Musikalischer Jahresrückblick 2023: Alina

Jahresrückblick Alina

Dieses Jahr war irgendwie anders chaotisch, lehrreich und mit so vielen Stolpersteinen versehen, dass ich froh bin, dass ich zum Ende hin wenigstens noch geradeaus laufen kann. Musikalisch hingegen hat 2023 so viele Marmeladenglasmomente bereitgehalten und mir wunderschöne Momente beschert, dass ich mehr als dankbar für alle Konzerte, Albumveröffentlichungen und neue Lieder bin. Ich habe dieses Jahr unfassbar viele neue Künstlerinnen und Künstler entdeckt, mich reihenweise in Songs schockverliebt und gemerkt, dass das Mischen von Genres echt etwas für sich hat. Gleichzeitig wurde ich aber auch wieder mit den altbekannten Deutschpop-Klischees konfrontiert und habe das Gefühl, dass sich gerade über den Pop-Bereich unfassbar viel lustig gemacht wird, was mehr als traurig ist (Wer sagt eigentlich, dass das eine cooler ist als das andere?). Das hier waren meine Highlights:

Top 10 Alben

10. Lauren Spencer Smith – Mirror

“And I gave you my hours and advice just tryna fix you. And all your daddy issues. But now, I don’t even miss you anymore. So I want all the tears back that I cried. All the hours spent givin‘ advice on how to write your songs. When you said you loved me. Well, you must’ve had your fingers crossed”

Kritiker würden sagen: Schon wieder so Künstlerin, die auf Herzschmerz macht und voll auf ihre voluminöse Stimme setzt. Das trifft bei Sängerin Lauren Spencer Smith, die über TikTok bekannt geworden ist, definitiv zu und doch wäre es nur die halbe Wahrheit über das Debütalbum der 20-Jährigen. Auch wenn dieses an einigen Stellen noch Optimierungsbedarf aufweist, hat es mich in diesem Jahr ziemlich gecatcht. Denn tatsächlich hat die Kanadierin eine grandiose Stimme, die in Höhen geht, von denen andere nur träumen können. Gleichzeitig schreibt sie aber auch ziemlich gute Texte, die emotional und zugleich ziemlich reflektiert sind. „Mirror“ ist definitiv kein Album für gute Laune, hat einen großen Drang zur Melancholie und Dramatik, aber geht tief bis ins Mark. Lauren Spencer Smith lässt tief in ihr Seelenleben schauen – relaten können zu den Songs mit Sicherheit viele!

9. Olivia Rodrigo – Guts

You said it was true love, but wouldn’t that be hard? You can’t love anyone ‚cause that would mean you had a heart. I tried to help you out, now I know that I can’t. ‚Cause how you think’s the kind of thing I’ll never understand

Zugegebenermaßen hatte ich ein bisschen Angst vor dem zweiten Album von Olivia Rodrigo. Nachdem mich das Erste so vollends begeisterte, hatte ich ziemlich viele Erwartungen an Album Nummer 2, bei denen ich mir nicht sicher war, ob diese wirklich erfüllt werden könnten. Wir alle kennen schließlich das Problem mit dem verflixten zweiten Album. Aber alle Sorgen unbegründet: Mit „Guts“ hat Olivia Rodrigo sogar noch einmal einen draufgehauen und ein von vorne bis hinten genial konzipiertes Album kreiert. Schon die erste Singleauskopplung „Vampire“ hat das bewiesen – dieser Song ist einfach nur ultra krass gut. Aber auch alle anderen Lieder des Albums überzeugen, gerade weil Olivia ihre Songwriting-Skills noch einmal verfeinert hat, weil sie ein bisschen mehr Pfiff und Ecken und Kanten haben. Genau so muss gute Musik funktionieren!

8. Dominik Vona – Eins

Endlich weiß ich wo ich bin. Seitdem ich unterwegs bin. Bin ich da. Endlich weiß ich was ich sing`. Nach all´den Jahren. In denen gar nichts kam. Kann Ichs wieder fühlen

Vor acht Jahren habe ich Vona als Vorband von Cro auf dessen Unplugged Tour in der Lanxess Arena zum ersten Mal gesehen und war sofort hin und weg von dieser Stimme. Die zwei Alben die Vona und seine Band herausgebracht haben, gehören auch heute noch für mich mit zu den besten deutschsprachigen Pop-Alben und es schien 2019 so, als würde Vona demnächst im gleichen Atemzug mit Namen wie Wincent Weiss, Joris und Co genannt werden. Nachdem der Sänger 2020 aber mitten in der Pandemie sein Album veröffentlicht hat und die dazugehörige Tour pandemiebedingt abgesagt werden musste, wurde es still um ihn.  In diesem Jahr ist er ohne Band und unter seinem vollen Namen Dominik Vona aber mit neuer Musik im Gepäck zurückgekehrt. Und die fühlt sich ein bisschen an wie nach Hause kommen an. Der Sänger hat eine unfassbar schöne Stimme, die auf „Eins“ besonders gut zur Geltung kommt, weil die Musik deutlich reduzierter und auf das Wesentliche ausgelegt ist. Ein bisschen wie bei einem Wohnzimmerkonzert von dem man eigentlich gar nicht mehr weg möchte! Dominik Vona gehört auf jeden Fall auf die Bühne und hat mit diesem Neuanfang so ziemlich alles richtig gemacht!

7. Mimi Webb – Amelia

“You should’ve seen this from the start. When you could’ve been honest, you could’ve been smart. Yeah, we might’ve touched, we might’ve kissed. But darling, I’m sorry, it’s not enough to convict.”

Ein (kleiner) Little Mix Ersatz für mich! Mimi Webb gilt seit einigen Jahren als DER Pop-Geheimtipp aus England und hat mir ihrem Debütalbum „Amelia“ schon einmal so richtig einen vorgelegt. Die Sängerin hat großes Talent, überzeugt stimmlich mit einer kratzigen Stimme, die sowohl in den Höhen als auch in den Tiefen super klingt. Ihre Texte befassen sich – wie hätte es in einer meiner Listen auch anders sein können – mit Selbstliebe und Herzschmerz. Dies verpackt Mimi Webb aber weniger in tieftraurigen Balladen, sondern liefert genau die Pop-Hymnen, die es manchmal braucht. Egal, ob sie in „House On Fire“ plant, das Haus ihres Ex-Freundes anzuzünden oder in „Red Flags“ einen Schlussstrich zu einer toxischen Beziehung zieht: Ihre Songs machen Spaß, sind frech und der beste Anti-Liebeskummer-Tipp, den es gibt!

6. Dermot Kennedy – Sonder (2023)

“I can’t promise easy days. And I can’t keep the rain away. Ain’t got a song to sing without your loving
Isn’t that worth something? I might show up a little late. I’ll try to learn from my mistakes. Ain’t got a song to sing without your loving. Yeah, isn’t that worth something? Yeah, isn’t that worth something?”

Mit “Sonder” hat Dermot Kennedy zwar schon im vergangenen Jahr sein zweites Album veröffentlicht, weil er es in einer 2023-Edition noch einmal neu herausgebracht hat und der Release damals vollkommen bei mir untergangenen ist, verdient es definitiv einen Platz in meiner 2023-Liste. Ich musste in diesem Jahr relative weite Strecken in meine Lokalredaktion zur Arbeit fahren, auf denen ich in der ersten Hälfte des Jahres fast tagtäglich die Lieder dieses Albums rauf und runter gehört habe. Dermot Kennedy hat eine Stimme zum Niederknien, die unfassbar in den Bann zieht und gleichzeitig so den Mark der Zeit trifft. Die Lyrics sind darüber hinaus der Wahnsinn! Unfassbar reflektiert lässt der Sänger tief in seine Seele blicken und schafft damit ein Highlight nach dem anderen!

5. Kelsea Ballerini – Rolling Up The Welcome Mat (For Good)

“I’m scared of looking stupid. Said I, I’m rеady now, I gotta prove it. Got a little black dress, I wanna use it. And maybe lose it on the floor that ain’t mine. I think it’s probably time to keep it movin‘. I talk a big game, that I’m scared of losin‘. Everything I knew about love is ruined, it’s so confusing. So, how do, how do I do this?”

Über TikTok bin in diesem Jahr auf Kelsea Ballerini gestoßen, von der ich davor noch nie irgendwas gehört habe. In „Rolling Up The Welcome Mat“ verarbeitet die Country-Sängerin ihr Ehe-Aus und setzt sich mit Trennungsschmerz und der Frage nach dem eigenen Lebensziel auseinander. Das macht sie auf so bewegende Art und Weise, dass mich nahezu jeder Track der EP direkt gepackt hat. Kelsea Ballerini nimmt mit auf ihr “Healing-Journey”, das nicht nur wahnsinnig inspiriert, sondern gleichzeitig fast schon einen therapeutischen Ansatz mit sich bringt. Besonders schön zu beobachten ist die Veränderung und Wandlung vom ersten bis zum letzten Track auf der EP: vom „Ich bin nicht mehr glücklich in der Beziehung“ über das „Ich entscheide mich für mich“ bis zum „Ich lasse mich wieder auf jemand neues ein“. Emotional, tiefgründig, verletzlich, ehrlich und authentisch nimmt Kelsea Ballerini auf eine sehr persönliche Reise mit, präsentiert die bisher wahrscheinlich beste Musik ihrer Karriere und schafft einen kleinen Pop-Country-Musik Meilenstein.

4. We Three – Love Me

“Lately I’m a pain in the ass. ‚Cause I think a little long when I should be thinking fast. My friends only want for me the best but I push ‚em all away and I stay where I’m at. Oh shit, I’m in my head again
Doesn’t matter where I go, doesn’t matter where I’ve been. ‚Cause my head, yeah it’s only gonna spin”

We Three waren 2022 die Neuentdeckung des Jahres für mich. Auch in diesem Jahr hat sich das Trio wieder in mein Herz geschlichen, mit „Love Me“ haben die Geschwister ein brillantes Album veröffentlicht, das unfassbar viel Tiefgang, brutale Realität, aber auch emotionale Höhnen sowie Textgewandtheit und genialen Gesang miteinander vereint. Egal, ob sie in „If I Loved A Boy” die Komplexität von diverser Liebe adressieren oder in „Hell As Well“ den Missbrauch und die Unterdrückung in der Kirche thematisieren. Auch mentale Gesundheit spielt in den Songs der Band immer wieder eine Rolle, dabei nennen We Three die Probleme beim Namen, decken unschöne Seiten auf machen sich frei von Stigmen. „Love Me“ ist eines dieser Alben, das man nicht so leicht vergisst!

3. Kayef – Good Days & Goodbyes

Fühlt sich an, wie in der Zeit zu reisen. Immer wenn ich all die alten Bilder seh‘. Ja, und wir sind immer noch die Gleichen. Ganz egal, in welchen Zeitzon’n wir jetzt steh’n. Die Bar macht zu, ein paar zieh’n weg. Ich hör‘ durch Zufall alte Tracks Fühlt sich an, wie in der Zeit zu reisen.

Butter bei den Fischen: Bis Anfang des Jahres war ich nicht wirklich Fan von Kayefs Musik. Ich habe den Sänger 2021 beim Corona Konzert von Wincent Weiss in der Lanxess Arena gesehen und dort hat er keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, was auch an einigen seiner Texte lag. Dieses Jahr hat sich das komplett gewandelt, woran gerade die Live-Show im JunkYard in Dortmund einen großen Anteil hatte: Kayef ist live einfach der Knaller! Die Energie, die er auf die Bühne mitbringt, ist überirdisch. Mit „Good Days & Goodbyes“ hat der Sänger in diesem Jahr darüber hinaus ein Album veröffentlicht, das mich von vorne bis hinten gecatcht hat. Ich mag den Vibe, die Beats, das Liebes-Drama, ich mag den Mix aus Rap und Pop und irgendwie mag ich mittlerweile auch die Texte, die vielleicht nicht weltbewegend sind, aber einen irgendwie relaten lassen und einem manchmal auch aus dem Herzen sprechen. Und genau damit hebt sich der Sänger von Kollegen wie Wincent Weiss mittlerweile deutlich ab: Er schreibt seine Songs selbst, ist mega kreativ, probiert sich aus und hat vor allem nach all den Jahren noch immer unfassbar viel Bock auf Musik.

2. Montez – Liebe in Gefahr

„Du fuckst mich ab, aber ich mag dich. Warum, weiß ich nicht genau. Ich glaub‘, dass unsre Liebe in Gefahr ist. Sag mir, merkst du das nicht auch? Wenn du mich vor die Tür schickst, du belügst dich. Ist nur vorbei, wenn da nicht noch ein Gefühl ist. Denn ich fuck‘ dich ab, aber du magst mich“

Über Montez bin ich bei Sing meinen Song gestoßen und frage mich bis heute, wie taub ich sein konnte, dass ich die Musik des Sängers vorher so gar nicht wahrgenommen habe. „Liebe in Gefahr“ ist ein super konzipiertes Deutschpop-Album, das gleichzeitig mit großer Wahrscheinlichkeit aber wieder allen „Deutsch-Poeten-Hassern“ genügend Zündstoff liefert, weil Montez Pop mit Rap mischt (Wer definiert eigentlich, wie sich Pop und wie sich Rap anhören müssen?). Luca alias Montez schafft es darauf aber nicht nur die Barrieren zwischen verschiedenen Genres verschwinden zu lassen, sondern kreiert gleichzeitig auch ein emotionales sowie ehrliches Werk. Die Songs gehen gut ins Ohr und bleiben im Kopf, weil sie so nahbar sind. Wo andere Sänger und Sängerinnen mittlerweile zu sehr in eine Richtung gehen, die dem Schlager sehr ähnelt, macht Montez Musik, die ein bisschen rauer und an einigen Stellen kantiger ist. Egal, ob das bei „Lovesong“ ist, der sich ein bisschen wie verliebt sein anfühlt, oder in emotionalen Balladen wie „Weltrekord“. Eine große Neuentdeckung für mich, bei der die Musik vor allem Live unfassbar gut und emotional wirkt!

1. Esther Graf – Nach den schlechten Tagen (EP)

„Nach den schlechten Tagen kommt erstmal nichts. Und wenn die Guten da sind, dann merkt man’s nicht. Weil man ja selbst nicht wahrnimmt, wenn man vergisst. Glaub‘, ich hab‘ grad vergessen, dass es dich gibt“

Es hat sich in den vergangenen Jahren wohl unübersehbar herauskristallisiert, dass ich bei Madeline Juno und Esther Graf zum absoluten Fangirl werde. Nicht nur, dass ich das Gefühl habe, dass wir drei denselben Ex-Freund hatten, sondern auch die Tatsache, dass eigentlicher jeder Song bei mir nach Release für Wochen auf Dauerschleife läuft, unterstreicht das noch einmal. Mit „Nach den schlechten Tagen“ hat Esther Graf ihre zweite EP veröffentlicht und mein Hörerlebnis für dieses Jahr noch einmal versüßt. Nachdem die EP „Red Flags“ sich thematisch vor allem mit einer Trennung und viel Herzschmerz aber auch Erkenntnissen auseinandergesetzt hat, legt die Österreicherin auf „Nach den schlechten Tagen“ mit einer Abrechnung mit ihrer Ex-Beziehung, Neuanfängen, neuer Liebe, ein bisschen Selbstreflexion und mentaler Gesundheit nach. Die Songs sind dabei eine Mischung aus Punk und Pop, was unfassbar gut klingt und einen enormen Wiedererkennungswert hat. Ich liebe Esther Grafs Stimme, ich liebe es, wie sie ihre Gefühle in die Texte einarbeitet, mit denen man sich unfassbar gut identifizieren kann und generell liebe ich es wie die Songs klingen: Frech, ehrlich, auf den Punkt gebracht. Eine unfassbar gute Platte, die viel, viel mehr Credit verdient und gleichzeitig Vorfreude auf das Debütalbum der Sängerin im kommenden Jahr macht!

 

Weitere gute Alben

Top 5 Konzerte

5. Montez, Carlswerk Victoria Köln, 21. 07.

4. Dermot Kennedy, Palladium Köln, 22. 03.

3. Kayef (& Esther Graf), JunkYard Dortmund, 07.07.

2. We Three, Kantine Köln, 05.10.

1. Esther Graf, Club Bahnhof Ehrenfeld, 19.04.

 

Meine Lieblingssongs

  • Bellah Mae – Drama King
  • Cian Ducrot – I’ll be Waiting
  • Dermot Kennedy – Something To Someone
  • Dominik Vona – Sterne und Monde
  • Ed Sheeran – Eyes Closed
  • Elif – Wenn ich sterbe
  • Esther Graf – Nach den schlechten Tagen
  • Esther Graf – into it
  • Esther Graf – Vergessen
  • Kayef – 19:30
  • Kayef – Bester Teil
  • Kelsea Ballerini – How Do I Do This
  • Lauren Spencer Smith – Narcissist
  • Lewis Capaldi – Heavenly Kind Of State Of Mind
  • Madeline Juno – Gewissenlos
  • Madeline Juno – Murphy‘s Law
  • Madeline Juno – Lovesong
  • Mimi Webb – Red Flags
  • Miley Cyrus – Jaded
  • Montez – Lovesong
  • Ness – Betrunken
  • Olivia Rodrigo – Vampire
  • Picture This – Song To Myself
  • Tate McRae – Exes
  • Tom Twers – Würdest Du’s Nochmal Tun?
  • We Three – If I Loved A Boy

Neuentdeckungen in diesem Jahr

  • Ness
  • Tom Twers
  • Lea x Linda

 

Die Rechte für die Cover am Beitragsbild liegen bei Geffen, Music For Nations, Beton Klunker Tonträger, Fueled By Ramen, Universal Music, Young,  Sony Music, Tautorat Tonträger, Annenmaykantereit Records, Mercury Records, Grand Hotel Van Cleef & SM Entertainment.

 

 

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