Jeremias, Weststadthalle Essen, 18.04.2022

Es gibt sie, diese musikalischen Phänomene. Wenn eine junge Band klein anfängt, ihren eigenen Stil findet, damit auf die Bühne geht und plötzlich den Nerv von extrem vielen Menschen – wenn nicht sogar den einer ganzen Generation (auch wenn ich diese Bezeichnung nicht mag) – zu treffen scheint. In diesem Fall handelt es sich bei besagter junger Band um Jeremias aus Hannover. Zwar sind die vier Musiker noch recht jung – Newcomer oder gar ein Geheimtipp, wie wir es noch in unserem Indie-Newcomer Beitrag von 2019 prophezeit haben, sind sie aber schon lange nicht mehr. Stattdessen haben sie in den vergangenen zwei Jahren ihre zweite EP sowie ihr Debütalbum „golden hour“ veröffentlicht, mit dem sie nun wieder auf Tour sind – und die war schon im Vorfeld nahezu ausverkauft. Wir waren beim Tourstopp in Essen dabei und haben den Abend über eine Achterbahn der Gefühle erlebt.

Zunächst muss man sagen: Die Essener Weststadthalle ist wirklich keine kleine Location. Schätzungsweise passen dort über 1000 Personen rein – für eine Band wie Jeremias, die erst seit 2018 zusammen Musik machen und vergangenes Jahr erst ihr Debüt-Album veröffentlicht haben also schon eine ganz schöne Hausnummer. Aber das ist etwas, das viele Bands, die während der Corona-Pandemie ihren Durchbruch hatten, gemeinsam haben: Sie überspringen einige Venues einfach. Spielten Jeremias noch vor zweieinhalb Jahren bei ihrer ersten eigenen Tour in den kleinsten Clubs, verkaufen sie nun in kürzester Zeit bereits Venues mit einer Kapazität im vierstelligen Bereich aus, spielen Zusatzkonzerte. Ob das so gut für die Entwicklung als Band ist, sei mal dahingestellt. Nichtsdestotrotz ist es definitiv bemerkenswert, was für eine Fanbase sich in dieser relativ kurzen Zeit gebildet hat (zur Zusammensetzung besagter Fanbase komme ich später).

Der Abend in der Weststadthalle begann jedoch nicht mit Jeremias selbst sondern mit ihrem Support-Act Philine Sonny. Die 20-Jährige Indie-Newcomerin hat vor kurzem ihre Debüt-EP veröffentlicht und spielte an diesem Abend ihr erstes (!) richtiges Konzert – was man ihr aber, hätte sie es nicht erwähnt, auf gar keinen Fall angemerkt hätte. Wahnsinnig locker und souverän schnackte die Künstlerin zwischen ihren Songs mit dem Publikum und war sichtlich ergriffen von den durchweg positiven Reaktionen auf ihre Musik (Zitat: „Jetzt muss ich gleich heulen, wie peinlich“). Eine unglaublich sympathische Musikerin und eine wirklich gute Live-Performance – es würde mich also nicht wundern, wenn ihr hier bald einen Bericht von mir über ein Konzert von Philine Sonny lest.

Nachdem die ausverkaufte Halle also schon gut aufgewärmt war (im wahrsten Sinne des Wortes), kamen Jeremias begleitet von einem epischen Intro auf die Bühne und feuerten direkt mal ein Feuerwerk aus ihren bekanntesten Songs („paris“, „hdl“, „Diffus“, „nie ankommen“) ohne Unterbrechung als Einstieg in ihre Show ab. Nach einer kurzen Begrüßung ging es dann auch direkt so weiter: Vorwiegend neue Songs vom Album „golden hour“ wechselten sich mit Liedern der ersten beiden EPs und insgesamt drei unveröffentlichten Songs ab, dazwischen gab es immer wieder Interlude-artige Sequenzen, wie man sie vielleicht auch von den Live-Shows der Leoniden kennt. Generell wurde aber kaum Zeit für großartige Publikums-Interaktion „verschwendet“ – ein Song jagte quasi den nächsten (Achtung, Floskel), was die Band ein wenig angespannt wirken ließ.

Das soll aber natürlich nicht heißen, dass die Show schlecht gewesen wäre – im Gegenteil. Live wirkt der tanzbare Indie-Disco-Funk-Pop von Jeremias nochmal viel besser, als sowieso schon. Dementsprechend schade war es, dass so richtige Tanz-Stimmung erst gegen Ende der Zugabe aufkam. Vorher war das sehr junge und sehr weibliche Publikum noch eher verhalten, es wurde ein wenig auf der Stelle getanzt. Erst als „Liebe zu dritt“ als vorletzter Song gespielt wurde, taute der Großteil des Publikums langsam auf, es wurde ausgelassener getanzt und es entstand sogar ein kleiner Moshpit in der Mitte der Halle. Für meinen Geschmack etwas zu spät, aber hey: Besser spät als gar nicht.

Man kann definitiv sagen, dass Jeremias zurecht eine ausverkaufte Tour in so verhältnismäßig großen Venues spielen. Ihre Songs funktionieren live extrem gut, die vier sind gute Live-Musiker und ihr Sound scheint beim Publikum extrem gut anzukommen. Und wer weiß: Für viele der jüngeren Fans könnte das gerade eins der ersten Konzerte ihres Lebens sein. Geben wir dem ganzen also noch ein wenig Zeit – dann kommt die Tanzstimmung vielleicht auch schon von Anfang an auf.

Und so hört sich das an:

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