Die Cher Show, Motorworld Köln, 20.01.2026

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Musical-Deutschland ist tendenziell eher langweilig gestrickt. Eigentlich ist das Erfolgsrezept nämlich ganz einfach: Wenn du ein neues Musical zeigst, dann muss es entweder auf einem erfolgreichen Film beruhen, im Bestfall sogar eine Disney-Vorlage, oder du machst alternativ ein Jukebox-Musical mit großen Hits. Alles andere ist quasi zum Scheitern verurteilt. Doch das Team ShowSlot macht es sich nicht ganz so einfach und hat vor allen Dingen eins verstanden: Wer nach Stücken schaut, auf die deutsche Fans schon lange warten, bekommt zwar nicht das allergrößte Publikum, aber dafür ein sehr treues. Somit ist Die Cher Show die nächste schlaue Idee in dem Kosmos und reiht sich wunderbar ein.

Nach vielen Überraschungen der letzten Jahre wie „Fack Ju Göhte“ , „Saturday Night Fever“ , „Rock of Ages“ , „Ghost – Nachricht von Sam“ , „Footloose“ , „Das Spongebog Musical“ und vor wenigen Wochen „Eine Weihnachtsgeschichte“ , die mal ganz nett, oft aber auch echt gut waren, plus der besten Musical-Gala überhaupt, „Musical Revolution“ , hat man das Konzept erfolgreich etabliert. Zwar muss man im Vergleich zu den ganz großen Ensuite-Produktionen ein paar Abstriche machen, aber das ist zu verschmerzen, wenn dafür eben das Programm äußerst abwechslungsreich ist und gleich mehrmals im Jahr etwas Frisches bietet. Ok, gut. Die Cher Show ist ein Jukebox-Musical, fein. Also eigentlich folgt man dem „Deutschem Musical-Gesetz“ – aber es ist ein Musical, das es bisher noch nicht in der DACH-Region zu sehen gab und das sowieso bisher wenig Beachtung bekam, fiel es an vielen Orten der Corona-Pandemie zum Opfer und musste vorzeitig abgesetzt werden.

2018 in Chicago gab es die Weltpremiere, kurz darauf ging es schon an den Broadway. In Europa startete man im April 2022 mit einer UK-Tour, im Dezember 2025 war es dann endlich auch auf Deutsch so weit, nämlich in Wien. Am 20.1., einem Dienstag, gibt es in Köln die erste Vorstellung in NRW. Die Motorworld zeigt bis zum 25.1. insgesamt sieben Vorstellungen. Zwölf Städte stehen bis Ende April auf dem Tourplan, der letzte Vorhang bei rund 120 Shows fällt schließlich in Berlin.

Cher. Warum hat die denn eigentlich erst jetzt ein Musical? Das hat aber gedauert, oder? Schon. Als eine der letzten, großen Diven des Pop-Business war es nur eine Frage der Zeit, bis die Queer-Ikone ihre eigene Show bekommt. Die im Mai 80 (!) Jahre jung werdende Kalifornierin macht seit sechs Dekaden Musik. Seit. Sechs. Dekaden. Das ist wirklich Wahnsinn. Auffallend ist dabei aber trotzdem, dass sie zumindest hierzulande vergleichsweise nicht ganz so viele große Hits hat. Man findet Cher womöglich viel mehr wegen ihres besonderen Gesamtpaketes gut. Die ist einfach sehr unique. Jede*r mag ein paar ihrer Songs, jede*r feiert einen ihrer Filme, jede*r feiert diese besondere Aura, wenn sie irgendwo auftritt.

Somit ist es auch nur konsequent, wenn in Die Cher Show sie selbst komplett im Fokus steht. Statt wie bei „Mamma Mia“ oder „Bat out of Hell“ , bei denen um den Künstlerkatalog eine fiktive Story gesponnen wird, darf hier Cher das Centre of the Universe sein. Natürlich ungünstig, dass bei so einer besonderen Person nicht die Originale auf der Bühne steht, mit der das Ganze noch sehr viel überzeugender rüberkäme, aber das, was man in Köln zu sehen bekommt, funktioniert auch so ziemlich ordentlich.

Gleich drei Charaktere stehen sinnbildlich für das große Leben der Künstlerin. Babe Cher, Lady Cher und Star Cher sind drei Figuren, die einen Dialog miteinander führen und sozusagen ihre eigene Biografie reflektieren. Alle kommentieren den jeweiligen Lebensabschnitt der anderen. Dabei steht Babe für die Beziehung zu ihrem ersten Ehemann Sonny, Lady für ihren Karriereumschwung als Schauspielerin und so manche Identitätskrise und Star für den legendären Status ab Ende der 80s bis heute. Alle Drei treten immer wieder auf, sodass die Bühnenpräsenz in etwa ausgeglichen ist, auch wenn Star, gespielt von Sophie Berner (u.a. „Moulin Rouge“ ), die Cher-Revue ein bisschen hostet.

Die Cher Show zeigt eine Rückschau auf Chers Karriere. Dabei wird in ihrer Kindheit gestartet und mit ihrer „Farewell“-Tour geendet, mit der sie Mitte der 2000er einen Weltrekord aufstellte. Der Name des Musicals spiegelt ihre eigene TV-Show wider, die heute stark in Vergessenheit geraten ist, ist sie schließlich ein halbes Jahrhundert her und in erster Linie für ein US-Publikum relevant, aber in Fankreisen immer noch Kultstatus innehält.

Gespielt wird auf einer halbrunden Bühne, die einem Club ähnelt. Viele Scheinwerfer zeigen auf die Fläche in der Mitte, außerdem springt einem der Name Cher in locker 50-facher Ausführung direkt ins Gesicht, steht er nämlich auf jeder freien Fläche. Der zwei-etagige Aufbau beinhaltet mehrere Screens, auf denen überwiegend ruhige Visuals gezeigt werden, die an manchen Stellen durchaus noch mehr zeigen dürfen. Hier und da gehen Türen auf, sodass die zwei Cher-Charaktere, die gerade nicht aktiv handelnd sind, passiv auf das Geschehen hinabschauen können. Das Erwähnenswerteste: Endlich hat ShowSlot um eine fünfköpfige Liveband aufgestockt, die sich im oberen Teil der Stage befindet und hin und wieder zu sehen ist. Ein absolutes Plus und eine tolle Entwicklung.

Die Cher Show hat ein paar Mängel, aber noch mehr Stärken. Wie für eine Tourproduktion üblich, die teilweise gerade einmal fünf Tage an einem Spielort verweilt, ist das Bühnenbild nicht super aufwändig, aber absolut in Ordnung. Das Design hätte mit etwas weniger Werbe-Feeling für Cher noch besser funktioniert. Richtige Wechsel im Setting gibt es nicht, stattdessen werden die vielen Spielszenen durch Klamotten und Requisite veranschaulicht. Das Kostüm ist bei den sieben Darsteller*innen, die auch Dialoge spielen, echt gut und erfolgreich an den stylischen Originalen orientiert, dafür aber bei der zehnköpfigen Dance-Crew etwas eindimensional. Ein weiteres Minus ist leider mal wieder der Sound, der in der Motorworld erneut etwas schwierig ausfällt – zumindest anfangs. Gerade in den ersten zehn Minuten hat man mit der Bandabmischung erhebliche Probleme, sodass der Bass viel zu leise daherkommt. Noch schlimmer ist der Ausfall des Mikrofons eines Hauptcharakters, das selbst mit einem Ersatzmikro über fünf Minuten nicht behoben werden kann. Doch zum Finale bessert sich alles, sodass es bei ruhigen, intimen Augenblicken doch noch zu starken Schauern über den Rücken kommen kann.

Und dafür zuständig ist die wirklich extrem gute Cast. Die Cher Show geht ab sofort neben „Wicked“ und „Mamma Mia“ als das Musical mit den ganz starken Frauen ins Rennen. Babe, Lady und Star haben viel Zeit auf der Bühne, somit ordentlich zu tun und zeigen nicht nur starke Soloperformances, sondern noch mehr ein sehr stimmiges Gesamtbild. Zwar hat Hannah Leser als Lady etwas schwächere Nummern, sodass sie wohl nicht ganz abliefern kann, wie sie wahrscheinlich fähig wäre, trotzdem hat sie mit „The Beat Goes On“ eine minutenlange starke Shownummer mit Hebefiguren und allem, was es braucht. Pamina Lenn als Babe und Sophie Berner als Star liefern sich aber ein gnadenloses Kopf-an-Kopf-Rennen um den Abendsieg. Pamina darf nach ihrem Mitwirken in den „Ku’damm“ -Musicals in Berlin einen riesigen Sprung in die erste Liga der jungen Darstellerinnen des Landes hinlegen. Gleich mehrere High Notes gehen auf ihre Kappe, die alle sowas von überzeugen, da gibt es zurecht Szenenapplaus. In Kombination mit der nächsten Überraschung – nämlich Jan Rogler als Sonny – gibt es eine ganz starke Gänsehaut-Interpretation von „I Got You Babe“, mit der man so nicht rechnen durfte. Sowieso hat Jan Rogler einen unglaublich tollen, klaren Sound und macht mehrere emotionale Momente zu Highlights. Der verdient dringend mehr Aufmerksamkeit, Leute!

Sophie Berner kann nach ihrer Satine in „Moulin Rouge“ die nächste Performance zeigen, die im Kopf bleibt. Ob mit der melancholischen Kampfansage „You Haven’t Seen The Last Of Me“, der Rockballade „I Found Someone“ oder dem zeitlosen Welthit „Believe“ – jedes Mal sitzen die Töne genau da, wo sie hingehören. Zwar verstellt Sophie ihre Stimme recht wenig, sodass sie immer eindeutig wie sie selbst klingt und nicht wie ein Cher-Double – das machen Pamela und Hannah etwas anders und sind mehr bemüht, der Vorlage soundtechnisch gerecht zu werden – aber ihre Leidenschaft und Energie machen aus den kraftvollen Popsongs mindestens genauso kraftvolle Musicalsongs. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass die gesamte Cast auch toll schauspielert, ist das Stück doch dialoglastiger als man zunächst vermutet. Alle scheinen aber Spaß an der Show zu haben und sind stets fokussiert dabei.

Der größte Mangel ist dann am Ende allerdings das Libretto. Das liegt gar nicht daran, dass Gags oder Dialoge schlecht geschrieben sind – das ist nämlich alles solide. Es liegt viel mehr daran, dass die Biografie von Cher einfach nicht so viel hergibt. Der Inhalt ist schlichtweg nicht so spannend. Jetzt auch nicht total leer, aber für ein 135-minütiges Musical, das genau auf der Hälfte durch eine 25-minütige Pause unterbrochen wird, etwas zu wenig. So gibt es zumindest im ersten Akt, der Chers Karriere bis Mitte der 70s umfasst, also die ersten 15 Jahre, eindeutige Längen – während dann in der zweiten Hälfte fast schon in Raketengeschwindigkeit die nächsten 30 Jahre behandelt werden. Das ist nicht ganz so gut gewichtet. Dafür reißen die Songs einiges raus. Natürlich kann von den 106 Singles, die der Entertainment-Dino veröffentlicht hat, nicht alles in ein zweistündiges Stück reingequetscht werden. Mit 35 ausgewählten Tracks hat man schon ordentlich viel berücksichtigt, jedoch auch hier im ersten Akt etwas komisch gewählt. Gibt es bestimmt vier oder fünf Songs, die nur Hardcore-Fans kennen dürften, schaffen es Classics wie „Heart of Stone“, „Walking in Memphis“, „Love Can Build A Bridge“, „Love and Understanding“ oder „After All“ gar nicht ins Musical. Da jedoch viele Singles auch nur in bestimmten Teilen der Welt veröffentlicht wurden, ist es bestimmt auch schwer den richtigen Weg zu finden. Mit Sicherheit ist man bei der Setlist eher am amerikanischen Publikum orientiert geblieben.

Dafür zünden „If I Could Turn Back Time“ als thematisch passender Opener, „Strong Enough“, „The Shoop Shoop Song (It’s in His Kiss)“ oder auch spätere Dance-Nummern wie „All Or Nothing“ und „Song For The Lonely“ ein Stimmungsfeuerwerk an. Sowieso werden die Songs nicht chronologisch gesungen, sondern den Szenen entsprechend ausgewählt. Nachdem es gen Ende des ersten Aktes eine sehr emotionale, unglaublich toll harmonierte dreistimmige Balladen-Version von „Believe“ gibt, folgt zum Finale, bei dem das Kölner Publikum sofort aufspringt, der bekannte Banger, der den Vocoder-Effekt salonfähig machte, gepaart in einem Medley mit allen starken Momenten der vorangegangenen Show. Die Cher Show ist zwar inhaltlich nur ok und auch im Bühnenbild nicht der Höhepunkt der Saison, dafür aber im Kostüm, schauspielerisch und noch mehr gesanglich ein echt dickes Package. Liebhaber*innen von Cher, die sich darauf einlassen können, dass es keine klassische Tribute-Show ist, bei der ihre Künstlerin so gut wie möglich imitiert wird, sondern es mehr um den Weg zu einer der letzten lebenden Pop-Diven geht, kommen voll auf ihre Kosten – ebenso Musicalgänger*innen, die wieder Bock haben, etwas Neues zu entdecken.

Weitere Termine:

bis 25.01. Motorworld, Köln
28.01.-01.02. myticket Jahrhunderthalle, Frankfurt am Main
10.02.-13.02. Messe, Dresden
15.02.-22.02. Inselpark Arena, Hamburg
24.02.-08.03. Deutsches Theater, München
11.03.-15.03. Theater am Marientor, Duisburg
20.03.-26.04. BlueMax Theater, Berlin

Und so sieht das aus:

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Foto von Christopher Filipecki

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