “99 Bierkanister”, einer wunderbar sarkastischen Ode an Deutschland, vorgetragen in einer simplen Aneinanderreihung urdeutscher Subjekte vor kreisendem Dröhnen – “Bretzel, Pest und Gräfenberg / Sauerkraut und Underberg / Dirk Nowitzki, Gartenzwerg”. Über den nächsten Riesenhit “Leider geil” und den Eingeständnissen der eigenen “Mal ein Auge zudrücken”-Mentalität. Über die nicht ganz so schöne Reise zum Mond mit einem besonders athmosphärischen, gedrückten Sound. Über den bedingungslosen “Partnerlook” und “Illegale Fans” zum nächsten Hit “Bück dich hoch” und der Kritik an dem Leben für die Arbeit, bis dann “Egolution” mit der schönsten Self-Love-Hymne der Welt in das letzte Drittel einleitet.

Langweilig können andere, das überlassen Deichkind nicht nur live anderen. Denn obwohl die Band natürlich auf der Bühne in einer ganz eigenen Liga spielt, sind sie für mich bei weitem keine reine Liveband. Trotz des Party-Images können Deichkind nämlich vor allem mit den vielen doppelten Böden und schlichtweg genialen Wortspiele für ein fettes Grinsen sorgen, das auch beim hundersten Mal nicht an seiner Wirkung verliert. Dem fügen die abwechslungsreichen Beats nur noch den Takt zum Mitwippen hinzu. Als Kirsche auf dem Sahnehäubchen macht sich die Band auf ihren Konzerten dann auch noch stark für Minderheiten – und ist damit die einzige Partykapelle, für die ich mich ernst gemeint sowohl auf der Tanzfläche als auch über die heimische Anlage begeistern lasse.

Alina sieht das etwas anders:

„Remmidemmi“ Der einzige Song, den ich mit Deichkind bisher in Verbindung bringen konnte. Und das nur, weil es sich bei diesem um eines der typischen Disco Lieder handelt. Partymusik halt. Eines, das eh erst dann läuft, wenn die meisten das Limit ihres Alkoholpegels bereits überschritten haben, total verschwitzt wie die Bekloppten tanzen und so furchtbar mitgröllen, dass man im nüchternen Zustand gerne wegrennen würde. Da ich mir Julia in diesem Szenario nicht wirklich vorstellen kann und auch nicht glaube, dass sie das fünfte Album „Befehl von ganz unten“ begründet durch solche Assoziationen gewählt hat, bin ich bereit mich eines Besseren belehren zu lassen.

Deichkind also. Das Album „Befehl von ganz unten“ ist im Jahr 2012 erschienen und mit seinen vierzehn Tracks laut Google einer der größten Charterfolge der Band.  Bereits beim Intro und dem darauffolgenden Song „99 Bierkanister“ muss ich feststellen, dass ich die Musik der Band in keinster Weise verstehe. Irgendwie klingt das alles merkwürdig. So gar nicht harmonisch. Fast schon albern. Gleichermaßen ist die Musik aber auch wahnsinnig faszinierend. Total unerwartet, sehr witzig und irgendwie lustig. Das, was Deichkind da fabrizieren verstößt allerdings gefühlt gegen alles, was ich an Musik gerne mag. Um es noch mehr auf den Punkt zu bringen: Deichkind klingt für mich wie eine super verkorkste Kollaboration der Atzen und der sehr betrunkenen Fantas.

Partymusik hin oder her, ab dem zweiten und dritten Song des Albums nervt mich die Musik. Ich kann mir äußerst gut vorstellen, dass Leute mit dieser Musik auf Partys richtig ausflippen können – mich selber schreckt das ab. Die Melodien sind anstrengend und eintönig, die Texte werden teilweise mehr genuschelt als sonst was und man bekommt die volle Ladung an Reizüberflutung geboten. Auf Dauer bereiten Songs wie „Leider gut“ einfach nur Kopfschmerzen und nicht die zunächst erwartete gute Laune. Darüber hinaus suche ich auf „Befehl von ganz unten“ erfolglos nach dem Sinn des Ganzen. Klar, die Lyrics sind zum Teil raffiniert und klug getextet, manchmal allerdings auch einfach nur bei den Haaren herbeigezogen. Künstlerisch muss man der Band an dieser Stelle wohl gratulieren. Wer so viel Unsinn mit einer so guten Wortgewandtheit mixen kann, darf sich heutzutage wohl als kreativ bezeichnen. Schade nur, dass man von den gelungenen Lyrics kaum was mitbekommt – schließlich dominieren galaktische Bässe und furchtbar verwirrende Melodien diese Kunstwerke.

Einzig bei „Der Mond“ lässt sich etwas Rhythmik, ja fast schon ein bisschen Mainstream-Pop erahnen. „Illegale Fans“ ist dementgegen wirklich witzig und mit „Bück dich hoch“ habe ich doch noch einen Song gefunden, den ich bereits vorher kannte. Noch so ein Partylied, bei dem alle mitgröllen. Insgesamt konnte „Befehl von ganz unten“ mich aber nicht überzeugen. Das Konzept ist teilweise lustig, manches wirklich gut durchdacht. Allerdings entpuppen sich die Songs als super anstrengend und irgendwann nur noch nervtötend. Von daher verstehe ich die Musik von Deichkind wohl im Großen und Ganzen einfach nicht. Da höre ich lieber schön harmonische Pop-Musik. Mit guten Melodien und Texten, die wirklich im Vordergrund stehen. Gut, dass Julia und ich zumindest in diesem Genre des Öfteren mal einer Meinung sind!

Und so hört sich das an:

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Deichkind live 2020:

  • 11.02. Sparkassen-Arena, Kiel
  • 12.02. Stadthalle, Rostock
  • 13.02. Messehalle, Erfurt
  • 14.02. Volkswagenhalle, Braunschweig
  • 15.02. Festhalle, Frankfurt
  • 18.02. Schwabenhalle, Augsburg
  • 19.02. Sick-Arena, Freiburg
  • 20.02. Zenith, München
  • 22.02. Arena, Nürnberg
  • 25.02. Halle Münsterland, Münster
  • 26.02. Arena, Trier
  • 28.02. Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart
  • 29.02. Lanxess Arena, Köln
  • 03.03. ÖVB-Arena, Bremen
  • 04.03. Westfalenhalle, Dortmund
  • 05.03. Arena, Leipzig
  • 06.03. Max-Schmeling-Halle, Berlin
  • 07.03. Barclaycard Arena, Hamburg

Rechte am Albumcover liegen bei Deichkind Music.

 

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