Jahresrückblick 2021: Emilia

Ich habe lange überlegt, wie sich mein Jahr am besten kurz und knapp zusammenfassen lässt. Aber mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich sagen kann: Ich glaube, das geht einfach nicht. 2021 war ein wahnsinnig intensives Jahr, in jeder Hinsicht. Persönlich, beruflich, emotional, gesellschaftlich, positiv wie negativ – aber natürlich auch musikalisch. Musik hat mich in diesem Jahr so sehr begleitet, wie schon lange nicht mehr. Unzählige Erlebnisse, Phasen und Momente dieses Jahres haben ihren ganz eigenen Soundtrack. Und da ich euch den natürlich nicht vorenthalten will, geht es auch direkt los mit meinem musikalischen Jahresrückblick auf dieses in jeder Hinsicht besondere Jahr.

Meine Alben des Jahres

Auch wenn mein Jahr eher von unzähligen Playlists für jede Lebenslage geprägt war, und ich gefühlt seltener als sonst ganze Alben am Stück gehört habe, war dieses Jahr, was Album-Releases angeht, stärker als gedacht. Eine kleine Auswahl der Platten, die mich dieses Jahr am meisten begeistert haben:

1. Drangsal – Exit Strategy

Ich kann manchmal gar nicht genau sagen, was ich an der Musik von Drangsal so sehr mag. Aber was ich sagen kann, ist, dass es kaum einen Song von ihm gibt, den ich nicht mag. Und auf „Exit Strategy“ schon gar nicht. Dieses Album ist so sehr Indie, so sehr Pop, so sehr New Wave, so sehr Schlager, so sehr Drangsal. Er dehnt Stil- und Geschmacksgrenzen so weit aus bis sie quasi nicht mehr existent sind und erschafft seinen ganz eigenen Sound – und das, obwohl der Wandel darin eigentlich nur eine logische Konsequenz aus der Musik ist, die er bislang so gemacht hat. Für mich definitiv die beste Platte des Jahres.

 

2. Leoniden – Complex Happenings Reduced To A Simple Design

Die dritte Platte der Leoniden ist mal wieder eines der besten Beispiele dafür, warum es noch Alben gibt und man diese auch hin und wieder mal am Stück hören sollte. Wird man zunächst etwas erschlagen vom Titel „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“ und der Titel-Zahl von 21, so versteht man aber spätestens nach einem kompletten Durchlauf, was die Band hier geschaffen hat: Ein Album, das musikalisch zwar wahnsinnig komplex und vielschichtig ist, in der Form aber doch auf das Simpelste heruntergebrochen ist und im Hörverlauf fast wirkt, wie eine ihrer crazy Live-Shows. Ganz groß.

 

3. Alli Neumann – Madonna Whore Komplex

Alli Neumann hat spätestens mit dieser Platte bewiesen, dass sie mehr ist, als der „Deutsche Indie-Geheimtipp“. Auf „Madonna Whore Komplex“ zeigt sie musikalisch ein deutlich breiteres Repertoire, als das noch bei ihren beiden EPs „Hohes Fieber“ und „Monster“ der Fall war. Eine Platte, auf der sie zeigt, was sie alles sein kann und die voller feministischer Statements und Abrechnungen mit dem Patriarchat ist – und damit perfekt in diese Zeit passt.

 

4. Girl in red – if I could make it go quiet 

Review: Kaum ein Album wurde mehr von der LBTQI*-Community erwartet als das Debüt von girl in red. Autorin Emilia ist begeistert.

Auf kaum ein Album wurde so im Indiepop dieses Jahr so sehr hingefiebert, wie auf das von girl in red. Und das Warten auf das Debüt der Norwegerin hat sich gelohnt. Die Platte ist wahnsinnig emotional und funktioniert fast wie eine Reise durch das Innere von girl in red. Mal laut, mal leise, mal poppig-tanzbar und mal in ruhige Indie-Klänge gehüllt. „if i could make it go quiet“ ist ein wahnsinnig persönliches und komplexes Album, das so vielseitig und doch so stimmig ist.

 

5. Mine – Hinüber

Mine-Hinüber-Cover

Dass ich großer Fan von Mine und ihrer Musik bin, ist spätestens seit dem letzten Album „Klebstoff“ kein Geheimnis mehr – 2019 war das sogar auf Platz 1 meiner Jahrescharts. Nun kam mit „Hinüber“ das nächste Album der Sängerin raus und ich bin wieder einmal begeistert. Poppige Sounds, Herzschmerz-Songs und musikalische Experimente, auf diesem Album ist wirklich was los und trotzdem fügt sich alles irgendwie zusammen. Das, was Mine da macht, ist einfach große Kunst.

 

6. Shelter Boy – Failure Familiar

7. MARINA – Ancient Dreams in a Modern Land

8. Jeremias – golden hour

9. Olivia Rodrigo – SOUR

10. Arlo Paks – Collapsed in Sunbeams

11. Blackout Problems – DARK

12. Maeckes – POOL

13. Levin Goes Lightly – Rot

14. Lorde – Solar Power

15. K.I.Z – Rap über Hass

Meine Songs des Jahres

Neben all diesen wundervollen Alben haben es aber auch viele einzelne Songs dieses Jahr immer wieder in meine Playlists geschafft und mich lange begleitet. May I proudly present – der Soundtrack meines Jahres:

1. KUMMER feat. Fred Rabe – Der letzte Song (Alles wird gut)

2. Glass Animals – I Don’t Wanna Talk (I Just Wanna Dance)

3. Paula Hartmann – Truman Show Boot

4. Bilderbuch – Zwischen deiner und meiner Welt

5. Drangsal – Rot

6. MARINA – Purge The Poison

7. Jeremias – nie ankommen

8. Verifiziert – Stromausfall

9. Leyya – Lately

10. Mine – ELEFANT

11. Schmyt – Poseidon

12. Shelter Boy – Absence

13. Maeckes – Emilia

14. Power Plush – Feelz

15. Wet Leg – Wet Dream

 

Neuentdeckungen und Überraschungen des Jahres

So froh ich darüber war, dass dieses Jahr einige meiner Lieblingskünstler:innen (Drangsal, Leoniden, Mine, etc.) neue Musik veröffentlicht haben, so sehr hat es mich auch gefreut, dass ich in den vergangenen zwölf Monaten wahnsinnig viel neue Musik entdecken konnte. Sei es durch Freund:innen, Rezensionen, Playlists auf Streaming-Plattformen oder durch Social Media (vor allem über TikTok habe ich dieses Jahr super viel neue Musik gefunden). Allen voran steht dabei eine Gruppe deutscher Künstler:innen, die die deutsche Rap- und Indieszene noch nachhaltig prägen werden oder das bereits tun. Während ich Edwin Rosen schon etwas länger auf dem Schirm hatte, aber erst dieses Jahr so richtig für mich entdeckt habe, erlebte Anfang des Jahres noch ein anderer Künstler einen kleinen Hype in der Szene, von dem ich mich direkt habe anstecken lassen: Mit „Gift“ hat Schmyt eine starke EP abgeliefert – ich bin gespannt, was da noch kommt.

Ähnlich ging es mir – wie wahrscheinlich so vielen dieses Jahr – mit Paula Hartmann und Nina Chuba, die mit ihrem Sound ebenfalls frischen Wind in die deutsche Musikszene bringen. Aber auch mein Indie-Herz kam nicht zu kurz: Aus dem Chemnitzer Musikkosmos rund um Kraftklub, Blond und Shelter Boy gibt es mit Power Plush nun die nächste vielversprechende Band, die dieses Jahr ihre erste EP und mit „Feelz“ einen meiner Lieblingssongs des Jahres releast hat. Aber auch auf internationaler Ebene konnte ich einige Indie-Gems ausgraben: Angefangen mit Wet Leg über Snail Mail bis hin zu LEEPA hat dieses Jahr doch einiges zu bieten gehabt.

Dieses Jahr war aber nicht nur voller Neuentdeckungen von Künstler:inenn, die ich vorher noch nicht kannte, sondern hielt auch einige Überraschungen von bekannten Musiker:innen bereit. So habe ich mich nicht nur einmal dabei ertappt, wie ich bei Shirin Davids „Bitches brauchen Rap“ mitgerappt habe und hatte plötzlich auch einige Songs von Lil Nas X in meiner Playlists – beides Dinge, die vor zwei Jahren wohl noch nicht unbedingt so passiert wären. Ebenfalls überraschend für mich entdeckt habe ich dieses Jahr Little Simz, nachdem ihr Album „Sometimes I Might Be Introvert“ von nahezu allen Kritiker:innen in höchsten Tönen gelobt wurde und auch in sämtlichen Jahresbestenlisten auf den vorderen Plätzen landete. Für genau so etwas liebe ich Musikjournalismus.

Enttäuschungen des Jahres

Ich würde mir wünschen, dass es diese Rubrik gar nicht geben müsste, aber auch in diesem Jahr haben mich einige Künstler:innen und Releases dann doch eher enttäuscht. Sehr große Erwartungen hatte ich beispielsweise an das neue Album der Parcels, „Day/Night“. Nachdem mich aber schon die Singleauskopplungen nur teilweise überzeugen konnten, plätscherte auch das Album eher so dahin und kaum ein Song blieb bei mir so richtig hängen.

Ähnlich ging es mir mit Billie Eilish. Auch wenn „Happier Than Ever“ selbstverständlich kein schlechtes Album ist, wurde es meinen hohen Erwartungen nach dem grandiosen Debüt dann leider doch nicht gerecht. Eine ebenso mittelmäßige Platte gab es dieses Jahr in meinen Augen von Clairo, die mit Songs wie „Sofia“ die Latte sehr hoch gelegt hatte und mit „Sling“ meinen Geschmack leider nicht mehr so sehr traf. Aber hey – dass die Enttäuschungen des Jahres nur Alben waren, die mir eben nicht ganz so gut gefallen haben und nicht solche, die ich schrecklich fand, ist doch auch schon mal was, oder?

Honorable Mentions

Neben all diesen Lieblingen, Überraschungen und Enttäuschungen gibt es aber natürlich auch noch die Musik, die in keine dieser Kategorien so recht reinpasst, hier aber trotzdem Erwähnung finden soll. Den Anfang macht dabei eines der wohl größten Pop-Phänomene dieses Jahres: Die italientische Band Måneskin, die nach ihrem Sieg beim diesjährigen Eurovision Song Contest einen krassen Hype erfahren hat – zu recht, wie ich finde. Eine junge, alternative Band, die frischen Wind in den teils verstaubten Contest bringt und noch dazu richtig gute Musik macht. Hoffen wir, der Hype bleibt nicht nur ein Hype.  Und dann wäre da noch Danger Dan, der mit seinem Song „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ und dem gleichnamigen Album einen der grandiosesten Texte des Jahres geschrieben hat und dafür vollkommen zu recht überall gefeiert wurde.

Wie jedes Jahr ist dieser Rückblick mal wieder länger geworden als geplant – und das obwohl ich zum einen gar nicht auf Konzerte und Live Shows eingegangen bin (for obvious reasons, ich war in diesem Jahr auf sage und schreibe drei Konzerten) und zum anderen so viele tolle Musiker:innen noch gar keine Erwähnung gefunden haben, obwohl ich auch sie dieses Jahr wahnsinnig gerne gehört habe. Courtney Barnett, Novaa, Krakow Loves Adana, Cassia und all die anderen – this goes out to you. Hoffen wir, dass der Live-Anteil in meinem Rückblick 2022 wieder etwas größer werden darf und das kommende Jahr musikalisch noch besser wird als dieses. Das wäre doch mal was in dieser komischen Zeit.

 

Die Bildrechte für die Albencover liegen bei Virgin Music, Irsinn Records, JAGA Recordings, AWAL Recordings und Caroline.

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