Beth Hart, Mitsubishi Electric Halle Düsseldorf, 19.06.2023

beth hart düsseldorf 2023

Vielleicht erinnert ihr euch daran zurück, als ihr angefangen habt, Konzerte zu besuchen. Als man völlig beflügelt und euphorisiert die Halle verlassen hat, weil es etwas ganz besonderes war, dort zu sein. Das lässt einerseits mit dem Alter, andererseits aber auch mit der Anzahl an Konzerten, die man im Laufe der Jahre sieht, rapide nach. Ganz selten schleicht sich aber eine Show dazwischen, bei der es zurückkommt. Bei der alle Tasten getätigt werden und man einfach richtig etwas fühlt. Das Konzert von Beth Hart in Düsseldorf gehört zu diesen raren Momenten.

Noch immer stehen bei entschieden zu vielen Menschen Fragezeichen im Gesicht geschrieben, wenn man ihren Namen erwähnt. Auch wenn ihre zwei letzten Veröffentlichungen – „War in My Mind“ aus 2019 und „A Tribute to Led Zeppelin“ aus 2022 – die deutschen Top 10 entern konnten und sie somit noch ein Stück erfolgreicher sein darf, bleibt sie so etwas wie der größte Geheimtipp. Unter Kenner*innen ist sie die unangefochtene Nummer 1, unter allen anderen eben die ewig Unbekannte. Schon 2019 waren wir von ihrem Konzert in Bochum absolut begeistert. Doch offensichtlich ist Beth Hart kein Mensch mehr. Das, was am 19.6., einem Montag, in der Mitsubishi Electric Halle, zu hören ist, ist krasser. So viel krasser.

Dabei brauchte es wirklich einiges an Geduld. Die aktuell laufende „Thankful“-Tour war bereits für 2020 angesetzt und sollte das „War in My Mind“-Album live präsentieren. Aus den doch sehr bekannten Gründen wurde aber geschoben und geschoben. Zuletzt im Winter 22 sogar krankheitsbedingt. Doch wenn sich eins gelohnt hat, dann das Warten. Viel zu inflationär spricht man von Ausnahmetalenten, viel zu oft bewertet man mittelprächtige Shows als ganz fantastisch, einfach weil man sich nicht ärgern möchte, für ganz okaye Leistungen Geld ausgegeben zu haben. Aber wer das Glück besitzt und eines der über 5000 Tickets für Beth Hart in Düsseldorf ergattern konnte – wenige Stunden vor der Show gibt es noch rund eine Hand voll Einzelplätze – erlebt etwas. Erleben im wahrsten Sinne, denn die rund 130 Minuten, die um kurz nach 20 Uhr beginnen, sind so gefühlsintensiv, so einnehmend, dass es fast Angst macht.

Eigentlich ist es unmöglich, dem Ganzen gerecht zu werden. Auch das Zeigen von Videoaufnahmen funktioniert nicht. Man muss, auch wenn’s wahnsinnig plakativ klingt, dabei sein. Von dem Moment an, in dem die 51-jährige Sängerin aus Los Angeles ganz hinten den Saal betritt und beginnt, bis zu den letzten Tönen, die sie über zwei Stunden später auf Knien vorträgt. Dazwischen bringt Beth Hart eine*n zum Staunen, zum Schmunzeln, zum Nachdenken, zum Weinen. An einigen Stellen ist das Erlebnis so treffsicher, dass man die Luft anhält. Bloß keine Sekunde verpassen.

Dabei passiert außer Musik und stimmigem Licht nichts. Es gibt zwar eine Leinwand, die ist aber nur dafür da, damit auch die letzten Reihen die Gesichter der vier Musiker*innen erkennen können. Ansonsten gibt es weder Kostümwechsel, noch Videoeinspieler, Konfettiregen oder sonstige Effekte. Es gibt ausschließlich Musik von Beth und drei unfassbar begnadeten Männern an Gitarren, Drums und Bass. Sie selbst sitzt bei vielen Stücken am Klavier. Das ist alles sehr basic, kreiert aber das exakte Gegenteil. Es klingt, als ob gerade die fetteste Rockband ihre besten Soli herauskramt. Nichts, wirklich überhaupt nichts wandert qualitativ unter das Siegel „Herausragend“. Würde man das Konzert aufnehmen, könnte man es ohne irgendetwas nachträglich zu bearbeiten, so veröffentlichen. Der Sound ist ab der ersten Sekunde so fantastisch ausgepegelt, die Menschen auf der Bühne so irrational perfekt, dass manche Acts selbst in Studioaufnahmen nach 300 Versuchen, wovon 200 ausgewählt und oft nur ein Wort verwendet wird, um etwas besonders Rundes zu erhalten, dieses Level nicht erreichen.

Über 20 Songs lang trägt Beth Hart. Man lernt sie bei den Songs kennen, erzählt sie zu sehr vielen vorab eine äußerst persönliche Geschichte. Sie erzählt von der nie enden wollenden Liebe zu ihrem Mann, von tiefsten Depressionen während der Pandemie, von unendlicher Dankbarkeit. Bei einem Song für ihre Mutter („Mama, This One’s For You“) stoppt sie nach der vierten Zeile, weil sie anfängt zu weinen. Aber nicht wie eine Schauspielerin, die das sowieso auf Knopfdruck kann. Sie weint so, dass sie kaum noch Luft bekommt, sich bei ihrer Ansprache verhaspelt. Sie und ihre Ma haben seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr und sie spürt gerade, wie sehr sie sie vermisst. Genau diese Szenerie würde bei vielen unglaublich theatralisch und drüber wirken – hier hat es etwas Fragiles, Nahbares, Echtes und Authentisches. In jeder Faser der Titel spürt man, dass sie immer genau in jenem Moment in dem Gefühl ist, welches für den Song benötigt wird. Deswegen wählt sie auch für jede Show eine andere Setlist. Sie artikuliert deutlich und wird damit fast schon zur erzählenden Sängerin. Das Publikum hört gebannt zu. Kaum jemand spricht währenddessen, dafür dauern einige Applausszenen oft mehrere Minuten.

Ob eigene Titel aus früheren Zeiten („Bang Bang Boom Boom“), aus jüngsten Zeiten („War in My Mind“, „Rub Me For Luck“), ob extrem laute Rockcover („Babe I’m Gonna Leave You“, Led Zeppelin) oder doch eher ganz intime Bluesballaden („Your Heart Is As Black As Night“, Melody Gardot), ob herzzerreißende Pianogeschichten („Mechanical Heart“) oder Akustiksessions, die wirken wie von einem anderen Stern, weil alle ihr gesamtes Talent auf den Tisch knallen („Sugar Shack“) – jede Emotion kommt ungefiltert und so in your face, dass es erschlägt. Jeder Song klingt anders und wird mit Gesangstechniken vorgetragen, bei denen man manchmal nur noch mit dem Kopf schüttelt. Beth Hart faucht, macht mit ihrem Mund Percussionsounds, brüllt so, dass die meisten danach Halsschmerzen haben, flüstert ganz sanft und nahezu unhörbar. Das ist Kontrolle in Reinform.

Es ist komplett egal, ob man jeden Song der Setlist kennt, ein paar oder sogar gar keinen. 130 Minuten, in denen man sich von Kunst geküsst fühlt. Die so unbeschreiblich gut sind – das ist nicht Weltklasse, das ist Galaxieklasse. Beth Hart ist noch bis Ende des Jahres hierzulande unterwegs. Dann soll sie eben dieser große Geheimtipp bleiben. So muss man den Schatz, der von den Boxen in die Ohren und anschließend ins Herz schießt, nicht mit jedem teilen.

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Bild von Christopher

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