Interview mit The Screenshots über „2 Millionen Umsatz Mit Einer Einfachen Idee“

Interview mit The Screenshots über "2 Millionen Umsatz Mit Einer Einfachen Idee".

Ironischerweise findet mein erstes physisches Interview seit Beginn der Corona-Pandemie mit der wohl digitalsten Rock-Band Deutschlands statt. The Screenshots, die mittlerweile offiziell in Köln beheimatet sind, lernten sich Mitte der 2010er-Jahre über die Social-Media Plattform Twitter kennen. Schon da spielte Dax Werner Gitarre, Kurt Prödel Schlagzeug und Susi Bumms Bass. Mitte der 1990er hätte man noch gesagt: Die perfekten Voraussetzungen für eine Rock-Band! 25 Jahre später ist die Welt eine andere, Technologien sind vorangeschritten, neue Trends aufgekommen. Die Screenshots begannen Anfang 2018 dennoch in klassischer Dreierbesetzung an Musik zu arbeiten – in Anlehnung an Damon Albarns Gorillaz unter dem Deckmantel ihrer Avatare. Im Gegensatz zu den Comic-Figuren Albarns jedoch, orientierten sich Bumms, Prödel und Werner schon früh an Post-Punk und Indie statt Hip-Hop und Dub. 

Die Band ließ bereits im Gründungsjahr zwei kleinere, zunächst ausschließlich digital erhältliche Alben auf ihre Community los. Ja, Community, denn The Screenshots fanden da noch vorrangig in ihrem Twitter-Umfeld statt. Das feiert dem Zeitgeist entsprechend sonst primär Autotune-getränkten New-School-Rap. Warum da also ausgerechnet Gitarrenmusik? Weil The Screenshots es können – und zufällig die passenden Instrumente beherrschen. Und wohl auch, weil die drei Protagonist*innen ihre Jugend ausgerechnet in der Hochphase des 2000er-Indie durchlebten, die eben Gitarren dominierten. Anderthalb Dekaden später ist Rock-Musik alles andere als hip und angesagt. Für The Screenshots ist das mehr Antrieb als Stimmungskiller. It’s a challenge.

Auch ironisch: Gerade meinen Fragenblock über das Verhältnis der Twitter-Persönlichkeiten Bumms, Prödel und Werner zum mystischen Ort mit dem Namen „Internet“ muss ich aus Zeitgründen streichen. Die Unternehmung The Screenshots – die Gruppe stilisiert sich gerne als Start-Up – hat einen tighten Schedule. Die Band gibt heute, einem spätsommerlichen September-Tag, in einem großen Kölner Brauhaus in Domnähe vereinzelt Interviews. Das Wetter ist bestens. Dank der knallenden Sonne ist es schon im T-Shirt zu warm. In dem weitläufigen Laden jedoch ist es angenehm kühl. Von der am Tisch, der versehentlich auf den Namen „Queen Shots“ reserviert wurde, herrschenden Atmosphäre, kann man das nicht behaupten: Alle Anwesenden lachen viel. Prödel und Werner genießen entspannt ihr zweites Mittagsmahl des Tages. Kölsch wird serviert. Dementsprechend gelöst ist die Stimmung.

Eine chaotische halbe Stunde spreche ich mit den drei Menschen hinter den Avataren. Unsere Unterhaltung dreht sich um die auf Anraten ihrer Telegram-Community gekauften Youtube-Views der Single „Träume“ („[W]ir hatten schon 10.000 Klicks bevor das Video öffentlich war“, berichtet Werner), die Relevanz des Mediums CD, das nun erstmals auch eine The Screenshots-Veröffentlichung auf sich tragen darf („Im Fynn Kliemann-Podcast habe ich das erste Mal gehört, dass CDs noch immer verkauft werden. (…) Wir haben sozusagen von Fynn Kliemann gelernt“, wie Werner enthusiastisch erklärt), um Branchen-Gossip („Olli Schulz hat für ein Jahr ernsthaft geglaubt, dass wir ein Tocotronic-Verarsche-Projekt von Jan Böhmermann sind“, lacht Prödel erschüttert). Und natürlich sprechen wir auch tiefer über das Projekt selber: Über die Musik. Über den Anlass für das Interview: das neue Album „2 Millionen Umsatz Mit Einer Einfachen Idee“. Und über dessen Produktion.

Organisationskultur

Das Internet findet auch auf „2 Millionen Umsatz Mit Einer Einfachen Idee“ statt: Zum einen in der Sprachwahl („j@@@@@“, „Fun, Fun, Fun“), zum anderen in den behandelten Inhalten. „Walter White ist tot“ beispielsweise beschäftigt sich mit der (vermeintlichen) Schönheit und (Un-)Begrenztheit von On-Demand-Online-Angeboten. All das verpackt die Band – zumindest in den Augen des Autors – in humorvoll formulierte Zeilen, die überspitzten, ironisieren und auch weh tun können. Im Gespräch – es klang schon mehrfach an – beackern sich die drei Musiker*innen zudem fortlaufend über eigens getätigte oder gegenseitig getroffene Aussagen.

Dax Werner möchte, gefragt nach dem Verhältnis des Projektes zu Humor, dennoch nicht so wirklich wissen, worauf ich hinaus will: „Bei Humor und Musik denke ich immer an eine Band, die Fips Asmussen-Witze vorsingt.“ Na gut, das machen The Screenshots wahrlich nicht. Und auch Bassistin Bumms möchte nicht wirklich konkret werden. Humor lasse sich nur schwerlich theoretisieren, setzt sie ihrem Kollegen voraus. Ganz anders sieht das der Dritte im Bunde. Es ist die erste Meinungsverschiedenheit des Gespräches. „Wie lange haben wir uns darüber ergötzt, wie lustig der Satz ‚Wir lieben uns und wir bauen uns ein Haus‘ ist, wobei wir den eigentlich total schlimm finden? (…) Für mich ist dieser Humor der Motor und Antrieb dafür, dass ich mich auf den Hocker setze,“ widerspricht Prödel seinen zwei Kolleg*innen.

Dieser Eindruck verfestigt sich im Laufe der 30 Minuten: Zwischen all den internen Uneinigkeiten bleibt unfraglich, dass der Spaß an der Sache und auch die Freude am über-sich-selber-Sprechen unabdingbar für das Wirken des Projektes sind. Apropos Uneinigkeit: Das im Interview immer wieder durchblickende Spannungsverhältnis zwischen den Dreien ist für die Kunst, die schlussendlich das Antlitz der Welt erblickt, ebenfalls nicht unbedeutend: Die gute alte Meinungsverschiedenheit dient hier noch als Mittel des Erkenntnisgewinns. 

Eine Anekdote zu dem von der Band als „Key-Single“ angepriesenen Stück „Träume“ gibt Aufschluss: „Dax und ich haben unser Leben für den Refrain ‚Glaub an deine Träume, manche werden wahr‘ gegen Frau Susanne Bumms in die Manege geworfen“, berichtet Prödel. Tatsächlich liest sich der Text des Songs stellenweise wie ein Manifest neoliberaler Lebensweisheiten. Die Bassistin erklärt sich: „Ich muss noch lernen, sowas zu singen und Vertrauen darin zu haben, dass das durch die Einbettung in den Song eine andere Farbe bekommt. (…) Die Kontextualisierung erlaubt diese Zeile erst.

Ähnliche Diskussionen führte die Band auch zum Song „Wir lieben uns und bauen uns ein Haus“. Der Streitpunkt hier: Die Zeile „Mit harter Arbeit werden Träume wahr.“, die in den falschen Händen ebenfalls als ganz schön unemphatisch empfunden werden könnte. Gerade deshalb spielen diese Reibungen für das finale Produkt eine wichtige Rolle, wie der Schlagzeuger an seine Bassistin richtend betont: „Stell dir vor du fändest das genauso geil wie Dax und ich. Wenn man zu dritt zu hyped ist, kann das schnell auch kippen.“ Widersprechen kann man ihm nicht. Immerhin: Nach eigener Aussage konnte Susi Bumms mittlerweile mit den Worten ihren Frieden schließen. 

Diese Auswüchse gesunder Diskussionskultur scheinen demnach genauso sehr zu The Screenshots zu gehören wie das Internet. Andere Klein-Konflikte lächeln die Drei einfach weg. Als Prödel seiner ernsthaften Antwort auf die Frage nach dem intellektuellen Gehalt der Musik – Spoiler: er möchte einfach gute Unterhaltungsmusik spielen – anschließt, er wolle mit der Band gleichwohl schon die Welt verbessern, lacht Werner nach kurzem zögern verzweifelt und fordert flehend: „Oah, bitte nicht!“ Nur keine Missverständnisse! Tatsächlich: Bei all der Ironie und Insider-Witze liegen die oftmals näher als bei anderen Acts. Ohnehin grenzen sich The Screenshots auch fernab ihrer Musik in vielerlei Hinsicht von der Masse etablierter Rock-Bands ab. In ihren Haltungen gegenüber akzeptierten Mustern (siehe ihr Hang zu digitalen Distributionswegen), in ihrem kompakten Arbeits-Umfeld, in ihrem Umgang mit Ironie und Witz. Und natürlich auch in ihrer Art das Bandleben zu vollziehen (siehe die vielen Uneinigkeiten).

Aus einem Ackergaul wird kein Rennpferd.

Für ihr drittes Studioalbum, das erste mit industrie-typischer Release-Kampagne, ließen sich The Screenshots zumindest auf dem Papier überraschend lang Zeit. Bis auf eine Singleauskopplung, die nun auch auf „2 Millionen Umsatz Mit Einer Einfachen Idee“ landet, war es 2019 ungewöhnlich ruhig um die Band, was neues Material anging. Doch diese Ruhe täuschte: Hinter den Kulissen zog es das Trio immer wieder ins Studio, um an neuen Stücken zu arbeiten. Tröpfchen für Tröpfchen kamen so im konstanten Wechselspiel von Schreib- und Aufnahmephasen über das letzte Jahr verteilt elf Songs Zustande. Das vielfach erwähnte „Träume“ sowie das herzliche „Liebe Grüße An Alle“ beispielsweise entspringen einer kurzen Recording-Session, die die drei Screenshots schon im letztjährigen September im Rahmen des Reeperbahn Festivals angingen. 

Der Faktor Zeit spielte jedoch einzig im Bezug auf das Gesamtkonstrukt eine Rolle: Ähnlich den Vorgängern nahmen die Songs selber sowohl in der Songwriting- als auch der Studio-Phase schnell Form an. Daran trägt auch Produzent Nicolas Epe Schuld, der der Band von Tag eins an vor allem während der Aufnahmen unter die Arme greift. Susi Bumms über Epes Rolle in dem Prozess: „Er ist offen dafür statt dem siebten, achten, neunten Take einfach die Optionen zu nutzen, die man bis dahin hat. Das ist seine Mentalität für dieses Projekt und für uns sehr zielführend.“ Dieser Pragmatismus – The Screenshots bedienen sich hier übrigens an der Denkweise der sogenannten Cloud-Rap-Strömung – Epes bewirkt für Prödel vor allem eins: The Screenshots gelangen an ihr Ziel und kommen auf dem Weg dorthin nicht vom Weg ab. Der Schlagzeuger bezeichnet den Kölner deshalb treffend als „Streetworker“, der maßgeblich zur Realisierung des Projektes beiträgt. 

Epe ist für The Screenshots also weit mehr als lediglich eine Stütze im Studio, auch wenn Dax Werner anschließend betonen möchte, dass der Produzent für „2 Millionen Umsatz Mit Einer Einfachen Idee“ nun auch dort noch mehr persönliche Färbung einbringen konnte. Dem finalen Produkt tatsächlich gelingt der Spagat zwischen druckvollem Punch und eingängiger Melodiösität ohne das eins der beiden zu kurz kommt oder gar fehl am Platz wirkt. Erstmals öffnet die Band sich zudem für Kollaborationen: Neben LGoony, der auf „Träume“ mehr singt als rappt, verziert „Die Welt Geht Noch Nicht Unter“ akzentuiertes Jazz-Piano, das der ehemalige Rundfunk Tanzorchester Ehrenfeld-Kopf Albrecht Schrader beisteuert. 

Diese schrittweise musikalische Öffnung gelingt der Band gerade, weil sie solche Zusammenarbeiten zulässt. Gleich mehrfach betonen die Drei, dass ihre eigenen Grenzen eng gesteckt sind. Prödel dazu: „Wir haben, was unsere musikalischen Fähigkeiten angeht, sehr klare Grenzen. Ich sag mal so: Aus einem Ackergaul wird kein Rennpferd.“ Auch diese direkte Ehrlichkeit unterscheidet The Screenshots von ihren vielen großmäuligen Genre-Kollegen – und ja, wir sprechen hier hauptsächlich von Männern.

Jab, Jab, Jab, Right Hook

Ihre Ziele tragen die Kölner ebenfalls ganz offen in die Welt hinaus: „Wir möchten in die Charts“, skandiert Susi Bumms plakativ. Dax Werner hat das Ganze schon durchkalkuliert: „Das folgt dem Prinzip, das Gary Vaynerchuk in seinem Buch ‚Jab, Jab, Jab, Right Hook‘ beschreibt. Da geht es darum, dass du die Crowd mit kostenlosen ‚Jabs‘, sprich Injektionen, teast und irgendwann das Geld reinholst, indem du mit einem Premium-Produkt rausgehst. Das Album ist unser ‚Hook‘.“ Ein halbstündiges Stück Musik als innovatives Premium-Produkt… ahja. Da wären wir auch schon wieder bei dem Thema Ironie: So richtig ernst, scheint die Band die ganze Start-Up-Sache nicht zu meinen. Aber bei The Screenshots weiß man nie – selbst nicht, wenn sie einen amerikanischen Multi-Millionär zitieren.

Vielleicht möchte die Band aber auch nur betonen, mit welcher Ernsthaftigkeit sie arbeitet. Was einst als Hobby-Projekt begann, vereint mittlerweile nämlich eine durchaus beträchtliche Menge an Unterstützer*innen – „Shooters“ nennt die Band ihre Fans – hinter sich. Diese Kurve bildet sich auch im Auftreten der Drei ab: Mittlerweile sind die Avatare, mit denen einst alles begann, mit den Menschen hinter ihnen verschmolzen. Bumms, Prödel und Werner zeigen deshalb seit dem letzten Jahr auch Gesicht. Für Interviews wie dieses stehen die Drei ebenfalls vermehrt zur Verfügung. Nur ihre bürgerlichen Namen und anderen privaten Kram möchten sie nicht verraten. Wie ist das also: Wie viel gespielte Rolle steckt hinter The Screenshots? Susi Bumms antwortet eindeutig: „Wenn man 800 Kilometer mit einem Sprinter zu einem Festival fährt, denkt man nicht über Rolle oder Nicht-Rolle nach. Diese Strecke muss man ‚in echt‘ hinter sich bringen.“ Die anderen beiden pflichten ihr bei. 

Wie in jedem sozialen Konstrukt nehmen The Screenshots auch innerhalb der Band gewisse mit Aufgaben verbundene Rollen ein. Die sind aber nicht im entferntesten an die Social-Media-Avatare gebunden, die für die Gruppe aller Anfang waren. Was demnach einst im Internet als ein großer Spaß begann, etabliert sich nach und nach als eigenständige und ernstzunehmende Rock-Band mit pop-kultureller Relevanz – und Antizipation von Chart-Erfolg. Und das ist abschließend doch etwas sehr schönes!

Hier kannst du dir das Album kaufen.*

Tickets für die Tour im nächsten Jahr gibt es hier.*

Unsere Review zu “2 Millionen Umsatz Mit Einer Einfachen Idee” gibt es zudem hier.

Und so hört sich das an:

Website / Twitter / Instagram / Bandcamp

The Screenshots live 2021:

22.01. – Münster, Gleis 22
23.01. – Köln, Gebäude 9
16.02. – Bremen, Lagerhaus
17.02. – Hamburg, Molotow
18.02. – Berlin, SO36
19.02. – Leipzig, Naumann’s
24.02. – Wiesbaden, Schlachthof
25.02. – Karlsruhe, Kohi
26.02. – Nürnberg, Club Stereo
27.02. – Augsburg, Soho Stage
01.03. – Wien, B72 (AT)
02.03. – Salzburg, Rockhouse (AT)
03.03. – München, Feierwerk Kranhalle
05.03. – Dresden, Scheune
06.03. – Bochum, Trompete

Beitragsfoto von Frederike Wetzels.

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